Bistum Passau

von der Internetseite der Diözesanarchiv St. Pölten

 

Die Passauer Diözesanverwaltung im Gebiete des heutigen Bistums St. Pölten
Das Gebiet der Diözese St. Pölten, die beiden niederösterreichischen Landesviertel oberhalb von Wienerwald und Manhartsberg umfassend, gehörte bis 1785 zum Bistum Passau, das trotz verschiedentlicher Versuche der österreichischen Herrscher, die Errichtung eines eigenen Landesbistums durchzusetzen, seine Rechte bis zu dem genannten Jahre erfolgreich behaupten konnte. Die große Ausdehnung der Passauer Diözese machte es freilich schon sehr früh notwendig, eine verwaltungsmäßige Teilung des Territoriums vorzunehmen, um auch die vom Bischofssitz entfernteren Gebiete wirksamer betreuen und überwachen zu können. Als Bischof Pilgrim zwischen 985 und 991 eine Synode hielt und dabei die Zehentrechte seiner Kirche im Land zwischen Enns und Wienerwald neu umschreiben ließ, werden erstmals die „orientales diocesanos(1)" genannt, erste Andeutung einer Distinktion innerhalb der Diözese. Das Institut der Archidiakone wurde von Passau im Laufe des 11. Jahrhunderts eingerichtet, und kaum hundert Jahre später finden sich schon häufig zwei Archidiakone gleichzeitig bezeugt(2), was wir wohl als erneuten Hinweis auf eine Sprengelteilung deuten dürfen. Nicht unerwähnt soll bleiben, daß wir bereits 1204 einen Archidiakon in engster Beziehung zu unserem Land sehen: Propst Sigehardus von St. Pölten(3). Wohl im Zusammenhang mit den Bemühungen Friedrichs II., für Österreich ein eigenes Bistum zu erlangen(4), konkretisiert sich endlich der „archidiaconatus Austriae" als Ersatz für die bestehenbleibende Zugehörigkeit zu Passau: 1242 begegnet die Nennung Ulrichs von Kirchberg, archidiaconus Austriae(5). Um 1300 scheint dann das Amt des Archidiakons direkt in das des Offizials einzumünden. Das niederösterreichische Diözesangebiet — mit Ausnahme des Dekanates Enns, das seit alters zur „oberen Diözese" gehörte, wird eine eigene Verwaltungseinheit, geleitet von einem Offizial und Generalvikar, der also, wie der Titel sagt, Verwaltung und Rechtsprechung in seiner Hand vereinigt. Als Amtssitz gelten Krems, Tulln, seit 1357 Wien, mit der Kirche Maria am Gestade(6).

In der Folgezeit war nun der Passauer Offizial in Wien die wichtigste kirchliche Autorität des Landes. Daran konnte auch die 1468 erfolgte Errichtung des Bistums Wien, das ja — territorial auf die engste Umgebung der Stadt beschränkt — erst im -18. Jahrhundert zu größerer Bedeutung emporstieg, nichts ändern.

Es ist hier nicht der Platz, eine ausführliche Geschichte des Passauer Offizialates zu bieten, die sich auch vor allem auf die viel reicheren Bestände des Wiener Diözesanarchivs stützen müßte. Immerhin werden jedoch einige Hinweise nicht unnütz sein, unseren Archivkörper in etwa zu illustrieren.

Wie weit und wie lange der Offizial in Wien von seinem Amtsbruder in Passau abhängig war(7), läßt sich nicht eindeutig beantworten. Es wird auch, zumal in früherer Zeit, nicht ausdrücklich fixiert gewesen, vielmehr jeweils darauf angekommen sein, was der Offizial aus seiner Stellung zu machen verstand, welchen am Bischofsitz herrschenden Tendenzen er sich gegenüber fand. Unter Melchior Khlesl wurde 1580 jedenfalls festgelegt, daß dem Bischof nur die Bestätigung der Prälaten und die Verleihung der bischöflichen Pfründen vorbehalten blieben(8). Alle anderen Befugnisse lagen im Kompetenzbereich des Offizials. Hier muß auch darauf hingewiesen werden, daß die Offiziale in Wien seit dem 16. Jahrhundert vereinzelt, seit 1658 ständig Bischofsrang bekleideten(9).

Auch über die personelle Zusammensetzung des Offizialates (Konsistorium) können einige Angaben gemacht werden. Schon im 13. Jahrhundert tritt neben dem archidiaconus Austriae häufig ein Notar auf, und dieser gehört auch später zum Stammpersonal des Offizialates. Um 1500 nimmt die Zahl der Notare zu, doch scheint es, daß einige nur fallweise herangezogen, nur mit bestimmten Prokuraturen betraut wurden. Seit 1504 sind regelmäßige Sitzungen der Konsistorialräte unter dem Vorsitz des Offizials nachweisbar. Im Laufe dieses Jahrhunderts bildet sich dann ein Personalstand aus, bestehend aus Offizial, Vizeoffizial, Assessor, Notar und Cursor, doch waren nicht zu jeder Zeit alle Ämter besetzt; besonders die Obliegenheiten von Assessor und Notar dürften oft von nur einer Person wahrgenommen worden sein. Am Anfang des 18. Jahrhunderts beginnt für den Kanzleivorstand der Titel director consistorii aufzukommen, erst in den letzten Jahrzehnten vor Aufhebung der Behörde findet sich auch ein Kanzler. Zusammenfassend darf gesagt werden, daß das Passauer Offizialat in Wien ein zwar kleines, aber, wie zahlreiche Akten- und Urkundenrückvermerke kundtun, im allgemeinen gut und rasch funktionierendes Amt war.

