Zu den geschichtlichen Voraussetzungen

Das Gebiet um den Oberlauf des Thayaflusses, besonders im siedlungs-, herrschafts-, wirtschaftsgeschichtlichen und politischen Sinne, wurde zuletzt von Herbert Knittler eingehend und eindringlich besprochen [1].

Für die Geschichte des Ortes Weißenbach ist jener Artikel grundlegend, der in den "Geschichtlichen Beilagen zum St. Pöltener Diözesanblatt" (Diöcesankurrende) im Jahre 1907 von Alois Plesser verfasst worden ist [2].

Beim vorliegenden kunstgeschichtlichen Beitrag kann auf die Geschichte nur in Zusammenhängen eingegangen werden, vor allem was die weltlichen Einflüsse betrifft, aber auch andere Kirchen, andere Landschaften und Länder, Symbolik und Ikonographie, Orden und Stifter. Leider ist gerade der Bauherr der spätgotischen Kirche in Weißenbach, der wohl auch das Mariakrönungsaltärchen (Abb. 7) malen ließ, unbekannt. Gemessen an den zahlreichen wirtschaftlichen Krisen und kriegerischen Katastrophen ist das Erbe der Kirche in Weißenbach an Denkmalen erstaunlich reich [3], während das stattliche und stolze Schloß (Abb. 2) fast gänzlich verschwunden ist. Im 18. Jahrhundert verlor die Herrschaft Weißenbach ihre Selbständigkeit und wurde nach Heidenreichstein einverleibt.

Schloss Weißenbach  - 1672
Abb. 2: Ansicht des Schlosses Weißenbach, G. M. Vischer, 1672

Der Kirchenbau zu Weißenbach mit seiner 'bürgerlichen" Halle (jedenfalls bevölkerungsfreundlicher als der hierarchische Feudalismus), die mutmaßliche Herrschaftsempore, der Mariakrönungsaltar (knapp vor dem Protestantismus), die Altäre der Gegenreformation, mehr noch die legitimierende Wiederverwendung gotischer Statuen im Barock, sind nicht nur heutige Zeugen der Vergangenheit, sie haben Geschichte nicht nur mitgemacht, sonders einstmals Geschichte selbst gemacht.

Nicht zuletzt bewahren, nachdem selbst die Ruinen des Schlosses versunken waren, die Epitaphien (Anmerkung: Grabschrift; Grabmal mit Inschrift) mit Wappen und Inschriften die Erinnerung an die Herrschaft im Ort. Der Ehrgeiz der Herrschaft zu Beginn des 16. Jahrhunderts, die den Kirchenneubau mit dem qualitätsvollen Mariakrönungsaltärchen und einer Anzahl von Heiligenfiguren (als Überlebende des gotischen Hochaltares) schuf, muss so groß gewesen sein, wie die Neuausstattung zur Zeit der Gegenreformation mit Hochaltar, Seitenaltären, Epitaphien, Paramenten (Anmerkung: liturgische Kleidung; Altar- und Kanzeldecke) , Monstranz und sogar mit einem eigenen Friedhof (1621). Wenn auch einige Kunstwerke erst im 20. Jahrhundert verschwunden sind [4], so ist die Ausstattung für eine einfache ländliche Filialkirche außergewöhnlich.

Der Ort Weißenbach muss im Stichjahr der Gründung des Klosters St. Georgen, das später nach Herzogenburg verlegt wurde, noch nicht bestanden haben, denn die 1112 ausgestellte Gründungsurkunde nennt ihn und auch die anderen zehentpflichtigen Orte im nördlichen Waldviertel noch nicht [5].. Erst um 1230 ist in der sogenannten "Prima Fundatio"- einem Besitz- und Einkunftsverzeichnis - Weißenbach erwähnt. Das Stift besaß den Zehent von vier Höfen in Eigenbesitz und das Zehentdrittel von sechs Hofstellen [6]. Man kann annehmen, dass diese vom Bischof von Passau an das Kloster gestiftet worden waren. Wohl wegen dieser Angaben nahm Kurt Klein für 1230 einen Bestand von zehn Häusern an [7]. Es könnten aber schon bei der Ortsgründung jene 18 Häuser gewesen sein, die 1688 bzw. noch 1778 genannt werden [8]. Man sieht, dass der Ort ursprünglich nicht wuchs, sondern seinen Gründungsbestand beibehielt; der landwirtschaftliche Ertrag konnte nicht mehr Menschen ernähren.

Von Anbeginn dürfte der Ort unter der unmittelbaren Obhut der Ritter von Weissenbach gestanden haben. Schon vom niederösterreichischen Topographen Weiskern wurde 1770 die Verbindung von Weissenbach - gleichnamige Orte gibt es mehrere - über Gastern nach dem ehemaligen Kloster Garsten in Oberösterreich hergestellt:

Hetel von Wizenbach tritt 1142 als Zeuge des Markgrafen Ottokar IV. von Steier auf, als dieser dem Kloster Garsten eine Schenkung machte. Hetel ist nochmals Zeuge zwischen 1151 - 1161. Pilgrim von Weissenbach ist Zeuge für das Kloster Gleink im Jahre 1178 [9]. 1297 wird der Ort Weizzenbach (das zz entspricht phonetisch einem ß) wiederum erwähnt [10].

