LÄNGSACHSIALE ZWEISTÜTZENKIRCHEN und IHRE SYMBOLIK

Sie sind im Waldviertel verbreitet. Bei der gotischen Einwölbung der romanischen Langhäuser (wie in Thaya, Kleinzwettl, Rieggers und Schweiggers) ergab sich die variable Stützenanzahl von selbst [48]. In dem bis heute gültigen und einzigen Handbuch zur gotischen Kirchenbaukunst in Österreich von Walter Buchowiecki [49] wird der Typus "zweischiffig mit einer Apsis" näher behandelt, wobei der Schlosskirche zu Pöggstall durch ihre Kastenform mit ganzem geradem Chorschluss um 1490 als "einziger zweiachsigen Kirche Österreichs jedwede Andeutung eines Altarraums fehlt". An dieser möglichsten Vereinfachung gemessen, ist Weißenbach stark durchgegliedert, verblasst aber seinerseits im Vergleich mit den Dreistützenkirchen. Die längsachsialen Zweistützenkirchen als regelmäßiger symmetrischer Neubau findet man u. a. in Leiben, NÖ. (deutet innen zwei Polygone an), Marling in Südtirol (wo ein Polygon beide Schiffe umfasst), im salzburgischen Dienten am Hochkönig (kaum Strebepfeiler), sowie in Oberösterreich in Haigermoos, Schwertberg, Oftering, Hofkirchen im Traunkreis, Weigersdorf und Rüstorf [50].

Das Zusammenschließen dieses Typus kann symbolische, ikonographische, kultische u. ä. Gründe haben. Im Frühmittelalter ist die Bedeutung der Mittelstütze mit Christus, jene von Stützenpaaren als Gottes- und Nächstenliebe nachzuweisen. [51] In dem genannten Weigersdorf steht heute noch die zeitgleiche Statue des Kirchenpatrones Jakob an dem östlichen der beiden Pfeiler, zum Altar blickend. Dieser Standort ist derselbe wie der der "Maria Säul"- Marienstatuen auf einer Säule in der Gotik - welche später fast alle weichen mussten. Heute ist das Hauptbeispiel für eine noch vorhandene "Maria-Säul" die Wallfahrtskirche in Mariazells [52]. Dabei ist an eine besondere Marienverehrung bei Wallfahrten und Prozessionen mit Umgang zu denken. Leider dürfen wir für Weißenbach kaum hoffen, darüber zu erfahren, weil die Schriftquellen schweigen, die beiden gegenüberliegenden Seitenportale weisen jedoch darauf hin.

In nächster Umgebung steht in Seyfrieds ein verwandter Kirchenbau [53], im Vergleichswert allerdings durch den 1950 erfolgten Umbau des ehemaligen romanischen Chorquadrates vermindert. Direkt vergleichbar sind die romanischen Außenmauern und die beiden für die Einwölbung notwendigen Pfeiler. Noch direkter vergleichbar sind die beiden achteckigen Pfeiler - trotz abgerückter Westempore und, da rundbogig, wohl auch jünger. Es finden sich die gleichen einfachen Kreuzrippengewölbe - sogar ohne Schluss-Steine! Der Gewölbeanschluss zum Triumphbogen hin ist in Seyfrieds viel 'eleganter' gestaltet worden, was sich mit seiner Datierung in die Zeit des "Weichen Stiles" begründen ließe und wodurch die Kirche in Seyfrieds zu einem deutlichen Vorläufer für Weißenbach wird.

Ein Blick in den Innenraum von Seyfrieds lehrt uns, dass hier ein altertümliches System der Rippen angewandt worden war (das Scheidbogen-Gurt-System). Es entspricht dies dem Architektursystem des 14. (und des 13.) Jahrhunderts. Der Kontrast zu den in Weißenbach immer gleich bleibenden Rippen fällt sehr stark auf. Es kann somit eine Datierung von Seyfrieds "um 1400" gerechtfertigt sein und auch den baugenealogischen Stammvater ausweisen.

Auch die zweischiffige Hallenkirche mit romanischen Außenmauern und drei Pfeilern (barocke Westempore) in Vitis [54] verwendet diese "Zweigleisigkeit" der Rippen-Differenzierung und wird daher wohl mit Recht um 1400 oder 1. Hälfte des 15. Jahrhunderts eingeordnet. Rätselhaft sind in Vitis, als Einzelheit herausgegriffen, die kleinen Scheibchen der Schluss-Steine, vielleicht eine "Rückbildung" der bereits voll entwickelten mächtigen Trommeln ab etwa 1300, wie etwa die Schluss-Steine im Presbyterium der Kirche in Thaya [55]. In Vitis ist nur das unterste Drittel des Rippenprofils, eine trapezförmige "Nase", mit einem kleinen Scheibchen behaftet, das zweite Drittel (nach oben zu) ist die Kehle ohne Schluss-Stein, und das oberste Drittel, der breite tragende Rippenblock, legt sich mit einer in die Rippen-Winkel leicht ausbuchtenden Scheibe an die Gewölbeschalen nochmals an. Durch die heutige Graufärbelung sind diese Rippen gegenüber dem hellen ungotischen gegenwärtigen Farbton der Gewölbeschalen gut sichtbar, weil künstlich als pseudo-"gotische" Skelett-Struktur modern abgegrenzt (vgl. die gotischen Rankenmalereien, die sonst hier herauswucherten). Ob es sich um eine Stilphase oder eine Kunstlandschaft handelt, ist erst abzuwägen. Das beschriebene, gleichfalls die Rippen zweiteilig untergliedernde Seyfrieds - wohl zeitgleich - hat die Schluss-Steine schon gänzlich weggelassen [56].