Wenn wir noch einmal zur territorialen Gliederung der Diözesezurückkehren, so muß hier ein Wort zur Dekanatseinteilung gesagt werden; sie wird seit dem 14. Jahrhundert näher greifbar, der Sitz des Dechantes wechselte aber häufig. Für unser Diözesangebiet kommen neben dem zur oberen Diözese gehörigen Dekanat Enns, das bis zur Ybbs reichte, die Dekanate St. Pölten (Tulln, Mautern oder Melk), Krems (Stein oder Zwettl) und Kirchberg am Wagram (Hausleiten oder Röschitz) in Frage. Der Großteil des letztgenannten Dekanates gehört heute zur Erzdiözese Wien. Während nun das Dekanat Enns bis in josephinische Zeit unverändert blieb, wurden die anderen Dekanate mehrfach geteilt, in kleinere Distrikte gespalten. Aus St. Pölten entstanden die Dekanate am Ybbsfeld (Ybbs), an der Melk (Loosdorf) und auf dem Tulhierfeld (im 18. Jahrhundert weiter in Pottenbrunn und Ollersbach geteilt), aus Krems die Dekanate am langen Wald (Gerungs), vor und am Böhmerwald (Raabs und Waidhofen an der Thaya) und an der Krems (Krems und St. Oswald), aus Kirchberg endlich die Dekanate am Kamp und am Eggenburgerfeld(10). Nach der Diözesankarte von 1723(11) bildete der nördlichste Teil des letzterwähnten Bezirkes das Dekanat „am engen Burgfeld".

Wie sah nun die Amtstätigkeit des Offizialates aus? Wie wir schon hörten, war es sowohl Verwaltungs- wie auch Gerichtsbehörde. Ende des 17. Jahrhunderts etwa war die Amtsführung kanzleitechnisch in sechs Materien gegliedert: 1. Bischöfliche Befehle, 2. Präsentationen, 3. Pfarrsachen, 4. Krida- (Verlassenschafts-) Sachen, 5. Schuldsachen, 6, Ehesachen; sie hat man später zu den drei Gruppen Pfarr-, Ehe- und Kridasachen vereinigt(12). Es liegt auf der Hand, daß mit diesen knappen Bezeichnungen keineswegs der gesamte Inhalt der Verwaltungstätigkeit umschrieben ist. Als besonders wichtige Angelegenheiten seien etwa die Visitationen, Stiftungen, Patronats-, Stola- und Zehentsachen, die Bruderschaften und das Ablaßwesen hervorgehoben. Sie haben auch ihren Niederschlag im Diözesanarchiv St. Pölten gefunden.

Am 13. März 1783, wenige Stunden vor dem Ableben des Passauer Bischofs, Kardinal Leopold Ernst Graf von Firmian, und schon in Erwartung von dessen Tode, erließ Kaiser Joseph II, ein Hofdekret, das die Einleitung der Diözesanneuregelung in Österreich befahl(13). Das Bistum Passau verlor alles österreichische Gebiet, das Passauer Offizialat in Wien wurde aufgehoben, führte aber zunächst interimistisch die geistlichen Agenden weiter. Die Ziviljurisdiktion ging schon am 26. März an das niederösterreichische Landrecht über(14), dem auch im August sämtliche Justizakten und Protokolle ausgeliefert wurden; die Temporalia mit den dazugehörigen Urkunden und Akten übernahm die Aufhebungskommission(15). Mit 1. Mai 1785(16) schloß endlich das Passauer Offizialat seine Pforten, die Spiritualadministration ging an die neuen Diözesen über. Da die Hauptmasse der Offizialatsakten schon immer in alphabetisch gereihten Pfarrfaszikeln geordnet war, konnte die Auslieferung der entsprechenden Bestände an die nunmehr zuständigen Bistümer relativ leicht bewerkstelligt werden. In zwei Transporten — Juni 1785 und April 1786 — gelangten die auf St. Pöltner Gebiet bezüglichen Akten von Wien in die neue Bischofstadt, wo irn Juli darauf aus Passau auch die Unterlagen für das Dekanat Enns eintrafen(17).

Dieses Archivmaterial wurde nun freilich in St, Pölten nicht als geschlossener Bestand erhalten, sondern — was den verwaltungstechnischen Bedürfnissen besser entsprach — als Grundstock für die neuen Archivkörper des Konsistoriums St. Pölten betrachtet und dementsprechend ausgebaut. So sei auch für die nähere Beschreibung dieser Archivbestände auf die relativen Gruppen der Sankt Pöltner Diözesanverwaltung hingewiesen: bei den Pfarr- und Klosterakten(18) (mit den dazugehörigen Handschriften, Urkunden und Plänen), den Visitationen, den Ehedispensen wie auch beim Alumnat St. Pölten, dessen Vorläufer Gutenbrunn noch in Passauische Zeit zurückreicht, werden diese Angaben zu finden sein. Nicht zugeordnet konnten 29 Pergamenturkunden werden, vornehmlich Ehedispensbreven (1743—1777), die in der Urkundenreihe aufgeführt sind. Von den 10 Büchern sind 1 und 10 provenienzfremd, wurden aber als inhaltlich zugehörige Einzelstücke hier angeschlossen.

Gerhard Winner

 

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