Die Bockerlfraß kriegen - (bei einer Tätigkeit) verrückt werden

Eher eine Ausdruck der "wienerischen Mundard"
Unter Frasen wurden einst Krankheitsbilder wie Epilepsie und Schüttelfrost zusammengefasst. Mit Pockerl bezeichneten die alten Wiener den Truthahn. Aus der Redensart, ”rot z’wern wia’r a g’razts (gereiztes) Pockerl” entstand die mit Gesichtsröte einhergehende Frasen, eben die Pockerlfras.
Mit Magie gegen die Bockerlfraß

Hexensprüche und Fetische sollten gegen die gefürchtete Kinderkrankheit helfen. Die Anfälle im frühen Kindesalter waren die häufigste Todesursache bei Säuglingen. Die Ursache war ein durch die fast ununterbrochenen Schwangerschaften der Mütter hervorgerufener massiver Kalkmangel – was allerdings lange Zeit nicht bekannt war. Gegen eine so rätselhafte Krankheit konnten also nur magische Kräfte helfen.

Die Fraisen – abgeleitet vom Mittelhochdeutschen „vreise“, was soviel wie Angst, Wut, Schrecken oder Angst bedeutet –, „in Froas fallen“, im Osten Österreichs auch Bockerlfraß genannt, war einst eine der gefürchtetsten und gefährlichsten Kinderkrankheiten. Da die Ursache unbekannt war, versuchte man das Kind sowohl mit religiösen als auch mit abergläubischen Heilpraktiken – Hexensprüchen, Beschwörungen, Abwehrzaubern oder dem Gebrauch von Fetischen und Amuletten – zu schützen.

Die am häufigsten genannten Todesursachen in historischen Sterbeurkunden aus dem deutschen Sprachraum sind bei alten Menschen „Wassersucht“ und Altersschwäche, bei Säuglingen die Fraisen. Die „Wassersucht“ lässt sich leicht als Herzinsuffizienz, kardiale Dekompensation, identifizieren. Bei den Fraisen ist eine Identifikation nicht so einfach.
Die auch heute noch gelegentlich Fieberfraisen, Infekt-, Zahn- oder Fieberkrämpfe genannten Anfälle im frühen Kindesalter sind meist Krampfanfälle, die im Rahmen eines fieberhaften Infekts ohne entzündliche Beteiligung des Zentralnervensystems auftreten. Diese einfachen Fieberkrämpfe machen 80 bis 90 Prozent der Fieberkrämpfe aus. Sie sehen für Laien zwar furchtbar bedrohlich aus, sind aber meist harmlos und in der Regel ohne Folgeschäden. Nicht so harmlos waren aber die eigentlichen Fraisen. Sie waren dazumal eine der gefürchtesten Kinderkrankheiten überhaupt.
Die Ursache war ein durch die fast ununterbrochenen Schwangerschaften der Mütter hervorgerufener massiver Kalkmangel, der bei vielen Säuglingen im Alter von etwa drei Wochen unter heftigsten Krampfzuständen zum Tod führte. Dieser Zusammenhang war naturgemäß nicht bekannt, und da es gegen diese scheinbar ohne Ursache auftretende – also angezauberte oder durch Erschrecken der Mutter während der Schwangerschaft entstandene – Krankheit kein wie immer geartetes medizinisches Mittel gab, konnte sie also nur mit religiösen, pseudoreligiösen oder magischen „Heilmittel“ bekämpft werden.
So genannte Fraisenhauben mit aufgemalten religiösen Sujets – Muttergottesbildchen oder Darstellungen des heiligen Valentin, des Schutzheiligen der Epileptiker, der auch für die Fraisen zuständig war – bekamen die Gebärenden schon prophylaktisch aufgesetzt. Neunteilig gefaltete Zettel, so genannte Fraisbriefe, die mit Gebeten, frommen Wünschen – „Ich töte durch große Macht und den hl. Namen Jesu alle 77 Freis“ – oder magischen Sprüchen bedruckt waren, wurden dem Kind zum Schutz auf die Brust gelegt.
Zu den religiösen Amuletten gehörte auch der „Schreckstein“ gegen die Fraisen, der „Fraisenstein“. Es war dies ein Tonplättchen von einem Wallfahrtsort mit der aufgemalten Darstellung eines Gnadenbildes der „Heilstätte“ auf der Vorderfläche. Von der unbehandelten Rückseite konnte der „geheiligte“ Ton abgeschabt werden und in einem Getränk dem Kranken „einverleibt“ werden. Vom „Einverleiben“ erwartete man sich eine besonders starke Wirkung. Mumifizierte Mäuseköpfe, Auerhahnzungen, verbrannte Pfauenfedern, Maulwurfszähne, Schwalbennester, Teile der getrockneten Nabelschnur kamen als Schutzamulette ebenso zum Einsatz wie lebendig auseinander gerissene Hühner und Tauben, die blutwarm prophylaktisch auf den Kopf gelegt wurden und so die Fraisen verhüten sollten.
Noch unappetitlicher war die Methode, dem Kind noch vor der Taufe einen lebend abgebissenen Mäusekopf um den Hals zu hängen oder einen in gleicher Weise gewonnenen Kopf einer Rutte – ein Süßwasserfisch – zu trocknen und ebenfalls vor der Taufe pulverisiert einzugeben. Der mächtigste und potenteste Schutz war aber zweifelsohne die „Fraisenkette“. Sie bestand sowohl aus christlich- religiösen Schutzmitteln als auch aus magischen Amuletten in meist ungerader Anzahl.

