Bedachungen und Scheibenformen der Konsolen in der Frühgotik

In der Frühgotik sind generell Bedachungen, also eine oben schräg abschließende Fläche, überaus beliebt, ja sie gehören sogar zum Stilideal der Zeit. Sie sind wesentlich am Ideal der Verjüngung, des Schlanken, Leichten, Aufgelösten und Unwirklichen beteiligt. Gelegentlich werden die Kaffgesimse, also die Fenstersohlbänke einer Mauer um den ganzen Bau, innen wie außen rundum durchgezogen [104], sodass sich eine Caesur, eine scheinbare Abdachung als Trennzone ergibt. Scheinbarkeit und Scheinweit der Gotik und gotischen Architektur entfalten ihre Eigenständigkeit. Anderswo, in der Renaissance, wird man sie vergeblich suchen; nur die Romanik vermittelt bereits eine Vorahnung.

Jedermann wird sofort an die Bildstöcke und Totenleuchten der Gotik denken. Obwohl eine starke Beziehung zwischen Freipfeilern einer Halle - vor allem als einzelne Mittelstütze - und diesen funktionsgebundenen Stellen im Freiraum der Landschaft bzw. des Friedhofs bestehen muss, ist die Beweisführung zu ihren Gunsten schwierig [105]. Die scheibenförmigen Konsolen dieser Zeit sind leicht fassbar. Ein Irrtum wäre es zu glauben, dass Abdachungen die Gotik nur in der Höhe abschließen. An vielen frühgotischen Portalen wächst die Profilierung direkt aus einem großflächig abgeschrägten Sockel [106]. In Böhmen wachsen die diskusförmigen Wirtel an Portalen wie Pilze aus dem Boden. Gemäß der spätromanischen Baugewohnheit [107] können sie auch mitten im Schaft einer Säule sitzen. Erich Sachmann hat diesem Phänomen eine eigene Studie gewidmet [108]. Höher hinauf gerückt, können derartige Scheiben auch das Kapitell in der Kämpferzone vertreten oder ersetzen. Damit sind wir den genannten flachen frühgotischen Konsolen bereits ganz nahe gekommen, die auch zwei aneinander geklebten Tellerbasen gleichen würden, wenn sie nicht polygonal konzipiert wären.

Das wohl schönste und früheste Beispiel findet sich in Langau/Slavkov bei Krumau in Südböhmen (Skizze 8). Der polygonale "Körper" setzt mit flachest gebogener Unterseite kaum irgendwo auf [109]. Von einem Polygonalkörper sind nur giebelige Fünfecke übrig geblieben. Wie bei den gepflockten Rippen wachsen die Nasenleisten des Rippenprofils heraus (Skizze 8). Konisch verflüchtigt sich der kaum hervorgetretene Körper wieder zwischen die Rippen - als ein Pyramidendach - wie in Weißenbach.

Langau/Slavkov (Südböhmen), Konsole

Wir können derartige Lösungen auch in Österreich bewundern: z. B. die Göttweigerhofkapelle in Stein [110]. Sie ist Langau prinzipiell ähnlich. Nur die konkave Pyramide (bezeichnenderweise von einer illusionistisch gemalten Figur getragen) wirkt durch ihre Steilheit körperhafter. Die Dachpyramide schließt spiegelbildlich nach Zwischenstufen unmittelbar an (Form eines Kreisels). Für Weißenbach ist es besonders faszinierend, dass die überhängenden Rippenfüße mit ihren Stegen im Gegensinne zur Pyramide hervorwachsen und überstehen (Skizze 9).

In Weißenbach sind unter der Westempore Bedachun- gen auf Konsolen, zwischen den Rippenfüßen, vorhanden.

Eine nochmalige zeitliche und räumliche, ordensgeschichtliche Verbindung stellen die Hallenpfeiler der Zisterzienserkirche von Hohenfurth/Vyssi Brod, ganz nahe der oberösterreichisch-tschechischen Grenze, her [111]. Der starke Rücksprung inmitten der Pfeiler könnte auch baugeschichtlich erklärt werden; aber für das Waldviertel müssen wir den Pfeiler des Kapitelhauses in Zwettl aus dem 12. Jahrhundert heranziehen, wo der Schaft sich sehr stark verjüngt bzw. das gestutzte Dienstbündel mit Rippenanläufen einen ausladenden Kopfteil abgibt. Möglicherweise wurde im 14. Jahrhundert in Hohenfurth innerhalb des Zisterzienserordens ein Ansatz weiterentwickelt. In Zwettl ist das Weißenbacher Prinzip erstmals vorgeführt: den Betrachter durch eine extrem dünne Stelle statisch und optisch zu überraschen. Nicht die Fülle des Körpers eines Bauwerks, sondern seine Taille mit der darin steckenden Kraft erregt Bewunderung.

