A. Die Entwicklung der Pfarre


1. Pfarrgründung und Patronat

Die Kolonisation unseres Gebietes vollzog sich im 11. und 12. Jahrhundert durch christliche Siedler aus dem Raum Nürnberg-Bamberg. Die Schaffung der kirchlichen Organisation auf dem Neulande geschah in Zusammenarbeit zwischen Grundherrn und Bischof. Der Grundherr für unser Gebiet war der Graf von Raabs und der Bischof, dem unser Gebiet unterstand, der Bischof von Passau. Dem 739 gegründeten Bistum Passau unterstand bis 1784 das Land ober und unter der Enns. Die Urpfarre unseres Gebietes war Raabs. Sie bestand schon in der 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts, 1189 zum ersten Male als Pfarre bezeugt. Eine der ältesten Tochterpfarren der Pfarre Raabs ist sicherlich die Pfarre Thaya. Interessant ist, daß der erste namentlich bekannte Pfarrer von Raabs, Marquardus, der Schreiber der 1175 in Thaya ausgestellten Urkunde ist, auf die sich das 800-Jahr-Jubiläum bezieht. Wirtschaftsgrundlage der Pfarren war die Ausstattung mit Grundbesitz - meist in der üblichen Größe einer Hofstatt - und der Zehent, der dem heutigen Kirchenbeitrag vergleichbar ist. Der Zehent wurde meist gedrittelt: ein Drittel für die Kirche, ein Drittel für den Unterhalt des Pfarrers und ein Drittel für den Bischof. Der Bischof hat den Zehent für vordringliche kirchliche Aufgaben verliehen. So wurde der Zehent von Raabs und Pernegg durch Bischof Altmann von Passau (gest. 1091) dem von ihm gegründeten Kloster Göttweig übergeben. Sein Nachfolger, Bischof Udalrich, gab diesen Zehent 1112 dem Kloster St. Georgen, das in diesem Jahr gegründet und 1244 nach Herzogenburg verlegt wurde. Im Herzogenburger Zehentbuch scheinen Zehentämter auf in Thaya und in Pruck, ein Hinweis, daß Thaya mit Pruck (heute Bruckmühle) ein Hauptort der Grafschaft Raabs war.

Die Kolonisation vollzog sich von Osten nach Westen. Der westlichste Stützpunkt der Grafschaft Raabs war Litschau. Da Litschau schon um 1150 als Pfarre gesichert scheint, ist anzunehmen, daß die Pfarre Thaya älter ist.

Dies wird auch noch durch folgende geschichtliche Tatsachen erhärtet:
1150-1160 geschahen die Schenkungen der Gebiete von Klein Zwettl an das Kloster Zwettl und von Gastern an das Kloster Garsten. Es wurden dort aber keine Pfarren gegründet, da wohl schon in Thaya eine Pfarre bestanden hat.

Die Pfarrkirche Thaya hat das Patrozinium Petrus und Paulus. Dieses Patrozinium ist im Waldviertel 1076, 1150 und 1153 belegt. Weiters die Bauweise der Kirche im romanischen Baustil und das Opus picatum (Fischgrätenmuster) im Mauerwerk, das ebenfalls vorzüglich vor 1180 üblich war.

Auch die Parallele mit Allentsteig, das der Gründung nach jünger sein dürfte, weil es zu Thaya als Unterscheidung den Namen eines Allein hat (Alleins-Tigia) und schon 1132 von der Pfarre Polan (Altpölla) ausgeschieden wurde und schon 1150 eine Kirchweih aufweist.

Der Bestand der Pfarre ist auch vorausgesetzt in der erhaltenen Reiserechnung des Passauer Bischofs Wolfker von Ellenbrechtskirchen (richtig von Erla), der auf seiner Reise von Weikertschlag nach Weitra am 1. Adventsonntag (30. November 1203) in Thaya übernachtete und da Zahlungen leistete und Geschenke austeilte. Dies setzt wohl eine Pfarre mit Kirche und Pfarrhaus voraus.

Die erste Urkunde über die Pfarre Thaya stammt aber aus verhältnismäßig später Zeit, als am 28. März 1283 der Kuenringer Leutold seine Rechte auf die Pfarre Thaya dem Kloster Zwettl übergab. Da derselbe Leutold am 17. Oktober 1287 die Pfarre Thaya dann dem Kloster Aldersbach übergab, häufen sich im darauffolgenden Streit die Urkunden. Während dieses Streites - zwischen 1287 und 1297 - starb der Pfarrer Marquard von Thaya. Er ist der erste namentlich bekannte Pfarrer von Thaya.

2. Die Pfarre Thaya unter den Grafen von Raabs und Hirschberg

Die Pfarre Thaya ist eine Gründung des Grafen von Raabs und des Bischofs von Passau vor dem Jahre 1150. Patronatsherren waren die Grafen von Raabs und nach deren Aussterben in der männlichen Linie und der Teilung der Grafschaft (1191) die Grafen von Hirschberg, die durch Heirat mit einer Tochter des Grafen Konrad II. von Raabs in den Besitz der westlichen Hälfte der Herrschaft mit dem Sitz in Litschau gelangten. Die Zehentherrschaft stand dem Bischof von Passau zu, der den Zehent dem Kloster Herzogenburg übergeben hatte, welches im Pfarrgebiet zwei Zehentämter errichtet hatte: in Thaya für den westlichen Teil und in Pruck für den östlichen Teil, welche nach 1191 zu zwei verschiedenen Herrschaften gehörten - Raabs und Litschau.