 

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. 16 Bde. [in 32 Teilbänden]. Leipzig: S. Hirzel 1854-1960. -- Quellenverzeichnis 1971

FREIS,FREISE, f. tentatio, discrimen, periculum, ahd. freisa, mhd. vreise, alts. frêsa, nnl. vrees, vreeze, bair. frais, kärnt. frâs. fehlt bei FRISIUS, MAALER, DASYPODIUS. ahd.

in tôd ni gigiangin, noh in freisa niheina.
O. II. 6, 16;

thier fon thên freisôn retita.
III. 8, 49;

taჳ was imo freisa wider den chuning, das brachte ihm gefahr bei dem könig. N. Bth. 122; alts.

ne quam ic thi te ênigun frêsôn herôd.
Hel. 8, 10;

nis it im te oðron frêsôn giduan.
121, 20;

mhd. dô diu vreise zergienc
und ëჳ ze wëtere gevienc.
Iw. 673;

dô ër deheine vreise sach
wëder in dër burc noch dervor.
6184;

daჳ in harte wol sîn sëgen
gevrist vor aller vreise.
Greg. 3197;

in nam dër kurzen reise
grôჳ angest unde vreise.
Trist. 230, 2;

nu stêt dër recke Hartmuot vor Waten in grôჳer vreise.
Gudr. 1480, 3;

ëჳ lac ein ûr ûf jënre heide in wilden vreisen tôt.
Wartb. kr. Simr. 231, 6;

dën umbezôch ein grôჳer walt,
dër was nâch vreise gestalt.
krone 26206;

vil manigem recken geschiht
dër manic vreise muoჳ sëhen.
26962,

dô ër die vreise vor im sach.
Wigal. 20, 23;

swaჳ vreise ir in dër wërlte welt.
21, 7;

dëm rîter was zër vreise gâch.
51, 21;

daჳ lant ist alleჳ vreisen vol.
BON. 43, 14;

die wëge die sint vreisen vol.
90, 9.

die belege zeigen, dasz das wort gern im pl. steht, wie wir auch die gefahren sagen. wie der heiland in der stelle O. III. 8, 49 das schif aus dem tobenden sturm rettete und Iw. 673 das unwetter aufhört, wird auch sonst noch (mhd. wb. 3, 398b) vreise vǫn der wassersnoth gebraucht, es bedeutet also eine grosze, schwere gefahr. hat unser herre der apt dehein freise (schwebt er in gefahr, bricht der feind ein?), so sol der vogt füren die zinse, die pfert und die lüte mit sime geleite über Thur, also daჳ enhein schaden geschehe. weisth. 4, 105. nhd. erscheint aber der ausdruck weit seltner und wird, fast euphemistisch, sowol von dem peinlichen gericht als von lebensgefährlichen krankheitsanfällen verwandt, namentlich von fallender sucht und krämpfen: ein garaus machende freise (eine den tod bringende krankheit); Tullia wurde nach dem schlaf noch kränker und bekam die frais, welche sie folgends hinrichtete. ABELE 4, 218; darüber der kranke bitterlich weinte und mich mit erblaszten augen ansahe und die freis (den allgemeinen menschenwürger) bekame. 4, 311. vorzüglich bezeichnet freis die schäuerchen oder verzuckungen kleiner kinder. mythol. 1111. WEINHOLD schles. wb. 23b. LEXER 102; das wasser von den jungen schwalben ausbrennen für die frais. HOHBERG 1, 118b, vgl. 1, 138a. 237b. 238a und öfter. im nnl. vrees liegt weniger die gefahr als die furcht und empfindung: ik heb er geene vrees voer, keine furcht davor; vrees aan jagen, furcht einjagen; vrees voor god, gottesfurcht.