Kalkbrennen im Waldviertel

ein (fast) ausgestorbenes Gewerbe

Durch Ortsnamen, wie Kalkgrub (1096: "Chalchgrubi") im Gemeindegebiet von Kottes, weiß man, daß die Nutzung der geogenen Rohstoffe des Waldviertels schon im 11. Jahrhundert betrieben wurde, denn damit war nichts anderes gemeint, als eine Grube, die dem Kalkbrennen diente.

Wie verbreitet die Kalkbrennerei in früheren Jahrhunderten wirklich war, weiß man aufgrund der spärlichen Hinweise nicht, doch sie gehörte seit jeher zum festen Bestandteil Waldviertler Lebens. Urkundlich belegt sind Kalköfen in Weitra (1425), Pernegg (1465), Merkenbrechts, Wurmbach und Steinbach (1530), Gmünd (1543), Primmersdorf (1574), Scheideldorf (1581), Grub (1593), Albrechtsberg (1622), Germanns und Äpfelgschwendt (1673), Weinpolz (1694), Brunn/Wild (1712), Richterhof bei Kottes (1720), Krumau (1767), Rastbach und Brand (1783). Manche, wie Scheideldorf (zwischen Göpfritz/Wild und Schwarzenau), waren für ihre Qualität so berühmt, daß sie sogar die böhmische Glasindustrie belieferten.

Im 19. Jahrhundert ist allgemein eine stark erhöhte Bautätigkeit zu verzeichnen. Es gibt Kalkbrennereien in fast allen Bezirken. In manchen Dörfern brannte so gut wie jeder Bauer Kalk und praktisch jeder Ort mit geeignetem Rohstoff besaß seinen (oft auch mehrere) Kalköfen. Zentren der Kalkbrennerei waren der Töpenitzgraben bei Kleinenzersdorf, Brunn/Walde, Scheutz, Ober- und Unterthürnau, Rabesreith und Nonndorf, Unter-Thumeritz, Dappach, Germanns und Weinpolz, Elsarn, der Gföhlerwald und Pöggstall, sowie die Herrschaften Wildberg, Raabs, Primmersdorf und Drosendorf.

Doch wurde der Branntkalk im 20. Jahrhundert allmählich von den industriell hergestellten Baustoffen Beton und Gipsmörtel abgelöst. Die kleinen bäuerlichen Kalkbrennereien erlebten zwar nach dem 2. Weltkrieg infolge des Wiederaufbaues noch einmal eine kurze Blütezeit, hörten aber allerorten in den 50er- und 60er-Jahren auf zu existieren. Der letzte wurde Ende der 70er-Jahre stillgelegt. Viele der Kalköfen verfielen, wurden von der Natur zurückerobert und durch Pflanzen überwuchert, bei Straßen- und Hausneubauten abgerissen, eingeebnet und die Steine wiederverwendet. Oft genug wurden sie im Nahbereich der Häuser von den Anrainern als Müllkippe genutzt. Gut erhaltene oder gar mit geringem Aufwand funktionstüchtige Öfen sind schon eine große Seltenheit.

Bis ins 19. Jahrhundert waren die Kalkbrennstätten einfache Erdgruben ("Kalkmeiler") mit einem Durchmesser zwischen 3 und 7 Metern. Die gemauerten Feldöfen des 19. und 20. Jahrhunderts waren rechteckig bis quadratisch, rund oder oval mit einem Durchmesser von bis zu 4 und einer Höhe bis über 3 Metern. Nach oben gingen sie kuppelförmig (mit Ausnahme einer zumindest schulterbreiten Öffnung) zusammen. Innen waren die Öfen mit einer Lehmschicht oder Schamotteziegeln ausgekleidet, die von Zeit zu Zeit erneuert werden mußten.

Der für den Brand benötigte Rohstoff war im Waldviertel nicht Kalk, sondern Marmor, ein metamorph gewordenes Kalkgestein, das sich ebenfalls zum Brennen eignet. Die Öfen wurden fast immer unmittelbar bei einem geeigneten Marmor-Vorkommen errichtet. Die Steinbrüche waren relativ klein und seicht und wurden oft von den Bauern selbst mit einfachsten Mitteln ausgebeutet. Man konnte sie nebstbei auch zur Herstellung von Mauersteinen für den Hausbau und grob behauenen Steinplatten und Schotter für den Wegebau nutzen. Vielerorts betrieben mehrere Familien gleichzeitig ihre Öfen, sowie einen gemeinschaftlich genutzten Steinbruch.