Eine methodisch durchdachte, entwicklungsgeschichtlich abgeklärte Gesamtuntersuchung der Sakralarchitektur der Spätgotik im Waldviertel bleibt weiterhin eine Wunschvorstellung.

Wie weitgehend ein Architekt den Bau bzw. das vorgegebene System interpretieren konnte, ersieht man am Zurückweichen der weiten, durchgehenden Wandhülle rund um den Innenraum verschiedener Sakralbauten (vgl. den Dualismus: Pfeilerschirm - Raummantel der Einstützenkirchen).

In Weißenbach sind die dünnen Wanddienste eine schwächere Nebenordnung (gemessen an den Freipfeilern); in Vitis aber sind es halbierte Freipfeiler an der Wand, sodass eine unendliche Fortsetzung der Halle möglich erscheint. Die Wand ist sekundär, weitere Schiffe werden außen suggeriert, der Vertikalismus dominiert. Die Halle wird zum bewussten "Ausschnitt' von etwas Größerem [57].

Die Halbpfeiler-Wanddienste zusammen mit drei Achteck-Freipfeilern (der westliche trägt die Empore mit) wie in Vitis lassen in der Kirche in Großhaselbach [58] wegen des dort viel schmaleren, romanischen Schiffes und daraus sich ergebender Steilheit - die in dem dicht sperrigen Netzrippengewölbe (vgl. auch Neukirchen am Ostrong) gipfelt -, einen gänzlich anderen Eindruck zu. Die romanischen Reste einer männlichen Figur am Traufstein der SW-Ecke außen [59], die erhaltene NO- Ecke, der romanische (segmentbogig) Triumphbogen auf wandabtreppenden Konsolstufen (zisterziensisch ?) und das Chorquadrat stecken heute noch markant diesen Kirchenbau ab, der möglicherweise erst Ende des 13. Jahrhunderts entstanden ist. Am Chor ist das Fenstermaßwerk erhalten geblieben. Die Kombination gerader Stangen bzw. paariger Fischblasenschlingen (um 1520) kommt ganz nahe an das Weißenbacher Maßwerk heran. Die auch nach der Wand greifende Ständerstruktur würde man für ein Kriterium des 14. Jahrhunderts halten (wie auch in Vitis). Die einzelnen Bau- und Stilformen gehen stark durcheinander - erst ihre Gesamtuntersuchung, nicht nur der spätgotischen Kirchen des Waldviertels, sondern ganz Niederösterreichs, Oberösterreichs und natürlich auch des angrenzenden Bayerns wäre dringend notwendig und würde noch offene Fragen klären. Berühmte Arbeiten in dieser Richtung gibt es für den Amstettner Raum und auch für das an das Waldviertel angrenzende Mühlviertel, das durch Benno Ulm besonders gut erforscht wurde [60]. Gewarnt sei aber vor der Überbewertung von Details. Vitis und Großhaselbach hängen auf ihre Weise mit unseren "Zweistützenkirchen" zusammen. So stammen die Maßwerkfenster von Großhaselbach und Weißenbach aus derselben Werkhütte. Die dreistützige Einwölbung dieser Kirchen war durch ihre romanischen Langhäuser vorgegeben.

Dietmanns bei Gmünd dürfte gleichfalls über ältere Außenmauern verfügen, an welche man keinesfalls die im Waldviertel seltenen Wandpfeiler - eine Ausnahme ist Pernegg - ansetzte, sondern mittels zweier Achteckpfeiler eine zweischiffige Halle entstehen ließ - allerdings durch ihre Netzrippengewölbe moderner. Mit seinen schluss-steingeschmückten Steinrippengewölben (Lilienkreuze) wird man den Chor eher in das beginnende 16. als in das ausgehende 15. Jahrhundert datieren dürfen [61].

Die symbolische Zeichenhaftigkeit wurde in Neukirchen an der Wild (Bezirk Horn) bewusst angewendet. Dieser Bautyp verfügt markant über ein orthogonales Rippenkreuz an immer derselben erstrangigen Schlüsselstelle - in Neukirchen vor dem Triumphbogen (eine Art "Triumphkreuz" aus 1523) [62]. Außen an den Längswänden korrespondieren mit den beiden Freipfeilern jeweils zwei Strebepfeiler, sodass die Langhausecken bzw. die Westwand (wie in Weissenbach) frei bleiben (wahrscheinlich romanische Außenmauern). Die Planmäßigkeit der Gesamtanlage bestätigt sich durch das genau in der Langhausmitte, in der Scheidrippe zwischen den beiden mittleren Jochen, freigelassene "Hl. Geist- oder Himmelfahrtsloch".

