Das Dreistrahl-Gewölbe - vom Mittelpfeiler zum Triumphbogen

Obschon der Pfeiler auf die Spitze getrieben wurde, die Maßwerkfenster die extreme Kurvendynamik der späten Gotik verraten - wie bekanntlich in Freistadt und Königswiesen im oö. Mühlviertel, in Weistrach (Bez. Amstetten), in Göss in der Steiermark [125] -, so sind die meisten Architekturglieder in Weißenbach auf ein Minimum vereinfacht. Das zweite wichtige Phänomen des Innenraumes ist aus der Tradition der Spätgotik hervorgegangen und unterbietet viele andere bessere Lösungen.

Erich Bachmann hat zur Erforschung der Dreistrahlrippe besonders viel beigetragen [126], vor allem des Dreistrahlschirmes an Freipfeilern von Einstützenkirchen. Der Grundriss von Weißenbach gibt die Situation wieder: Der achsiale Mittelpfeiler steht vor der großen Öffnung des Triumphbogens, und es muss sich eine Gewölbeform finden, die den Sprung von "Voll auf Lücke" im Auflager überbrückt [127] . Dieses Problem war immer schon gegeben, es beginnt in der römischen Antike und in der Romanik.

Auch im Kapitelhaus von Zwettl wurde es eigentlich ignoriert. Die herabkommenden Gewölbekonsolen ruhen dort auf der Scheitelsteinzone von Portal bzw. der ehemaligen Thronnische für den Abt auf - was auch sinnvoll beabsichtigt war [128]. Gänzlich unbekannt ist das Zisterzienserinnen-Kapitelhaus von Heiligenkreuz bei Meissen, welchem Kloster eine Monographie gewidmet wurde [129]. Dort gibt es ein frühes Beispiel dieser Bauaufgabe mit einem gratigen Dreistrahlgewölbe, das vom Kapitelhausportal zum Mittelpfeiler reicht.

In Österreich gibt es eines der frühesten Exempel desselben Ordens. In Lilienfeld wurde im Chorscheitel vom östlichsten Stützenpaar des Binnenpolygons zur Axialstütze der anschließenden Halle mit einem Rippendreistrahl (um 1230) der Übergang vollzogen. Für Weißenbach unerlässlich ist die verzogene Kreuzrippenform der benachbarten Jochgewölbe. In Lilienfeld fehlen dazwischen die radialen Scheidrippen [130] - in Weißenbach fragmentiert der Dreistrahl die mittleren Schenkel der Kreuzrippen, die an ihn anstoßen.

Gewölbeteil (Axonometrie)

Lilienfeld ist ein absoluter Wegbereiter. Die Situation hat sich dann in den vielen zweischiffigen Kirchen des Waldviertels wiederholt. Zum böhmischen Grenzgebiet hin, wie schon wiederholt im anschließenden Südböhmen aufgezeigt, ist das Sprunggewölbe der Burg Klingenberg/Zvikov gleichzeitig mit Lilienfeld, zum Ahnherrn zahlreicher gotischer Kreuzgänge geworden [131].

Für Böhmen ist dies bei den ausgezeichneten Publikationen Bachmanns nachzulesen. Für Österreich fehlt eine spezielle Untersuchung, obwohl seine Kirchen kaum zurückstehen. Um etwa 1340 gibt es mit der Wallseerkapelle in Enns, sowie Pöllauberg (Bez. Hartberg, Steiermark) einen Durchbruch der Dreistrahlgewölbe. In Enns verwendet auch die Minoritenkirche (1. Hälfte des 15. Jahrhunderts) dann selbst einen Dreistrahl inmitten zweier verzogener Kreuzrippen, getrennt durch Scheidrippen [132]. In Pöllauberg sind im entsprechenden Joch (Übergang von zwei auf drei Schiffe) fünf Dreistrahlgewölbe wie bei einem Sprunggewölbe gleichsam querlaufend ineinander verzahnt [133].

Die romanischen Krypten des Rheinlandes mit ihrem Übergang von Hallen zu Apsiden hatten dem Erfordernis bereits ausgiebig gehuldigt und der technischen Notwendigkeit Tribut gezollt. Im 14. Jahrhundert wird diese Architektur zur Kirchenarchitektur erhoben.

Der Schlüsselbau von St. Peter bei Freistadt (Friedhofskirche um 1370) setzte den Dreistrahl so breit ein, dass er über die ganze Kirchenbreite in die beiden östlichen Ecken reichte. An die Mittelstütze schließen daneben lediglich halbierte Kreuzrippengewölbe an [134].

