Der Außenbau

Gleichfalls keine Antwort zu geben ist auf die Frage, ob der betont vereinfachte, würfelige, eckige und flächige Außenbau von Weißenbach der Renaissance als Tendenz zuzuweisen ist. Immerhin sind die gotischen Teile geschrumpft, wie an den Maßwerkfenstern bzw. an den verflüchtigten Strebepfeilern sichtbar wird. Der Rundbogen kann dominant werden, innen primär erkennbar am Triumphbogen, sekundär an den beiden Blendnischen der östlichen Außenwände am Langhaus, an den Rund- und Segmentbögen des Fenstermaßwerks und der inneren Portale. Bei den Gewölben und Fensterlaibungen hingegen herrscht der Spitzbogen vor. Dass die Westwand ganz geschlossen blieb - nicht einmal eine Lichtscharte gibt es -, ist wohl der Witterung, weniger dem Fehlen jeglicher Fassadengliederung bzw. eines Giebels zu verdanken. Der Öffnung dienen die beiden Seitenportals - wenig ästhetisch als einfache Spitzbögen mit profiliertem Gewände -, doch ihre Rolle liegt in der durchgehenden Querachse (wie das Paar Blendbögen im Anschluß) und ganz besonders im Durchgehen von Außen- und Innenbau.

Der Westbau hat dagegen das Aussehen eines Bunkers. Die Fenster des Chorpolygons verzichten auf die sonst so beliebten dreibahnigen Fenster. Bei vielen Kirchen mit gotischem "Innenraum" ist der geschlossene Außenbau eine Wiederverwendung der Romanik. Neubauten können noch in der Frühgotik des späten 13. Jahrhunderts ohne Strebepfeiler und ohne Helligkeit auskommen. Die Ecken bleiben manchmal ohne Strebepfeiler - den Baukörper als Ganzes und als Quader demonstrierend -, was auch die Baugesinnung des Bauherrn sein konnte. Nicht zuletzt könnte es sich in Weißenbach um eine Verwandtschaft bzw. Gemeinsamkeit mit der "Kunstfeindlichkeit" des Protestantismus und seines Kirchenbaues handeln. [78] Immerhin gruppieren sich die Kirchen ohne Strebepfeiler der Spätgotik in Österreich oft um eine oder mehrere Mittelstützen, als "Würfel"-förmige Zentralbauten oder etwas gestreckt, als Verschmelzungen. Dabei fand eine gewisse Umkehrung von der Strebepfeiler entlastenden Glaswand als Hülle zum Mittelstützen-Gewölbe- Schirm statt.

Es kann sogar soweit gehen, dass man in Leiben [79] den älteren westlichen Teil (etwa 1506) an seinen Strebepfeilern vom mehrfach datierten Chorneubau (1594) durch die letztlich fehlenden Strebepfeiler abtrennen kann.

Eine eigene Sondergruppe bildete im 13. Jahrhundert die kubische Kirche mit zwar mittleren Strebepfeilern (in den Wänden, korrespondierend zu den Freipfeilern des Hallenraumes), aber freien, markant schweren Ecken. Eine Schlüsselstellung - auch zeitlich von dort her vermittelnd - kommt der Friedhofskapelle in St. Peter bei Freistadt [80] zu, gleichsam von der Hochgotik zur Spätgotik überleitend. Da mittlere Strebepfeiler die drei Außenwände achsial verstellen, mussten die beiden Portale an die südliche West- bzw. an die östliche Südwand verlegt werden. Die fast schon (ästhetisch gesehen wegen der Harmonie) "böswillige" Anordnung eines schrägstehenden Strebepfeilers an der Nordost-Ecke des Quadrats (Würfels) beweist das beabsichtigte Hervorheben der freien Westecken.