Die Kirche in Neukirchen am Ostrong [63] hingegen wurde über den beiden Pfeilern mit straffen, engmaschigen Netzrippengewölben überzogen, weiche charakteristisch für die Zeit um 1470 sind. Die mitgebaute Westempore ruht auf Kreuzrippengewölben - heute fällt sie besonders durch ihre originale Bemalung (etwa 1520) auf. Solche Rankenmalereien müssen wir uns in allen gotischen Kirchen vorstellen. Wenn am Gewölbeschirm des Emporepfeilers die Taufe Christi gemalt wurde (bzw. die Enthauptung Johannes des Täufers), so kann hier ein Altar bzw. das Taufbecken (im Westen der Kirche) gestanden haben. Die deltoidförmige Fächerlamelle dient als Bildrahmen - aus Bau und Rippen wild und üppig sprießende Ranken überziehen alle Flächen und zeigen die gotischen Wachstumskräfte der Architektur.

Unsere kleine Rundwanderung im Waldviertel war nicht nur örtlich naheliegend - wenn wir auch architekturgeschichtlich manchmal etwas abschweifen musste -, sondern schärfte auch unseren Blick für das Erfassen, Verstehen und Einordnen der Weissenbacher Kirche.

Anmerkungen:

48) Die manchenorts langgestreckten romanischen Saalkirchen verfügen nach ihrer gotischen Einwölbung über drei Stützen (Thaya, Kleinzwettl) oder gar mehr. Absolute gotische Neubauten - wie auch St. Anna, damals Schlosskirche in Pöggstall -, sind mit zwei Stützen eine Rarität.
49) Buchowiecki (wie Anm. 38)
50) Buchowiecki (wie Anm. 38) Leiben S. 292, Fig. 80; Marling S. 48, Fig. 11; Haigermoos S. 65, Fig. 15; Schwertberg S. 298, Fig. 88; Oftering S. 300, Fig. 89; Hofkirchen im Traunkreis S. 300, Fig. 90; Weigersdorf S. 302, Fig. 92; Rüstorf S. 322, Fig. 109.
51) Vgl. Anm. 38 und Anm. 50
52) Strobel (wie Anm. 30), S. 10
53) Zotti (wie Anm. 16), S. 355/356

Hauer-Pongratz-Tomaschek: Heimatkunde des Bezirkes Gmünd, Gmünd 1986, bes. S. 528/529, Abb. 137, Neubau 1950. 

Eppel (wie Anm. 16), S. 212.

Riesenhuber (wie Anm. 16), S. 313

Plesser Alois: Die Pfarre Seyfrieds, GB VIII, S. 562 - 574.

Lind Karl: Die Kirche in Seyfrieds, in: BMAV 29,1893, S. 92/93, Fig. 1.

Fast immer wird die gotische Einwölbung um "1400" datiert. Nur Zotti schreibt "um 1430 spätgotisch eingewölbtes Langhaus, Einbau der Westempore ebenfalls um 1430".
54) Heilsberg Franz: Geschichte des Marktes Vitis, (Vitis 1909).
55) 800 Jahre Thaya 1175 - 1975 (wie Anm. 20), Abb. Bildteil 25, 28.
56) Kunst Hans Joachim: Die Entstehung des Hallenumgangchores, in: Marburger Jahrbuch für Kunstwissenschaft XVIII, 1969, S. 1 - 104, bes. S. 56 ff. - Im Ostabschnitt des Langhauses von Seyfrieds kann keine Scheiderippe auftreten, weil hier der Dreistrahl sich einschiebt, und auch seitlich keine radialen Schenkel zu den äußeren Jochgewölben hin ausgebildet sind. - In Kleinzwettl ist lediglich die schifftrennende Scheiderippe stärker entwickelt.
57) Diese Möglichkeit besteht, seit es Hallen gibt. Selten wird sie, wie auch im Waldviertel in den Bezirken Waidhofen/Thaya und Gmünd, voll ausgeschöpft. Die Wand wird meist auch ästhetisch im Gegensinne zu den "schwebenden" Gewölben interpretiert, als zweites konstituierendes Element, als selbständige Einheit und Hülle der Horizontalen. Also sitzen dort nur Konsolen der Rippengewölbe.
58) ÖKT (wie ANM. 3), Band 8/1 Zwettl (1911), S. 51 - 58.
59) Eppel (wie Anm. 16), S. 116 bezeichnet sie gänzlich zu Unrecht als "Ritterfigur". (Sie ist ohne jede Waffe oder Panzerung, ihre Arme hängen seitlich lose herab.) Als Zeuge ist sie unersetzbar und bezeugt die romanische Kirchenecke.
60) Ulm (wie Anm. 38) - Ders.: Das Mühlviertel (1976).
61) BMAV 26,1890, S. 226, Figur 1 (Grundriss)
62) ÖKT (wie Anm. 3) Band 5/2 Horn (1911), S. 435 - 439.

BMAV 27, 1891, S. 37.
63) ÖKT (wie Anm. 3) Band 4 Pöggstall (1910), S. 21 - 28

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