Der Einstützenraum

Dieser Bautypus ist unmittelbar aus der Substanz der Weißenbacher Kirche ableitbar. Die scheinbare Künstlichkeit einer offensichtlichen Amputation wird historisch umgedreht und als ein gewachsener Prozess erklärt. Der erkennbare Einstützenraum steckt noch viel mehr in den damaligen allgemeinen Baugewohnheiten der Spätgotik.

Die Einstützenräume stießen bei den längsachsialen Pfarrkirchen der Romanik auf einen gewissen Widerstand. Nicht umsonst leiten sie sich von Profanbauten ab, wo in den Versammlungsräumen die Beteiligten ringsum zu sitzen kamen.

In den Kirchen des Mittelalters stand man durchwegs - Sitzen oder Thronen war ein herrschaftliches Privileg. Die Westempore wird dieser altherkömmlichen Herrschaftsempore noch gedient haben [23]. Dagegen saß der Adelige zeitweilig, beteiligt an liturgischen Handlungen, beim Hochaltar [24].

Im 15. Jahrhundert hatten die Westemporen einen eigenen Altar, übernahmen die Orgel (vom östlichen Orgelchor im Presbyterium) bzw. die Musiker und Sänger. Für einen westlichen Emporenaltar in Kleinzwettl sprechen die dort überraschend - nach den eingeschalteten Berufszeichen im Langhaus - wieder auf tauchenden sakralen Motive: der Messkelch im Wappenschild, die Leidenswerkzeuge mit der Pflugschar und nicht zuletzt das ihs unter der Empore südseitig und die unlesbaren Buchstaben nordseitig [25].

Den profan hohen repräsentativen Aufwand dieser Endgotik verkörpert als außergewöhnliches Beispiel das Zellengewölbe in einem Bürgerhaus in Waidhofen an der Thaya [26].

Wie noch weiter zu sehen sein wird, bieten sich die Kirchen des Waldviertels zum Vergleich und zu einer Einordnung an. Allein dadurch kann im Verständnis und der Erforschung der heimatlichen Kunst sehr viel weitergeschritten werden. In der Mutterpfarrkirche Thaya ist die Westempore nicht zugleich mit dem westlichen Freipfeiler der zweischiffigen Halle mitgemauert, wie in Weißenbach und Kleinzwettl, sondern selbständig davor gestellt, trommelförmig niedrig und gedrungen, ihr Mittelpfeiler aber durch dynamisch gedrehte Riefelung die lebendigste Stelle im ganzen Bauwerk (was auch für die ZeitsteIlung wichtig ist) [27].

Nicht mehr aus dem Grundriss ablesen können wir eine andere Architektur- und soziale Entwicklung: Die Erhöhung der Herrschaft in einem Obergeschoss des Altarraumes an den Längswänden als Oratorium. Diese Lösung fehlt "noch" bei den genannten drei Kirchen unseres Gebietes [28]. Mit dem Niedergang der Herrschaft und des Patronats im 19. und 20. Jahrhundert sind diese einst so imponierenden Räumlichkeiten dem Untergang verfallen und oft devastiert worden. Nicht nur deswegen ermangelt es an einer profunden monographischen Untersuchung [29].

Im Einstützenraum versammelten sich die Gläubigen. Der Pfeiler steht also mitten unter ihnen. Wie die uralten Menhire und viele anderen Pfeilerformen hat er durch das körperhafte, aufrechte Stehen etwas Menschenhaftes. Daher ist er nicht selten die Verkörperung oder der Stellvertreter eines Heiligen, oder auch Christi selbst [30]. Vermutlich liegt sogar der Wunsch, die Begründung dieser Form, welche den Raum (auch liturgisch) versperrt, in einer unkörperhaften Vergegenwärtigung. Die uralte Tradition reicht über die selbst schon alten Zeugen der mittelalterlichen Stein-Baukunst im Waldviertel, dem Mittelpfeiler des Kapitelhauses im Stift Zwettl aus dem 12. Jahrhundert [31], dem gleichen im Stift Altenburg, etwas später und mit einem frühgotischen frühen Dreistrahl-Rippen-"Schirm" [32], sowie der Altenburg eng verwandten Lösung im ehemaligen Karner-Beinraum des Stiftes Zwettl, welcher 1274 zu datieren wäre, noch viel tiefer zurück bis in den Holzbau der Bayern [33].