Querschnitt 1-1

Querschnitt 2-2

Querschnitt 3-3

Weitersfelden im Mühlviertel (Bezirk Freistadt) steigert dies noch extrem bis zur übertriebenen Asymmetrie, was sich außen durch den unregelmäßigen Dreistrahlschirm der Mittelstütze, südseitig durch ein Paar reguläre, nordseitig durch zwei spitzkantig-dreieckige Strebepfeiler abzeichnet. [81] Buchowiecki scheint anzudeuten [82], dass die leichte Verschiebung der Längsachse aus der Baugeschichte heraus resultieren an dem schweren Vergehen der Asymmetrie - weil man das jüngere Strebepfeilerpaar ja hätte angleichen können - vermag dies aber nicht zu rütteln. Götz datiert die Gewölbe um 1500.

Das vielleicht reinste Beispiel ist die Nikolauskirche in Badgastein (Buchowiecki: 1410 - 20. Götz trennt Langhaus um 1470, Chor ca. 1500). Jeglicher Strebepfeiler fehlt. [83]

Dienten am Hochkönig in Salzburg (Bezirk Zell am See) hat nur "Dreiecklisenen" am Chorpolygon. [84] Der Grundriss könnte irreführen - bei/an der südöstlichen Langhausecke sitzt ein regelrechter, zum schmaleren Chor gehöriger Strebepfeiler. Die 1506 erbaute Kirche ist für Weißenbach besonders interessant, denn über den beiden Pfeilern der Länge nach "hindurch" ist die Westempors bis nahe an den Triumphbogen heran hinweggezogen (vgl. dazu die 1269 begonnene Nonnenkirche in Imbach). Einen freien Pfeiler gibt es nicht - vielleicht wurde sie ursprünglich als "Knappenkirche" errichtet und benützt.

Doppelgänger, allerdings im Verhältnis Mutter und Tochter, sind die Alexiuskirche in St. Katharein an der Laming (Bezirk Bruck an der Mur) und Hallstatt. [85] Ein quadratischer Einstützenraum diente, wie in Weißenbach, der versammelten Gemeinde, von der sich ein zweischiffiger Doppelchor stark absetzt, in sich durch drei Pfeiler kräftig kommunizierend (vgl. auch Joachimstal; umgekehrte Anordnung). Dem inneren Reichtum und seinem komplizierten Raffinement entspricht die ganz glatte strebepfeilerlose Einfachheit außen aber ganz und gar nicht.

Beinahe handelt es sich im Weißenbacher Außenbau um eine "Selbstverstümmelung" der Gotik, den Verzicht auf den "Glashaustyp" als eine Errungenschaft der Gotik, mit den üppigen Zyklen an Glasmalereien. (Vgl. dazu auch die Kirchen in Gars-Thunau, Weiten, St. Wolfgang bei Weitra, Friedersbach, Heiligenblut u. a.). Die Verlagerung der statischen Abstützung auf die Strebepfeiler ermöglichte eine Verringerung der Wand zugunsten weiter Fenster. Die Zahl und Größe der Fenster war in Weißenbach reduziert - für zumindest geplante Wandmalereien. An der Nordwand des Langhauses spendete seinerzeit nur ein Fenster Licht für einen ehemaligen Seitenaltar links am Triumphbogen.

Im Bezirk Waidhofen an der Thaya werden im Band 6 der Österreichischen Kunsttopographie (1911) immerhin drei spätgotische Kirchen ohne Strebepfeiler aufgezählt: die schwer datierbare Spitalkirche in Waidhofen/Thaya (jedenfalls 15. Jahrhundert) [86], die Ruine der sogenannten Gaberkirche in Luden, einer hochherrschaftlichen Burgkapelle aus der 1. Hälfte des 15. Jahrhunderts [87], und die Spitalskirche in Raabs-Oberndorf, deren genaue Bauzeit von 1516 bis 1523 überliefert ist. Diese Zeitstellung und die vielen Baudetails sind für Weißenbach besonders überlegenswert. Dass diese Spitalskirche auf Strebepfeiler äußerlich gerne verzichten konnte, leuchtet sogleich ein, wenn man ihr Inneres zur Kenntnis nimmt: sie ist nämlich eine der im Waldviertel (trotz Pernegg) sehr seltenen Wandpfeilerkirchen. [88]