Wie sehr vermisst man in Weißenbach vielleicht eine gegenseitige, spulenförmige Einschnürung. Der Effekt ist so versteckt, dass Verjüngung und Verschwinden des Pfeilers einerseits, Herauswachsen und Sichausbreiten des Rippengewölbes andererseits gleichzeitig stattfinden und zu einer Einheit werden.

Um die Verdünnung noch zu übertreffen und die Experimentierfreudigkeit der Spätgotik auszuschöpfen, treten daneben gleichzeitig Verdickungen der Pfeilerenden - sehr häufig auch im Waldviertel - auf. Dies würde eher auf der Linie der Hochgotik mit der Betonung oder Überbetonung des Kristallhaften liegen. Der Zwettler Kapitelhauspfeiler stand hier gewiss wiederum Pate. Wir lernen seine Bedeutung für die Architekturgeschichte kennen und schätzen.

Stein, Göttweigerhofkapelle, Konsole um 1305/1310

Die Schwierigkeit dieser Übergangsstelle veranschaulicht das Weiterziehen der Pfeiler-Achtecke, zwischen die herauslaufenden Rippenfüße, in Unserfrau bei Weitra [112], wo sich oben die Enden stumpf spitzbogig mit den Rippenprofilen verschneiden, man sollte vielleicht besser sagen - totlaufen.

In Großschönau (Bez. Gmünd) kommt es bereits zu einer Verbreiterung dieser Pfeilerfortsetzung oberhalb der Kapitelle; sie musste an der Gewölbeschale zackenaffig zugespitzt werden [113]. Deutlich handelt es sich einerseits um eine Fortsetzung des Pfeilerachteckes über den Kämpfer hinaus - entgegen den Architekturregeln -, andererseits gesteigert durch die Verdickung an einer an sich völlig unpassenden Stelle.

Bestandsaufnahme und Erforschung leiden unter den wenigen Abbildungen in den Publikationen. Im Jahre 1891, als man neugotisch baute, erschien eine eigene Zeichnung des Pfeilerkopfes von Oberkirchen (bei Groß Gerungs, Bez. Zwettl) [114]. Noch ähnlicher einer Totenleuchte der Gotik [115] gibt es kein Kapitell mehr, sondern der Pfeiler wird oben, nach einer Abschrägung zum breiteren Achteck, immer ähnlicher einem achteckigen selbständigen Prisma als Körper, der kristallhaft mittels kleiner Pyramidenzwickel in die Rippen hinein verläuft. Das Formideal entspricht der Hochgotik: Polygon, Abfasung, Schlankheit, Überhängen, Zuspitzen, Facettierung, Kantigkeit und Kristallhaftigkeit.

Über den Waldviertler Pionier im Zwettler Kapitelhaus (2. Hälfte des 12. Jahrhunderts) reicht diese Form (wie bei einem Taubenhaus) [116] sogar noch weiter ins 11. Jahrhundert zurück. Daraus ergibt sich ein europäisch internationaler Zusammenhang, da die Zisterzienser in Südfrankreich und Nordspanien frühzeitig intensiv vertreten waren (S. Baudel de Berlanga) [117]. Dort ist die laternenartige, aber unsichtbare Erhöhung der Mittelstütze oberhalb des Bandrippengewölbes (am Dachboden) besonders unerklärlich.

Im Waldviertel gibt es ebenfalls Beispiele. In Rieggers (Bez. Zwettl) wird die Lösung von Unserfrau obenhin nicht abgegrenzt, sondern verschaffen [118]. Hier kann man schon daran denken, dass von einem einzigen Kelchkapitell, wie im Kapitelhaus der Minoritenkirche zu Stein [119] oder der Hallen-Spitalskirche St. Blasius in Salzburg-Stadt [120] der trennende Halsring bzw. das Kämpfersims entfallen sind. Die Verdickung ist aber auf Grund des bekannt gemachten Bestandes erst im 15. Jahrhundert möglich, sodass wir einen wichtigen Hinweis auf das südwestliche Joch in der frühgotischen Basilika von Pillichsdorf (bei Wolkersdorf, Bez. Mistelbach) erhalten. Wenn dort Sockel, Runddienste zum Kleeblatt gebündelt, Kelchkapitelle usw. frühgotisch sind, wäre die obere Verdickung der Wanddienste erst in der Spätgotik möglich.[121]

St. Wolfgang (bei Weitra) lässt mannigfaltige Studien zu. Auch in der Kirche in Kleinzwettl findet man die klassisch-hochgotische Lösung des verlaufenden Ineinandersteckens von Achteckpfeiler und herauswachsenden Kreuzrippen [122]. Aber dieselbe Kirche, abgesehen von bautechnischen Ungenauigkeiten, verwendet an den Wanddiensten die besprochenen Verdickungen. Sie ist mit 1460 gut datiert.