Vor allem die Forschungen und Publikationen von Erich Bachmann haben hier einen selten günstigen wissenschaftlichen Stand vorgegeben (wie er anderswo, etwa beim Marienkrönungsaltärchen, schmerzhaft vermisst wird).

Nordansicht

Südansicht

Ostansicht

In Niederösterreich wurde der Bautyp der Klöster von den herrschaftlichen Burgkapellen Albrechtsberg an der Pielach [34] um 1300, oder in Ebreichsdorf (Bezirk Baden) etwa um 1430 [35] übernommen. Er griff dann auch auf die Pfarrkirchenarchitektur über. Bei der interessanten Wehrkirche in Edlitz in der Buckligen Weit befand sich ein Teil der Kirchenbesucher auf der U-förmig an den Seitenwänden als Balkon weitergeführten Empore [36], also ein modern modifizierter Versammlungsraum. Die romanischen Einstützenräume der bürgerlichen Wohnhäuser (Wiener Neustadt, Prag), der Palas-Gebäude (in Burgen und Stadthäusern) bildeten die Vorgänger dieses Bautypus, der für exzentrische Sonderaufgaben immer gut war [37], von den Erbauern der Pfarrkirchen aber eher abgelehnt wurde. Durch die Integration von Westempore bzw. Presbyterium mit dem Einstützenraum ist die Kirche in Weißenbach kunstgeschichtlich wichtig geworden.

Den besonderen Ansprüchen als Friedhofskirche (um 1370) in St. Peter bei Freistadt OÖ war die Mittelstütze hoch willkommen [38]. Wie im 13. Jahrhundert üblich, lässt diese Kirche die diagonalen Strebepfeiler an den westlichen freien Ecken weg - dafür bleiben sie mitten an den Längswänden stehen und im Kreuzrippengewölbe der beiden Westjoche als breite Gurtbögen miteinander verbunden. Die beiden Ostjoche haben gewissermaßen halbierte Kreuzrippengewölbe und in ihrer Mitte einen zum Triumphbogen überleitenden Dreistrahl. Allesamt sind das spürbare Vorstufen für Weissenbach.

Entwicklungsgeschichtlich wie formal hochbedeutend sind die genannten Drei-Stützen-Kirchen [39]. Durch das Pfeilerpaar der Empore wird die Teilung verschärft - durch die kuppelige, schirmförmige und sternförmige Gewölbefiguration zuletzt wiederum vereinheitlicht. Die Verbreitung der Dreistützenkirchen ist auf das damals bayrische, heute oberösterreichische Innviertel konzentriert. Ihre Ausläufer reichen nicht nur bis in das Kärntner Drautal - wo in der Pfarrkirche von Berg leider und kennzeichnend die Mittelstütze wieder entfernt wurde [40] -, sondern auch in das niederösterreichische St. Pantaleon.

Für die "Spätgotischen Einstützenkirchen und zweischiffigen Hallenkirchen im Rheinland" liegt eine Untersuchung von Paul Schotes vor [41]. Über eine Literaturübersicht und Bestandsaufnahme kommt diese gedruckte Dissertation aber nicht hinaus; vorteilhaft ist eine geographische Einordnung in Deutschland und Mitteleuropa (störend ist das Fehlen vor allem Englands), und es wird bewiesen, dass historische Kunstwerke nicht einfach verwaltet werden können  [42].

Im Gegensatz zum 14. Jahrhundert werden in der Spätgotik des 15. Jahrhunderts Formteile verschmolzen, die an sich, oder ideal-absolut bzw. geometrisch gesehen, nicht zusammenpassen; beispielsweise die zentrale Mittelstütze entgegen einem längsrechteckigen Raum.