Technische Fragen dürfen folglich nicht weggelassen werden, was die Kunsthistoriker aber so gerne tun. Die fehlenden Strebepfeiler können durch die Gewölbe, welche aus Ziegeln aufgemauert wurden, nicht begründet werden, denn solche Ziegelgewölbe wurden bereits im Zwettler Kreuzgang zu Anfang des 13. Jahrhunderts [89], im 14. Jahrhundert sodann öfter (je nach Bodenbeschaffenheit) und im 15. Jahrhundert meistens verwendet. [90] Bei den vielen strebepfeilerlosen Kirchenschiffen und sogar Chorpolygonen der Frühgotik des 13. Jahrhunderts muss man aber an eine flache Holzdecke denken.

Ein gewichtiges Indiz stört die Datierung von Weißenbach in die Zeit um 1520: das Mauerwerk mit seinen kräftigen Ortquadern (an den Ecken) und den sehr lagerhaften, in durchgehenden waagrechten, oft kleinteilig übereinander liegenden Schichten würde man an sich in die Zeit um 1400 datieren. Dasselbe wäre auch für den Innenraum (1. Hälfte des 15. Jahrhunderts) möglich. Wir müssen uns aber nach dem jüngsten Detail, den Maßwerkfenstern vom Anfang des 16. Jahrhunderts richten. Abschließend sei auch auf die Proto-, Parallel- oder Pseudo-Renaissanceformen, mit extremen Geraden, ungewöhnlich bei Kasten-Kapitellen (St. Valentin) oder orthogonalen Rippennetzen und ebensolchem Fenstermaßwerk (Krenstetten im Amstettner Raum) hinzuweisen. [91]

Anmerkungen:

78)

Ein gutes Beispiel ist die Kapelle der zisterziensischen Grangie von Stift Zwettl Dürnhof, ohne Strebepfeiler, aber gewölbt; schmale Fensterbahnen, im Untergeschoss überhaupt noch ein romanisches Rundbogenfenster und Tonnenwölbung (Abb.: JbLkNÖ NF S. 46/47, 1980/81).
79) ÖKT (wie Anm. 3) Bd. 4, Pöggstall (1907, S. 64 - 71, bes. Fig. 72, 73).
80) Wie Anm. 38. Grundriss bei Götz und Buchowiecki cit.
81) Die Asymmetrie ist allerdings in der Baukunst der Spätgotik nichts Ungewöhnliches und findet sich häufig bei Gewölben (die verzogen werden).
82) Buchowiecki (wie Anm. 38), S. 57.
83) Götz (wie Anm. 38), S. 125, Fig. 71, Abb. 23.

Buchowiecki (wie Anm. 38), S. 327, Fig. 117.
84) Ders. (wie Anm. 38), S. 329, Fig. 122.
85) Ders. (wie Anm. 38), S. 371, Fig. 152 und 153.
86) ÖKT 6 (wie Anm. 3), S. 163/164.
87) ÖKT 6 (wie Anm. 3), S. 79, Fig. 72.
88) ÖKT 6 (wie Anm. 3), S. 87 - 89.
89) Sicher durch die technisch fortschrittlichen Zisterzienser selbst hierher gekommen. Romanische Backsteinkirchen gibt es in Italien, Ungarn und Norddeutschland.
90) Die Ziegelmaße, soweit am Dachboden abnehmbar, betragen am sichtbaren Teil der Gewölbe: 27 (26) x 6 cm, wobei die Breite vielleicht 11 bzw. 12 cm betragen könnte. Im Chor anders: 29 x 4,5 cm.
91) Apfelthaler Johann: Spätgotische Architektur im Raum von Amstetten (phil. Diss. Wien 1978).

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