Der Holzbau

Er ist schon und immer wieder von den bedeutendsten Wissenschaftlern als eine Voraussetzung für die mittelalterliche Baukunst herangezogen worden: von R. K. Donin für Niederösterreich, von W. Buchowiecki für Oberösterreich und von K. Ginhart [64] für Kärnten. Diese Arbeiten wurden sicher von den Nachwirkungen des deutschen Nationalismus im 19. Jahrhundert, der die Germanen entdeckte und groß herausstellte, beeinflusst. Lediglich die Blockbaukirchen dürfen nicht das ihnen zugeschriebene hohe Alter erreicht haben (ähnlich den Vierkantern bei Bauernhöfen), um das sich in Wien Josef Strzygowski bemüht hatte [65].

Der Bausubstanz materiell nach stammen die Hl. Dreifaltigkeit am Gray (Gemeinde Frauenstein, Bezirk St. Veit a. d. Glan) [66] und Kolomannsberg [67] bei Mondsee aus der Barockzeit. Die in Österreich hochproblematischen Kirchengrabungen haben in Oberösterreich bzw. im benachbarten Mühlviertel korrekte Ergebnisse der Ausgräber gezeitigt, vor allem St. Michael bei Oberrauchenödt (Bez. Freistadt), ein Ständerbau des 11. Jahrhunderts mit drei hölzernen Mittelstützen [68], wie das alte bayrische Haus selbst, verwandt den norwegischen Stabkirchen und bis vor kurzem eigentlich noch als Stadel gebaut worden.

Wir haben aber das große Glück, an Hand nachstehender Fakten folgende baugeschichtliche Zusammenhänge belegen zu können:

  1. zwischen zweischiffigen Hallen aus Holz einerseits - und aus Stein andererseits,
  2. die Häufigkeit der vielen zweischiffigen spätgotischen Kirchen in unserer Region,
  3. speziell die mit zwei Stützen,
  4. an den sonst romanischen Kirchen mit Außenmauern, deren Saal von etwa 1:2 innere Breite zu Länge und einem romanischen Chorquadrat,
  5. die Tatsache, dass heute nur eine einschiffige Anlage vorhanden ist,
  6. die Errichtung noch nach den spätgotischen Kirchen in der 1. Hälfte des 17. Jahrhunderts (also zur Zeit der Glaubenskriege, noch vor dem Einsetzen der Gegenreformation mit ihrer Bauwelle),
  7. was nachher eine offensichtlich volkstümliche Baugewohnheit wurde,
  8. so stand ein alter Altar mitten in der Kirche, der mit den beiden Pfeilern eine Beziehung gehabt haben kann; es ist die mittelalterliche Stelle "in medio ecclesiae", wo Christus gegenwärtig ist (auch der Kreuzaltar),
  9. bis mitten in den Protestantismus hinein.

Dies alles war schon im Jahre 1911 im Band Nr. 6 (Waidhofen/Thaya) der Österreichischen Kunsttopographie publiziert worden. Die bisher so engagierte Forschung, auch mit dem Schwerpunkt auf der Holzarchitektur, hatte dieses Faktum aber übersehen.

Zu Waldkirchen/Thaya heißt es:"1610 waren Kirche und Pfarrhof abgebrannt." Der visitierende Dechant fand 1652 bei der Visitation "... in der Mitte der St. Martinskirche einen entweihten Altar, der dieselbe verunzierte." (Konsistorialarchiv St. Pölten, Miscellanea). 1672 war die Kirche in gutem Bauzustande ... der Chor war gewölbt [69], das Langhaus mit Holzdecke versehen, die von zwei Holzpfeilern gestützt wurde. [70]

In Schlanitzen (Bezirk Hermagor, Kärnten) steht noch eine Kirche, wo eine derartige Holzstütze - quadratischen Querschnitts mit Abfasung und mit Sattelhölzern - erhalten ist, welche gleichfalls nur die Decke trägt (nicht den Dachstuhl, wie die urtümliche Holzkirche von St. Michael bei Oberrauchenödt bzw. die bayrisch-frühmittelalterlichen Ständerbauten, was ein sehr wesentlicher Unterschied ist). Sie ist mit 1498 datiert.