Ein quadratischer Gesamtraum mit Wandhülle aus vier quadratischen Jochen, in der Romanik sogar noch mit quadratischem Pfeilerquerschnitt, [43] gibt ihren Perfektionismus zugunsten oder zuungunsten der Kontraste zwischen Zentrierung und Längsdehnung preis (= Harmonie der Quadratur). In Wien besaß diese Zweiachsigkeit mit zwei Stützen nacheinander, zwei Schiffen zu drei längsrechteckigen Jochen einen frühen Vertreter in der Katharinenkapelle im ehemaligen Minoritenkloster (Weihedatum 1298) [44]. Dieser Raum ist dort die Kapitelhauskapelle mit geradem östlichem Abschluss. Das grundlegende wertvolle Buch von Wolfgang Götz "Zentralbau und Zentralbautendenz in der gotischen Architektur" hat solche entwicklungsgeschichtlich die Weichen stellenden Bauwerke nicht übersehen und widmet ihnen ein eigenes Kapitel "Rechteckige Einstützenräume" [45]. An der Reduktionsarchitektur von Weißenbach gingen allerdings die reichen Gewölberippenfigurationen, Schirme mit gesamter Sternausbildung, wie etwa in der Spitalskirche zu Eger in Böhmen [46], verloren. Diese Kirche in Eger kann etwa mit dem Begriff der "Donauschule" gleichgestellt werden [47], welcher für Weißenbach (ca. 1520), wegen seiner Vereinfachung, nur teilweise in Frage kommt. in Eger tritt an Stelle von Spannung und Kontrast fast ein Auseinanderreißen, in Weißenbach hingegen eine ruhige, zusammenfügende Durchdringung.

Innenansicht

Anmerkungen:

23) Darauf verweisen die Wandmalereien von Adeligen im 13. Jh. bei den Westemporen in Jak (Ungarn), bzw. im Wiener Stephansdom.
24) Dagegen spricht sich für den Altarraum aus: Tomaszewski Andrzei: Romanskie koscioly z emporani zochodnimi na olrzarze poski, czech i wegier (Wroclaw 1974), bes. S. 409 - 410; deutsch (vgl. JbLkNÖ. wie Anm. 21, S. 288 und Anm. 183).
25) Die Westemporen der Spätgotik mit ihrer alsbaldigen balkonartigen Fortsetzung an den Längswänden würden einer besonderen Untersuchung bedürfen. Emporenaltäre sind gelegentlich archivalisch bezeugt. Auf einem Altarbild (gegen 1500) aus Mondsee sind eindeutig ein Altarmensablock mit zwei Leuchtern und einer Heiligenstatue darauf stehend sowie einige Besucher im Gespräch - alles auf einer Westempore in einer Kirche - ab- gebildet. Die Szene 'Christus unter den Schriftgelehrten' findet sich im Katalog: Spätgotik in Salzburg. Die Malerei 1400 - 1530. (Salzburg 1972), Kat. Nr. 130, Tafel 53.

Leider fehlen in Weißenbach die Bildhinweise wie auf den Schluss-Steinen in Kleinzwettl. In Unserfrau (Bez. Gmünd) bei Weitra sind beispielsweise Werkzeuge, Zunftszeichen u. ä. auf die Schluss-Steine aufgemalt.
26) Ausstellungskatalog: Das Leben in den Städten des Waldviertels im Mittelalter, (Waidhofen/Thaya 1979) 8; S, 21. Abb. (Hauptplatz Nr. 11).
27) Vgl. 800 Jahre Thaya 1175 - 1975 (wie Anm. 20), Bildteil Abb. 10. Am bekanntesten sind die gedrehten Körper der Pfeiler in der ehem. Stiftskirche zu Göss, Senk.
28) Im Waldviertel eine solches beispielsweise in Schönbach (Bez. Zwettl) aus dem 15. Jh.. hoch oben und winzig an der Chor-Nordwand. Am schönsten aber in Sierndorf (Bez. Korneuburg) in der Schlosskapelle oben links hinter dem Altar, wo mittels plastischer und bemalter Halbfiguren eine illusionistische Vortäuschung des herrschaftlichen Paares (1516) gegeben ist.
29) Nachdem ein Chor-Oratorium in Weißenbach fehlt, verblieb man bei der herrschaftlichen Westempore.
30) Strobel Richard: Romanische Architektur in Regensburg (Nürnberg 1965), S. 85, Anm. 11.
31) Kubes Karl - Rössl Joachim: Stift Zwettl und seine Kunstschätze (St. Pölten 1979), bes. S. 26, Abb. 15,17.
32) Seebach Gerhard: Zur Baugeschichte des Stiftes Altenburg, in: H. Egger - G. Egger - G. Schweighofer - G. Seebach: Stift Altenburg und seine Kunstschätze (St. Pölten 1981), bes. S. 41; S. 51 Figur 1, Abb. 27.
33) Katalog: Die Kuenringer (Zwettl 1981). Die Dokumentation zum Kapitelhaus S. 721 - 724

Kubes Karl: Das Zisterzienserkloster Zwettl ... JbLkNÖ NF 46147, 1980/81, bes. S. 346, Abb. 8.
34) ÖKT 3 Melk (1 909), S. 11 3/114.