Um die Mitte des 14. Jahrhunderts häufen sich die Nennungen, dies vor allem durch finanzielle Transaktionen bzw. durch das Urkundenbuch des Stiftes Altenburg als Quelle und vor allem durch die Sammeltätigkeit des überaus fleißigen Alois Plesser.

1344 kaufte Alber von Puchheim u. a. das Dorf Weissenbach. Leider fehlt die Angabe, von wem er es gekauft hat.

Das Schwanken und die Häufigkeit der Änderungen in den Besitzverhältnissen lassen den Rückschluss auf heftige Spekulationen zu. Dadurch würde sich auch erklären, wieso der Stammsitz eines Geschlechtes diesem verloren gehen konnte, was 1380 hier auch geschah. 1345 kauft Weikart (s. u.) von Weissenbach die Hälfte der Burg Karlstein/Thaya.

1351, 1352, 1363, 1366, 1369, 1375, 1376, 1380 und 1381 werden wiederholt verschiedene Weissenbacher bei Geschäften genannt, u. a. handelte es sich um Pacht von Zehent, Belehnung, Kauf und Verkauf, Schulden und Verpfändung, Aufsenden von Lehen, Mitgiftschenkung, Schenkung, Dienstabgabe und Belehnung mit Zehent.

Um 1380 muss es für die Weissenbacher zu einer Krise gekommen sein, weil sie ihr Stammschloss in Weissenbach verkauften, obwohl gleichzeitig eine Belehnung mit der Feste Nondorf an der Wild erfolgte.

Letztmals werden Weissenbacher im Jahre 1383 genannt [11].

Kunstgeschichtlich bedeutend ist der obgenannte Weikart geworden, weil er sich in der Mutterpfarrkirche zu Thaya begraben ließ - ein damals noch ungewöhnlicher Vorgang, denn die Klöster mit ihren Totenoffizien wurden bevorzugt. Um die Mitte des 14. Jahrhunderts sind auf seiner Grabplatte (Abb. 3) die Buchstaben erstaunlich einfach (romanisierend; kaum gotische Schwellungen; Kreisform des unzialen D; kein geschlossenes E usf.) und von der gotischen Majuskel entfernt; auch die vier kreisringförmigen Punkte sitzen exakt in den Ecken der Grabplatte, sodass sie die Wörter rücksichtslos unterbrechen. Heraldisch gesehen ist um diese Zeit das Fehlen eines Oberwappens (Helm mit Helmtuch und Helmschmuck) zurückgeblieben. Die Form des Schildes selbst passt in das 2. Viertel des 14. Jahrhunderts. Auch Formular und Text sind altertümlich, der Reim mit ossa - fossa war beliebt, es fehlt überhaupt die Angabe des Todesdatums:

o WEICH o / ARDI o DE o WEIZZEP / o ACH o OSSA o / HAC o  IACENT o IN o FOSSA

(Des Weickard von Weissenbach Gebeine ruhen hier in der Grube)

Grabplatte des Weikart
Abb. 3: Grabplatte des Weikart, um 1300

Florian Schweitzer, seit 1958 Pfarrer in Thaya, hat das Wappen, welches nachträglich beschädigt worden war, auf Grund von Siegeln an Altenburger Urkunden rekonstruiert. Es war eine bearbeitete eiserne Spitze, ehemals geschäftet an einer langen Holzstange (die nicht abgebildet ist). Von ihr sind noch die Tülle, daran links eine Öse und rechts oben ein klingenartiger Teil erhalten [12]. Auf den Siegeln setzt sich die Tülle geradlinig in einer langen, dünnen Klinge oder Spitze fort (ihr Ende ist nicht sichtbar). Nach rechts biegt ein krummer, runder Haken zu einer Spitze ab bzw. um. Auf dem Wappenschild der Grabplatte ist dieses Eisen auch heraldisch richtig nach rechts oben schräg gerichtet, auf den Siegeln allerdings pfahlartig (senkrecht). Das Eisen sieht also aus wie ein heutiger Schiffs- oder Feuerhaken. Eine derartige Waffe gab es damals noch gar nicht (nur Lanzeneisen). Es dürfte sich also um ein Gerät oder Werkzeug o. ä. gehandelt haben, wie solche damals gerne zum Wappenbild gewählt wurden. Die Öse allerdings ist etwas Besonderes und bleibt vorläufig rätselhaft.

Trotz fehlendem Oberwappen ist es aber kein bürgerliches Wappen (wie später üblich, ließ der Steinmetz in solchen Fällen dieses weg), da die Weissenbacher, nach den Archivalien, lebensfähig bzw. Ritter waren.

