Der Grundriss

Zwischen der äußeren Erscheinung der Kirche mit ihrer blockhaften Geschlossenheit, dem ungewohnt ganz ungotischen Fehlen der Strebepfeiler und den unauffälligen Maßwerkfenstern bzw. dem Innenraum mit seiner Mittelbetonung, der vorherrschenden Freipfeiler (gegenüber dem Presbyterium) bestehen starke Unterschiede, sodass es am besten erscheint, die Anlage (wie üblich) vom Grundriss her "aufzurollen". Bereits die Wahl des Standortes weist auf einen obrigkeitlichen Befehl hin, denn die Anger sollten ursprünglich unverbaut und funktionstüchtige Freiflächen bleiben.

Grundriss der Filialkirche Weißenbach

Die romanischen Gründungskirchen liegen zumeist erhöht am Ortsrand (z. B. Kleinzwettl, Horn, Zwettl, Gmünd, Weitra). War die Stadtpfarrkirche in Wiener Neustadt 1194 ein frühes Beispiel des "Zentralismus" [17], so mögen diese Neuanlagen einer Pfarrkirche am Stadtplatz (nicht dem Marktplatz) mit einer gewissen Art von "Verbürgerlichung" motiviert sein, worauf u. a. auch die fassungsfähigen weiten Hallenräume hinweisen.

In Litschau und in Perg (OÖ) waren einst eine romanische Burgkapelle bzw. eine nahe Mutterpfarre vorhanden, doch wurde in beiden Fällen im 15. Jahrhundert unmittelbar am Marktplatz eine große Hallenkirche ganz neu erbaut. Die Bürger hatten dabei finanziell und als Benützer ihren Anteil; auch die Nähe zum Marktplatz und die Einbindung in den Ort waren ausschlaggebend.

Im Waldviertel wird die Bezeichnung "Marktkirche" heute noch in Gars/Kamp verwendet, während die herrschaftliche landesfürstliche Burgkirche der Pfarre Gars in Thunau unmittelbar unter der Burg thronte. 1573 stellte die Neuanlage der Georgskirche in Horn einen demonstrativ protestantischen Akt dar [18].

Wie in Kleinzwettl [19] und in der Mutterpfarre Thaya [20] finden wir auch in Weißenbach die Heiligen Petrus und Paulus heute noch am Hochaltar, gleichsam als die obersten Vertreter der päpstlichen Kirche. Wappen, Werkzeuge, Gewerbe- und Hauszeichen wie an den Schlusssteinen des knapp zeitlich vorangegangenen und am Triumphbogen anno domini/m (illesimo) . CCCC°.IX  a.o beschrifteten, 1460 mit a und o (= Anfang und Ende) datierten Triumphbogens von Kleinzwettl [21], finden sich ebenfalls in diesen Kirchen.

In Kleinzwettl war ein romanisches Kirchenschiff später eingewölbt worden, daher kam es auch zu einer Längsstreckung bzw. Dreizahl der Freipfeiler. In der Spätgotik des 15. Jahrhunderts neigte man dazu, die Hallenräume zu zentralisieren [22], wie auch in Weißenbach, dessen Grundriss (siehe Abbildung oben) noch am ehesten und "künstlich" länglich wirkt. Die drei "Fassaden"-Seiten des Außenbaues sind würfelhaft geschlossen. Im Inneren geht die Längsachse durch das Abtrennen der Empore bzw. das Selbständigwerden eines Quadrates im östlichen Langhausteil vor dem Triumphbogen und dem Presbyterium unter. Gemäß der Tradition mittelalterlicher und besonders spätgotischer Baukunst ist jedoch die Mittelstütze gleichzeitig auch Mittelpunkt der Kirche. Unterstrichen wird dies durch die Abmessungen, die zeigen, dass das Quadrat des östlichen Jochgeviertes beinahe so hoch wie breit ist, also einen Würfel bildet. Die Umkehrung vom hohlen, korridorartigen, durchschaubaren, prospektaffigen Aufenthaltsraum der Früh- und Hochgotik zum materiellen, kultischen, gewölbeabschlussbetonten, pfeilertragenden Raum der Spätgotik ist im Grundriss von Weißenbach vollzogen - und nachvollziehbar, wenn man seinen Planungsvorgang untersucht. Bei aller Durchdringung wirken demgegenüber die herrschaftliche Empore einerseits und das Presbyterium andererseits wie an den Rand gedrängt.