Die Marmorstücke wurden jedoch nicht einfach in den Ofen gekippt, sondern mußten nach einer "Schlichtordnung" gestapelt werden, damit die Ladung beim Brand nicht in sich zusammenfiel und der richtige Luftzug für die nötige Temperatur und einen gleichmäßigen Brennvorgang sorgte. Die meisten Öfen waren so angelegt, daß sie sowohl von vorne als auch von oben beschickt werden konnten.

Das erste Mal wurde ein Kalkofen, je nach Witterung, Mitte bis Ende März angefeuert, das letzte Mal etwa zu Allerheiligen. Das Auffüllen mit bis zu 10 Tonnen vorbereiteter Steine dauerte einen halben Tag, der folgende Brand dauerte, je nach Qualität von Marmor und Brennholz, bis zu 60 Stunden, mindestens aber zwei Tage und Nächte. Das Feuer durfte während dieser Zeit nie ausgehen und ständig mußten Holzscheite nachgeschoben werden. Dafür waren Knechte und Taglöhner abgestellt, oft mußte der Bauer selbst Hand anlegen. Insgesamt wurden bei einem einzigen Brennvorgang bis zu 20 bis 25 Festmeter Holz verbraucht. Nach dem Brand ließ man den Ofen mindestens 12 Stunden auskühlen. Bei großem Bedarf wurde sogar zwei mal die Woche gebrannt. Die Abnehmer waren Bauern, Hausbesitzer und Bauunternehmer aus der Umgebung. Statt mit Geld wurde der Branntkalk manchmal auch mit einer Fuhre Feuerholz abgegolten.

Das Produkt war "Stückkalk", der nun "gelöscht", d.h. mit Wasser zur reaktion gebracht, wurde. Dies geschah in eigens dafür vorgesehenen Löschgruben oder -pfannen, die vielfach an jedem Hof, zumindest in jedem Ort vorhanden waren und bei Bedarf den "Sumpfkalk" lieferten. Dieser begehrte Baustoff wurde umso besser, je länger er gelagert wurde (bis zu 10 Jahre). Durch unvorschriftsmäßig gelöschten Kalk kam es immer wieder zu Unfällen (Verätzungen, Augenleiden) oder sogar Bränden.

Branntkalk wurde früher in erster Linie im Hausbau zur Mörtelherstellung und für Wandtünche - das "Weißen" - eingesetzt. Auch heute noch ist Malern, Anstreichern und Maurern die gute Qualität des "eingesumpften" Kalkes in Erinnerung. Weiters konnten saure Ackerböden gedüngt und verbessert werden. Man setzte ihn in Gerbereien, Seifensiedereien und Zuckerraffinerien ein und man brauchte ihn als Zuschlag in der Glasindustrie und bei der Eisenverhüttung. Zu Zeiten der großen Pestepidemien des Mittelalters und der Neuzeit wurden die Toten mit gebranntem, ungelöschtem Kalk bestreut, um die Seuchengefahr zu mindern.

Die Kalkbrenner waren meist Bauern, die das Handwerk von ihren Vätern und Großvätern erlernten. Ein Kalkofen diente oft über Jahrzehnte hinweg mehreren Generationen der Familie als Nebenerwerbsquelle neben Landwirtschaft und Viehzucht. Das freie Gewerbe des Kalkbrennens war allerdings eine anstrengende und nicht immer einträgliche Arbeit. In den 30er-Jahren dieses Jahrhunderts kostete ein Kilo Branntkalk 51/4 Groschen. Pro Brand konnte man (bei einer Ausbeute von ca. 6.000 kg) also etwa 300 bis 400 Schilling verdienen, wobei nach Abzug der Kosten für Holz, Arbeitskräfte und Steuern gerade 100 Schilling übrigblieben.

Es gibt nur noch wenige Waldviertler, die selbst noch Kalkbrenner waren und das Wissen darum droht deshalb mit ihnen auszusterben. Deshalb sollen Nachforschungen dieses Wissen für nachfolgende Generationen erhalten und die letzten noch verbliebenen Kalköfen vor dem unbemerkten Verschwinden bewahren. Nicht zuletzt sind es die überaus zahlreichen - vielleicht auch für die heutige Zeit nutzbaren - Anwendungsmöglichkeiten, die dem Branntkalk eine neue Renaissance bescheren könnten.

© Andreas Thinschmidt

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