Für die generelle Zusammenschau ist bemerkenswert, dass der Chorbau und die Madonnenstatue in Thaya genau der Zeit entstammen, in welcher Weikart hier begraben wurde - mit hoher Wahrscheinlichkeit war er an der Bestiftung beteiligt.

Die weiteren Schicksale des Ortes, der Herrschaft und des Schlosses sind unbekannt. Erst 1521 scheinen die Peuger als protestantische Herren auf und sind bis 1622 nachzuweisen.

1628 kaufen die Truckmiller die Herrschaft, werden sodann nach dem Ende des 30jährigen Krieges zu bedeutenden Mäzenen der Gegenreformation und des Frühbarock und sind bis 1706 urkundlich genannt.

Durch die Einverleibung in die Herrschaft Heidenreichstein verlor Weissenbach 1740 seine Selbständigkeit, die 1787 mit dem Abbruch des Schlosses ihr sichtbares Ende nahm [13].


Anmerkungen

1) Knittler Herbert: Das westliche Thayagebiet im Mittelalter, in: Arbeitsberichte des Kultur- und Museumsvereines Thaya (in der Folge zitiert AB Thaya) 3/4/1987, S. 299 - 306.
 2) Geschichtliche Beilagen zum St. Pöltener Diözesanblatt (in der Folge zitiert GB), Band VIII, St. Pölten 1907, S. 429 - 439.
3) Österreichische Kunsttopographie (in der Folge zitiert ÖKT Band 6, Waidhofen/Thaya, Wien 1911, S. 32 - 35.
4) Sie worden noch in GB (wie Anm. 2) angeführt: S. 430: der ganze rechte Seitenaltar hl. Antonius von Padua, mit Inschrift 1687; zwei alte, in Kupfer getriebene Bilder, den leidenden Heiland und die Schmerzensmutter darstellend; eine Marienstatue (ohne genauere Angaben); eine bereits unkenntlich gewordene hölzerne Grabtafel. Nach dem Visitationsbericht 1672 (GB S. 432): ein silberner Kelch, ein neuer Baldachin und Paramente. Im Jahre 1765 waren drei Altäre vorhanden.

J. Merz (wie Anm. 16) berichtet von: einem ziemlich reichen Vorrat an schönen Paramenten aus älterer Zeit. Besonders erwähnenswert ist eine Casel, Seidenstickerei auf grober Leinwand (17. J h.).

Die ÖKT 6, S. 35 stellt 1911 noch fest: Holz polychromierte Statuette der hl. Jungfrau mit dem Kinde, um 1500, sehr gering. (Mit "sehr gering" ist die künstlerische Qualität gemeint).

1911 beschreibt die ÖKT 6, S. 19: Gastern: Im Pfarrhof ein aus der Filialkirche Weißenbach stammendes Portatile. Kleine Steinplatte in Holzrahmen mit den gemalten Initialen IHS, kaligraphischen Eckornamenten und der Jahreszahl 1529. Im Rahmen gemalte Wappen des Siegmund Truckmüller und seiner Gemahlin. Mitte des 17. Jahrhunderts.
 5) Zum Text vgl. Bielsky (wie Anm. 6) AÖG 9. Auch abgedruckt im Katalog: Stift Herzogenburg und seine Kunstschätze, 1964, S. 87, Nr. 166.
6) Bielsky Wilhelm: Die ältesten Urkunden des Kanonikatstiftes St. Georgen in Unterösterreich von 111 2 bis 1244. Archiv für österreichische Geschichte (in der Folge zitiert AÖG) 9, S. 235 - 304, bes. S. 248: "In Villa Weyssenpach De quatuor Allodiis decime totalis Et de Sex Areis tercia pars cedit cenobio." - In einer deutschen Abschrift: "Zu Weissenpach auf vier Mairhoffen Gantzn Zehent und auf sechs Hofstettn Dritteil Zehent."
 7) Klein Kurt: Siedlungswachstum und Häuserbestand Niederösterreichs im späten Mittelalter. JbLkNÖ NF 43, 1977, S. 1 - 63, bes. S. 47. - Sonst müsste die Formulierung ja lauten: der ganze Zehent des ganzen Dorfes Weißenbach; bzw. ist ein Hinweis auf Unvollständigkeit die Angabe eines Zehentdrittels; das übrige muss jemand anderer eingenommen haben.
8) GB (wie Anm. 2) VIII, S. 430.
Biedermann Stefan: Geschichte der Pfarre Eggern, GB XIV (1954); Sonderabdruck 25. - Jedenfalls hat sich innerhalb dieser 100 Jahre die Häuserzahl nicht verändert.
9) GB (wie Anm. 2) VIII, S. 433.
10) GB (wie Anm. 2) XIII, S. 446.
11) GB (wie Anm. 2) VIII, S. 433 - 435 als Regesten und einige Urkundentextabdrucke in FRA (Fontes Rerum Austriacarum).
12) Herrn Pfarrer Florian Schweitzer, Thaya, danke ich für den Hinweis, sowie die Skizzen nach den Siegel-Wappen.
13) GB (wie Anm. 2) VIII, S. 435 - 439

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