Der Grundriß von Weißenbach lässt beim genauen Lesen nicht eine zweischiffige Hallenkirche, sondern eigentlich eine Innenraumteilung am längspolygonalen Querschnitt des westlichen Freipfeilers und den nördlich sowie südlich daran ansetzenden breiteren Bögen der Empore erkennen. Somit stellt sich für die Kirchenbesucher der einzige Hallenraum als Einstützenraum dar. Mittels eines Dreistrahl-Gewölbes wird der Übergang zum Triumphbogen hergestellt (s. u.) und dadurch das eingezogene einjochtige Presbyterium mit dem Schiffsprung "zusammengenäht". Das "auffallende Fehlen" der Strebepfeiler, überdeutlich sichtbar am Außenbau (wo aber die Fensterbahnen erscheinen), wird zum Stil- und Datierungskriterium. Im Grundriß wird das Sichöffnen der Querachse, die Durchgängigkeit, das Fluktuierende, durch die beiden gegenüberliegenden Seiteneingänge am deutlichsten sichtbar.

Anmerkungen:

17) Klaar Adalbert: Der Stadtgrundriss von Wiener Neustadt, UH 17, 1946, bes. S. 145 ff. In der Mitte liegt aber bekanntlich der Haupt- oder Marktplatz, von den Lauben umgeben. Der Pfarrplatz ist nach Nordwesten verschoben.
18) Holzschuh - Hofer Renate: Bemerkungen zur Georgskirche in Horn. in: Kamptal-Studien 5. Band (1985), S. 75 - 101, bes. S. 80/81. Der gotische Vorgängerbau wurde nicht gänzlich abgerissen, von ihm dürften u. a. die gotischen Strebepfeiler erhalten geblieben sein.
19) AB Thaya (wie Anm. 1) Nr. 2/3/1981. Die Wehrkirche in Kleinzwettl. um stilistischen Befund, dass ursprünglich Stephanus und Paulus zusammen gehörten, verdanke ich Herrn Pfarrer Florian Schweitzer (Thaya) den Hinweis auf die NT-Apostelgeschichte: Die Steinigung des Stephanus erfolgte mit der Zustimmung des Saulus (Apg. 7, 55 - 60), der während der Steinigung des Stephanus auf die Kleider aufpasste. Man nahm auch an, dass aus dem Blute der Märtyrer neue Anhänger des Christentums kommen - aus Saulus wird dann Paulus.

Im Zusammenhang mit Paulus bzw. den Rebmessern am Schluss-Stein in Kleinzwettl ist nicht uninteressant, dass Paulus auch Patron der Weinhauer war; vgl. den Katalog: 1000 Jahre Kunst in Krems (1971), KatNr. 102
20) Schweitzer-Schadauer-Neuwirth-Hauke-Reisinger: 800 Jahre Thaya 1175 - 1975. Festschrift, hg. Marktgemeinde Thaya (1 975), bes. S. 31, Bildteil Abb. 23, 24.
21) Wie Anm. 19, bes. S. 118. Die damalige Unsicherheit des Verfassers möge man entschuldigen. Inzwischen unterzog sich der Verfasser einer Spezialausbildung für die Epigraphik. Das Alpha und Omega, hauptsächlich nach der Apokalypse, findet sich (vom Frühchristentum ganz abgesehen) schon bei romanischen Portalen (wie in Millstatt; vgl. JbLkNÖ NF 50/51, 1984/85, bes. S. 248) und sieht auch zur Genesis - Schöpfung (dem Anfang der Welt) bzw. dem Jüngsten Gericht (dem Ende der Welt) in besonderer Beziehung. Die Missverständlichkeit entstand in Kleinzwettl auch durch das unmittelbare, ohne Trennungspunkt folgende a.o auf die Jahreszahl.
22) Götz Wolfgang: Zentralbau und Zentralbautendenz in der gotischen Architektur (Berlin 1968).

 

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