3. Die Pfarre Thaya unter dem Kloster Aldersbach (Die Hirschberger und Kuenringer)

Seit 1229 hatte das Geschlecht der Kuenringer die Herrschaft Litschau als Lehensträger der Grafen von Hirschberg inne. Ein Kuenringer - Hadmar I. - hatte 1138 das Kloster Zwettl gegründet. Es ist daher verständlich, daß Leutold von Kuenring die nun zu seinem Herrschaftsbereich gehörige Pfarre Thaya dem Kloster Zwettl übergeben wollte. Er tat dies mit der Urkunde vom 28. März 1283 im Einverständnis mit seiner Gattin. Anläßlich einer Wallfahrt, die er, um Kindersegen zu erbitten, nach St. Just und Jodok in Bayern unternahm, hielt er sich auch im Kloster Aldersbach auf. Nun schenkte er die Pfarre Thaya am 17. Oktober 1287 dem Zisterzienserkloster Aldersbach. Dafür wurde auch die Zustimmung des Lehensherrn, des Grafen Gebhard von Hirschberg, eingeholt, die dieser vom Schloß Rosenberg (bei Bamberg) am 20. Oktober 1290 gab. Mit dieser zweiten Schenkung war aber die Gattin Leutolds, Agnes von Ahersberg, nicht einverstanden, und sie forderte den Abt von Zwettl auf, die Gültigkeit dieser Schenkung anzufechten. So kam es zu einem Streit um das Recht auf die Kirche von Thaya, der durch den Tod des Pfarrers Marquard von Thaya noch verschärft wurde. Die Führung der Pfarre wurde während der Rechtsunklarheit dem Pfarrer von Litschau übertragen. Erst am 5. September 1297 wurde durch Papst Bonifaz VIII. von seiner Residenz in Orvieto aus der Streit endgültig zugunsten Aldersbachs entschieden. Das Kloster Aldersbach hatte nun die Pfarre Thaya durch 50 Jahre in Besitz. Auch während der Zugehörigkeit zum Kloster wurde Thaya von Weltpriestern seelsorglich betreut. Dies geht aus einer Kongruavereinbarung hervor, die die Einkünfte des Pfarrers regelt.

4. Die Pfarre Thaya unter dem Hochstift von Passau vom 2. Mai 1349 bis 7. August 1784

Wegen der großen Entfernung vom Kloster tauschte der Bischof von Passau am 2. Mai 1349 die Pfarre Thaya wieder für Passau ein und gab dem Kloster Aldersbach die Pfarre Schönau bei Eggenfelden in Bayern. So kam die Lehensherrschaft der Pfarre Thaya an den Bischof von Passau. Thaya blieb bischöflich Passauische Pfarre bis 1784.

5. Thaya landesfürstliche Pfarre vom 7. August 1784  bis 1. Mai 1939

Kaiser Josef II. ordnete die kirchliche Verwaltung in Österreich neu. Er entzog das österreichische Gebiet dem Bischof von Passau und gründete die Diözese Linz, vergrößerte die Diözese Wien und übertrug das Bistum Wiener Neustadt nach St. Pölten. Er hob eine große Anzahl Klöster auf, zog kirchlichen Besitz ein und bildete daraus den "Religionsfonds", aus dem die Bedürfnisse der Kirche gedeckt werden sollten. Mit 7. August 1784 kam auch das Patronat der Pfarre Thaya an den Landesfürsten und wurde von der Reichsstatthalterei verwaltet, daher wird Thaya nun landesfürstliche Pfarre genannt.

Auch in der 1. Republik übte die Landesregierung das Patronatsrecht aus, das allerdings durch die Entwertung des Religionsfonds zu einer Last geworden war. Die Reparaturen konnten nur notdürftig geleistet werden, und eine grundlegende Sanierung der Kirche und des Pfarrhofes unterblieb, weil das Geld dafür fehlte. Für die dringendsten Bedürfnisse kam der Opfersinn der Gläubigen zu Hilfe.

6. Thaya bischöfliche Pfarre von St. Pölten ab 1. Mai 1939

Nach dem Anschluß des österreichischen Staatsgebietes an das Großdeutsche Reich Hitlers wurden kaum mehr Patronatsleistungen erbracht, und zugleich mit dem Kirchenbeitragsgesetz vom 1. Mai 1939 wurden die öffentlichen Patronate aufgehoben. Die Kirche mußte für ihre Bedürfnisse selber aufkommen. Dazu wurde ihr die Einhebung des Kirchenbeitrages zugestanden.

In der 2. Republik wurde diese Regelung beibehalten. Als Entschädigung für enteigneten Besitz und für die Leistungen aus dem Religionsfonds wurde ein vermögensrechtlicher Vertrag geschlossen, in dem ein jährlicher Beitrag des Staates an die Kirche festgelegt wird. Dies ist um so mehr berechtigt, da die Kirche für die Erhaltung und Pflege von Kulturgut aufkommen muß, das nicht unmittelbar der Seelsorge dient. Diese Form der Erhaltung der Pfarren hat sich bewährt, weil die Kirche nun selbst nach der Dringlichkeit die Mittel einsetzen kann und der Bischof freiere Hand hat bei der Besetzung der kirchlichen Stellen. Auch die Pfarre Thaya hat davon profitiert, da in dieser Zeit eine Erneuerung der kirchlichen Gebäude vorgenommen werden konnte. Vielleicht war der Grundsatz: "Eine freie Kirche in einem freien Staat" noch nie so gut verwirklicht wie heute.

nach oben