Zur Holztechnik gehört sodann die für den Innenraumeindruck maßgebliche, figürlich-ornamentale Flächenfüllung mit Schablonenmalerein. [71] Eine Reihe von schablonengemalten Friesen sind in den Kirchen Niederösterreichs erhalten. [72] Dieser einzige Fries-Streifen an der Wand bildete offensichtlich (und wohl immer) den Anschluß zu der ehemaligen waagrechten Bretterdecke - woraus man schließen darf, dass diese vollständig schabloniert war.

Ein derartiges schabloniertes Wandfries blieb in der Pfarrkirche Thaya erhalten . [73] Auch deren romanischen Fenster waren mit Rankenmalereien versehen, die erhalten sind. O. Prof. Walter Koch datierte den Inschrift-Rest in das 2. Viertel des 15. Jahrhunderts. [74] Pfarrer Florian Schweitzer von Thaya hat Balkenlöcher unter anderem in der Westwand und im Gebiet des Dachbodens festgestellt, die aber eine Rekonstruktion des ehemaligen Kirchendachstuhles nicht zuließen. Ebenso ist ein sicherer Nachweis von einstigen Holzpfeilern nicht möglich, [75] obwohl die Flachdecke in der Kirche zu Waldkirchen/Thaya pfeilerlos eine Breite von 9,5 m aufweist. Zweifellos fehlt hier eine - technische - Gesamtuntersuchung, nämlich bei allen Kirchen. Die Decke der Kirche in Thaya war sicher schabloniert.

Mit Böhmen gab es im Mittelalter trotz zahlloser Auseinandersetzungen einen künstlerisch regen Austausch. Gerade das Waldviertel wurde dafür zum Korridor und zur Drehscheibe, wofür die erwähnten Einstützen-Schirme in Zwettl und Altenburg den Auftakt für die Gotik bildeten.

Die Weltberühmte Münzstätte in Joachimstal (Jáchymov) besitzt mit ihrer Spitalskirche einen kunstgeschichtlichen Schatz. [76] An ein gemauertes Rechteck schließt östlich ein halbes Sechseck (Altarraum) an. Ein Fensterpaar ist ganz knapp an den Längswänden zur Polygon-Ecke geschoben, wodurch die Vereinheitlichung des Innenraumes verstärkt wird. Der Altarraum ist erhöht, dem auch die Fenstersohlbänke folgen. Der Innenraum ist zur Gänze aus Holz aufgebaut. Im Langhaus trägt eine kräftige runde Mittelstütze (etwas nach Westen verschoben) die flache kassettierte Holzdecke. An der Schwelle zum Polygon stehen, quer angeordnet, drei dünnere Holzstützen nebeneinander. Trame verstärken den Zusammenhang. Wichtig ist ferner die Mittelstütze vor dem Hochaltar, denn sie trägt noch jetzt den Gekreuzigten, unterhalb davon eine "Schmerzhafte Maria". Ein neuerlicher symbolisch-ikonographischer Hinweis ergibt sich im besonderen auf die an dieser Stelle platzierten Kreuzaltäre, die im Barock "beseitigt" oder neben den Triumphbogen verlagert wurden. Diese springende Pfeiler-Anordnung erinnert stark an die spätgotischen, vor allem aber die Dreistützenkirchen, ferner an die bedeutende Rolle der Spitalskirchen, wo die drei Stützen die traditionelle Schranke zum Altarraum bilden.

Grundriss der Spitalskirche Joachimstal

Derartige Einzelbeispiele lassen auf eine gewisse Baupraxis schließen. Die weiten Lücken im heutigen Bestand - bei einer einstigen Überfülle - führten in der Holzbaukunst unter anderem auch zur Hypothese, "... viele der noch im 12. Jahrhundert errichteten Kirchenbauten in Oberösterreich wären Holzbauten gewesen, die erst in der Gotik durch Steinbauten ersetzt wurden. - Tatsächlich aber fanden sich neben den beiden frühen Holzkirchenbauten, der Wenzelskirche von Wartberg ob der Aist und St. Michael in Oberrauchenödt, rund 60 weitere Steinkirchen, welche sich auf Grund des Quadermauerwerks, der sockellosen Langhausmauern, architektonischer Details wie etwa Traufsteinen oder der ergrabenen Fundamentzüge als romanisch erweisen .[77]

Nur weitere Kirchengrabungen können hier Auskunft geben. Man muss auch polyhistorisch vorgehen - ein weiteres Indiz sind u. a. die vielen kurzfristigen Holzburgen der gleichen Zeit (des 11. und 12. Jahrhunderts) im Mühlviertel, welche bald wieder verlassen wurden und deren Entdeckung sowie Feststellung das hohe Verdienst von A. Höllhuber ist.