Das fragmentierte, vierteilige Weißenbacher Kreuzrippengewölbe ist kein Einzelfall; Wieselburg hat um 1500 einen knappen zeitlichen Vorsprung [135]. Meist zog man es vor, ein vierteiliges Kreuzrippengewölbe zwar anzulegen, es aber unregelmäßig zu verziehen. Als gleichzeitige Beispiele gelten die Schlosskapelle zu Ebreichsdorf um 1430 [136], die Kirche der steirischen Stadt Friedberg (Bez. Hartberg) 1. Hälfte des 15. Jahrhunderts [137] und die in Oftering (Bez. Linz-Land) [138]. Sogar in Verbindung mit Netzrippengewölben in Schwertberg (Bez. Perg, 0Ö.) [139] zu Ende des 15. Jahrhunderts und noch mehr mit den Schlingrippen der Donauschule in Weigersdorf (bei Kremsmünster) 1523 hatte diese Dreistrahlrippe vor dem Triumphbogen noch immer nicht ausgedient [140].

Für die Kirche in Weißenbach haben die Kirchen in Seyfrieds und Thaya, schon wegen ihrer räumlichen Nähe, besondere Bedeutung. In Seyfrieds schließen die halben vierteiligen Kreuzrippen an den Dreistrahl an, doch so, dass ein zusätzlicher Rippenschenkel gerade Richtung Osten an die jeweilige Triumphbogenwand stößt (vermutlich anfangs des 15. Jahrhunderts). In der Mutterpfarre Thaya begleiten halbe vierteilige Kreuzrippengewölbe die Dreistrahlrippe vor dem Triumphbogen (vielleicht 1493) [141].

Anmerkungen:

125) Buchowiecki (wie Anm. 38), Freistadt Fig. 6, Königswiesen Fig. 86, und Abb. 58, Göss Fig. 183 und Abb. 107.
126) Bachmann Erich: Architektur bis zu den Husittenkriegen, in: Gotik in Böhmen, hg. K. M. Swoboda (München 1969), S. 34 - 109.

Ders.: Sudetenländische Kunsträume im 13. Jahrhundert (Brünn 1941).

Ders.: Eine spätstaufische Baugruppe im mittelböhmischen Raum (Brünn 1940). - Diese Arbeiten sind grundlegend.
127) Beispiele bei Clasen (wie Anm. 123).
128) Kubes-Rössl (wie Anm. 31), bes. S. 23, 24, Abb. 15, 16.
129) Rauda Fritz: Die Baukunst der Benediktiner und Zisterzienser im Königreich Sachsen und das Nonnenkloster zum Heiligen Kreuz bei Meißen (Meißen 1917).
130) P. Felix Vongrey: Stift Lilienfeld. Stiftskirche, in: Katalog 1000 Jahre Babenberger in Österreich (1976), S. 328 - 335, mit Lit.
131) Kuthan Jiri: Goticka architektura v jiznich Cechach. Zakladatelska dilo Premysla Otakara II (Prag 1975), Zvikov: S. 79 ff, bes. S. 89 Grundriss und Abb. 27 (Sprunggewölbe). - Im übrigen sind auch die abgekragten Kopfbildungen in der ehern. Dominikanerkirche in Budweis für unsere Zusammenhänge besonders interessant (Abb. 67, 68), wo eine Art kantonierter Pfeilerquerschnitt stelzenförmig auf ein dünnes Wandsäulchen aufgewuchtet wurde.
132) Buchowiecki (wie Anm. 38), Enns S. 236/237 Fig. 39, Abb. 26; Pöllauberg S 242 ff Fig. 44.

Wagner-Rieger Renate: Architektur, in: Katalog Gotik in Österreich (Krems 1967), S. 330 - 406 - die beste Übersicht über die gotische Architektur in Österreich!

Dies.: Gotische Architektur in der Steiermark, in: Gotik in der Steiermark (St. Lambrecht 1978), S. 45 - 53, bes. KatNr. 25.
133) Dadurch ergibt sich - zumindest im Gewölbe und in der Oberzone - eine sichtbare Art Querschiff, was als ein frühes Musterbeispiel für die spätgotische Raumgestaltung nur mittels Rippenfigurationen gelten kann.
134) Ulm (wie Anm. 38).
135) Eppel Franz: Die Eisenwurzen (Salzburg 1968), Abb. 70 bei S. 209.
136) Klaar (wie Anm. 35).
137) Dehio Steiermark (1982), S. 114/115, Grundriss.
138) Buchowiecki (wie Anm. 38), S. 300, Fig. 89.
139) Ders. (wie Anm. 38), Fig. 88.
140) Ders. (wie Anm. 38), Fig. 92.
141) 800 Jahre Thaya 1175 - 1975 (wie Anm. 20).

ÖKT 6 (wie Anm. 3), Fig. 138.

Hier ist bemerkenswert, dass die seitlichen diagonalen Rippen und die Gabelschenkel des Dreistrahls (zum Triumphbogen hin) parallel harmonisch verlaufen (im Gegensatz zu vielen anderen Lösungen, wie schon St. Peter bei Freistadt s.o.). So gibt es auch '3/4-vierleilige' Kreuzrippengewölbe an dieser Stelle und eine wahre Musterkollektion fast pathologischer Abarten. Eine Übersicht davon bietet auch Schotes (wie Anm. 41).

 

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