Büttner Rudolf: Burgen und Schlösser. Dunkelsteiner Wald (Wien 1973), S. 139 - 143, S. 141 Grundriss.
35) Klaar Adalbert: Ein Beitrag zur Kunstgeographie Niederösterreichs, JbLkNÖ NF XXXII, 1955/56, S. 209 - 236, bes. T. 5 Grundriß
36) Kafka Karl: Wehrkirchen in Niederösterreich, Bd. 1 (Wien 1969), S. 44 - 53. - An der nordseitigen Balkonempore wurde vor einigen Jahren die Architekturbemalung mit der Jahreszahl 1528 freigelegt. Diese Balkonemporen sind im Waldviertel (wie die Wandpfeilerkirchen) eine Seltenheit, sonst aber im 15. und 16. Jh. häufig.
37) Wie Anm. 31, bes. S. 20 mit Lit.

Vielleicht besteht ein unmittelbarer genetischer Zusammenhang von profanem zu sakralen Einstützenraum innerhalb einer Burganlage, vom repräsentativen Wohnraum (Versammlungsraum etc.) zur Burgkapelle.
38) Ulm Benno: Gotische Architektur des Mühlviertels, in: Katalog Das Mühlviertel (Schloss Weinberg), (Linz 1988), S. 375 - 380, bes. S. 376. Götz (wie Anm. 22), S. 120 - 122, Fig. 67 Grundriss, Abb. 21.

Ulm Benno: Die Stilentfaltung in der Architektur der gotischen Landkirchen in den Bezirken Freistadt und Perg in Oberösterreich (phil. Diss. Wien 1953), bes. S. 60.

Buchowiecki Walter: Die gotischen Kirchen Österreichs (Wien 1951), bes. S. 293, Fig. 82 Grundriss.
39) Wagner-Rieger Renate: Architektur, in: Katalog Gotik in Österreich (Krems), S. 330 - 368, bes. S. 345 und KatNr. 366, Abb. 81
.
Buchowiecki (wie Anm. 38), bes. S. 306 ff.

Götz (wie Anm. 22), S. 130 - 140.
40) Hartwagner Siegfried: Berg im Drautal und seine Kirchen (Klagenfurt 1967), bes. S. 14/15, S 19/20.
41) Schotes Paul: Spätgotische Einstützenkirchen und zweischiffige Hallenkirchen im Rheinland (Diss. Trier 1970).
42) Denzer Heinrich: Die zweischiffigen gotischen Kirchen im Eifel-Moselgebiet, in: Trierisches Jahrbuch 1956, S. 76 ff. Denzer führt die Anordnung eines Seitenschiffes in Klausen und Enkirch links vom Hauptschiff auf eine dogmatische Auffassung zurück. In den beiden genannten Fällen handelt es sich um Marienwallfahrtsorte; der Gnadenaltar steht an der Ostwand dieses Seitenschiffes. Denzer erinnert an die Miniatur des Joan Fouquet "Inthronisation der Jungfrau" aus dem Stundenbuch für Chevalier, das zwischen 1452 und 1460 gemalt wurde. Dort ist die Dreifaltigkeit in drei gleich großen Figuren in einem gotischen Dreisitz dargestellt, und links daneben in einem rechtwinkelig stehenden Einsitz die Gottesmutter Maria.

Denzer Heinrich: Sinn und Herkunft der zweischiffigen Kirchen im Trierer Land, in: Trierisches Jahrbuch 1957, S. 91 ff.
43) Wie Anm. 31, S. 20, Abb. 32
44) May Alfred: Kapitelkapelle und alter Chor des ehemaligen Wiener Minoritenklosters, in: Studien aus Wien, hg. Historisches Museum der Stadt Wien, Schriften Heft 5, Wien 1957; S. 13 - 48, Abb. 1 1, 13, 15, 18 - 22.
45) Götz (wie Anm. 22), S. 108 - 130
46) Götz (wie Anm. 22), S. 110. Der Grundriss (Fig. 56) zeigt, dass die Ostwand leicht im stumpfen Winkel geknickt ist; die Synagoge in Eger (Fig. 57) bezeichnenderweise ganz gerade - rechteckig ist.
47) In Niederösterreich hauptsächlich der Amstettner Raum, in Oberösterreich im Mühlviertel (Freistadt, Königswiesen u. a.).

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