Gewiss hatte nicht jede Steinkirche einen Vorgängerbau aus Holz. Aus historischen Gründen gibt es aber wahrscheinlich mehr Steinkirchen mit Holzvorgänger als solche ohne diesen. Der Holzbau der Germanen und Slawen darf weder für noch gegen den aktuellen Rassismus und Nationalismus missbraucht werden.

Anmerkungen:

64) Buchowiecki Walter: Romanische Landkirchen in Oberösterreich, OÖHbl IV, 1950, S. 1 ff.

Ginhart Karl: Die Kunstdenkmäler Kärntens, 8 Bände, 1929 - 1933.

Ders.: Kärnten, in: Reclams Kunstführer Österreich, Bd. 11 (Stuttgart 1968).

Ders.: Über die Zweiachsigkeit im nordischen Baudenken des Mittelalters, in: Belvedere 1927, S. 127 - 140.
65) Strzygowski Josef: Spuren indogermanischen Glaubens in der bildenden Kunst (Heidelberg 1936).

Zaloziecky Wladimir Roman: Gotische und barocke Holzkirchen in den Karpathenländern (Wien 1926).
66) Hartwagner Siegfried: Kärnten. Der Bezirk St. Veit an der Glan, (Salzburg 1977), S. 101/102.

Ginhart (wie Anm. 64).
67) Buchowiecki (wie Anm. 64), bes. S. 100.
68) Katalog 1000 Jahre Oberösterreich (Linz 1983) II, S. 63 Nr. 2.38.

Katalog Mühlviertel (wie Anm. 38), S. 83, Nr. 9.45.
69) Nach dem Profil des einfachen Kreuzrippengewölbes über dem romanischen Chorquadrat 1. Hälfte 14. Jh.
70) ÖKT (wie Anm. 3) 6, Waldkirchen, S. 41/42.
71) Hartwagner Siegfried: Schablonierte sowie bemalte Holzdecken und ihre Restaurierung, in: ÖZKD (Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege) 22, 1968, S. 146 - 164, bes. Abb. 192.
72) ÖKT (wie Anm. 3), Band 8/1 Zwettl Stadt, Stadtpfarrkirche, Fig. 410. Polleroß F. B. hg.: Geschichte der Pfarre Altpölla (1982), Abb. 22. ÖKT (wie Anm. 3), 1 Krems (1907), S. 289, Fig. 186.

Eppel (wie Anm. 16), S. 147 Langenlois, Pfarrkirche, Abb. 61. Allerdings nicht "frühgotisch", sondern wegen der Fischblasen etwa 2. Hälfte 14. Jh. (oder später). Man sieht aber die ursprüngliche Anordnung gut.
73) Wie er am Dachboden der Pfarrkirche Thaya bequem besichtigt werden kann und in einer Fotodokumentation im Heimatmuseum Thaya zu sehen ist.
74) Für den mündlichen Hinweis danke ich sehr.
75) Laut einem Brief vorn 28. Juni 1978 mit Skizze.
76) Topographie von Böhmen (TopBöhm) Bd. 40, Bezirk Joachimstal (Prag 1913), S. 60 - 64, T. Vl. - Erbaut wahrscheinlich 1516. Im Westen sitzt U-förmig eine Balkonempore (vgl. Anm. 36). Die Kanzel befindet sich seitlich an der Nordstütze. - Umelecke památky cech Bd. 1, (A-J) (Prag 1977), S. 564/565.
77) Koch Rudolf: Kirchenbaukunst bis zum Ende der Romanik, in Katalog Mühlviertel (wie Anm. 38) Beiträge 361.

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