Das früheste Auftreten sowohl der kopfförmigen Verdickung eines Achteckpfeilers als auch der unmittelbar darüber zeitdachförmigen Zuspitzung, aus der die Kreuzrippen wachsen, ferner der Einstützen-Remter - also einem Kapitelhaus entsprechend - erfolgte in der Burg des Deutschen Ritterordens Lochstedt (Ostpreußen) bereits um 1380 [123] und repräsentiert die internationalen Zusammenhänge.

Am Ende unserer Wanderung kehren wir wieder zur Mutterpfarre Thaya zurück: hier sind die Freipfeiler der zweischiffigen kreuzrippengewölbten Halle zugespitzt, gleich wie in Weißenbach, und vielleicht durch die verschwundene Inschrift von 1493 [124] datierbar.

Anmerkungen:

104) Buchowiecki (wie Anm. 38), Abb. 5, 10, 23, 25, 31, 34, 35, 36, 85, 93, 103.
105) Hula Franz: Die Totenleuchten und Bildstöcke Österreichs (Wien 1948).
106) Das vielleicht schönste Beispiel ist das Kapitelhaus des ehemaligen Zisterzienserklosters Goldenkron in Südböhmen. Topographie von Böhmen Bd. 41 Krumau (Prag 1918).
107) So auch im Kreuzgang von Zwettl; siehe Kubes-Rössl (wie Anm. 31) Abb. 20.
108) TopBöhm. (wie Anm. 106), Abb. 309 c.
109) Dass dies Absicht war, beweisen bereits extrem flache Konsolen (mit angequetschten Blättern) im Kapitelhaus von Zwettl aus der 2. Hälfte des 12. Jhs., siehe Kubes-Rössl (wie Anm. 31), Abb. 15, 17.
110) Schmidt Gerhard: Die Malerschule von St. Florian (Linz 1962), S. 91 ff.
111) TopBöhm. (wie Anm. 106), bes. Abb. 187, 188, 190.
112) Vgl. Heimatkunde des Bezirkes Gmünd (wie Anm. 53), S. 144 Abb. 38.
113) Pongratz Walter - Tomaschek Josef hg.: Heimatbuch der Marktgemeinde Groß-Schönau (Krems 1975), S. 245 Abb.
114) BMAV 27 (1891), S. 54 Fig. 19.

ÖKT 812 Zwettl, bes. Fig. 227, 228.
115) Hula (wie Anm. 105).

Ders.: mittelalterliche Kultmale (Wien 1970), bes. die Tafeln "Friedhofsleuchte".
116) Die Verdickung zum Pfeilerkopf hat sicher das Kapitell zum Ahnherren. Echte Höhlungen gibt es oben keine.
117) Conant Konneth John: Carolingian and Romanesque Architecture 800 - 1200 (Harmondsworth 1959), S. 51 Abb. 25.
118) ÖKT 8/2 Bez. Zwettl, Rieggers S. 372 ff, bes. Fig. 346, 349.
119) JbLkNÖ NF 44/45, 1978/79, Abb. 6 (allerdings ist die Datierung "um 1275" unmöglich und auf Anfang 14. Jh. richtig zustellen. Man sieht deutlich, wie oberhalb des leicht ausladenden Kapitells das Pfeilerachteck weitergeht.
120) ÖKT 9 Die kirchlichen Denkmale der Stadt Salzburg (1912), S. 219 - 235, bes. Fig. 258 - 261.
121) Donin Richard Kurt: Die Baugeschichte der Pfarrkirche in Pillichsdorf, in: MbLkNö NF X, 1938, S. 6 - 22. Donin hat aber die Problematik nicht erkannt.
122) AB Thaya (wie Anm. 1) 2/3/1981, Abb. 4. Dass die widersprüchlichen Formen in ein- und derselben Landschaft durcheinandergehen, bleibt unerklärlich.
123) Clasen Karl Heinz: Die deutschen Gewölbe der Spätgotik (1958), S. 48, 63, Anm. 73 und Abb. 120.
124) Sie ist von Herbert Knittler wieder erwähnt worden (vgl. Anm. 1), S. 305.

Waidhofner Heimatbuch (1929) S. 215: "Zur Erinnerung an die Befreiung Thayas wurde in der dortigen Kirche ein Gedenkstein eingelassen mit der Inschrift 'Anno 1493 hat Wallschky Thaya eingenommen'. Die Zerstörungen müssen arg gewesen sein.

Zumindest der Emporeneinbau mit der gedreht-geriefelten Säule könnte damals entstanden sein.

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