Niederösterreich
nördlich der Donau in der römischen Periode

Helmut Windl (Auszüge) - Wissenschaftliche Schriftenreihe Niederösterreicher

 

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Der Germanenbegriff

Die Geschichte der Besiedlung des nördlichen Niederösterreich während der ersten vier nachchristlichen Jahrhunderte ist die Geschichte friedlicher und militärischer Auseinandersetzung zwischen Germanen und Römern. Während der Römer als Bürger eines Staates einfach zu identifizieren ist, ist die Frage nach der Identität der Germanen viel schwieriger zu beantworten. Von der Zeit des Humanismus, in der antike Texte auf neues Interesse stießen und daher die Germanen wiederentdeckt wurden, bis in die erste Hälfte des 20. Jh.s herrschte die romantische Auffassung, daß die Germanen die heldenmütigen, sittenstrengen, edlen alten Deutschen gewesen seien. Der im 19. Jh. erwachende deutsche Nationalismus erhielt dadurch seine Basis. Als logische Folge daraus gab man der Wissenschaft von der deutschen Sprache den Namen Germanistik. Da Tacitus von einer autochthonen Entstehung der Germanen sprach, hat man sich nicht gescheut, die bronzezeitliche Bevölkerung des Nordens und sogar eine bestimmte Kultur der Jungsteinzeit als germanisch zu bezeichnen. Dieses von Emotionen getragene Germanenbild, das im 20. Jh. als ideologische Basis für eine ethnozentrische Politik herangezogen wurde, stieß nach dem Zweiten Weltkrieg auf heftige Kritik. Die Kritik ging manchmal bis zur Leugnung der Existenz von Germanen. Man kann die Germanenfrage aber heute weitgehend von Ressentiments entkleiden, wenn man sich klar darüber wird, daß die Volks- und Nationsbegriffe des 19. und 20. Jh.s auf die "germanische" Bevölkerung Europas nicht anwendbar sind, weil sie ganz einfach erst die soziale Stufe von Stammesgesellschaften erreicht hatte.

Um bei der Klärung des Germanenbegriffes weiterzukommen, wenden wir uns zunächst seiner wörtlichen Bedeutung zu. Etymologisch wurde schon versucht, den Namen aus dem Lateinischen, Keltischen, Germanischen, Illyrischen, Griechischen, Litauischen, Altindischen und Hebräischen abzuleiten. Nach den antiken Quellen ist die Ableitung aus dem Lateinischen am wahrscheinlichsten, denn nach Strabon wurden die östlichen Nachbarstärnme der Kelten zunächst als "echte Gallier" (Galli germani) angesehen. Im Lateinischen bezeichnet man mit "germanus" Menschen, die dieselben leiblichen Eltern haben, also Geschwister sind. In der übertragenen Bedeutung steht das Wort für "wahr, echt, wirklich". In der Literatur taucht der Begriff "Germanen" zum erstenmal bei Caesar auf, der die rechtsrheinischen Stämme so nannte und sie damit von den Kelten unterschied. Nun waren aber die links vorn Rhein wohnenden Stämme der Belger, Ubier und Treverer, die Caesar den Galliern zuzählte, die einzigen, die sich selbst Germanen nannten. Sie übernahmen nach Tacitus den Namen von den Tungrern, die zuerst den Rhein überschritten. Für uns ist wesentlich, daß die Römer offensichtlich ziemlich deutlich zwischen Kelten und Germanen unterschieden. Die Unterschiede bestanden in erster Linie in Sprache und Kultur, weniger deutlich in körperlichen Eigenschaften. Uns sind heute aus der Geschichtsschreibung und aus Bodenfunden mehrere Kriterien bekannt, die uns berechtigen, die Germanen als ethnische Gruppe zu bezeichnen. An erster Stelle steht eine Heiratsordnung, die alle gerrnani-

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schen Stämme einbezieht und daher zu einem verhältnismäßig einheitlichen körperlichen Erscheinungsbild der Germanen geführt hat. Exogamie war zulässig, jedoch nicht allzu häufig. Eine mögliche Entstehung der Germanen aus heterogenen Wurzeln wird durch die Fortpflanzungsgemeinschaft natürlich verwischt. Ein Wechsel der ethnischen Identität war bestimmt möglich. Er wäre die einfachste Erklärung für die Namensgleichheit eines britannischen Augenarztes mit dem germanischen König Ariovist. Ein weiteres verbindendes Element bildeten wahrscheinlich Religion und Kult, denn von Tacitus wissen wir, daß germanische Stämme in Kultverbänden zusammengeschlossen waren. Auch einen gemeinsamen Rechtsbegriff dürften die Germanen der römischen Kaiserzeit schon besessen haben. Von einer gemeinsamen Sprache kann man annehmen, daß sie in Stammesdialekte gegliedert war, wie es sich für spätere Zeiten eindeutig belegen läßt. Archäologisch ist naturgemäß eine Gemeinsamkeit in der materiellen Kultur am besten erfaßbar, die allerdings in Kontaktgebieten zu Nachbarkulturen Veränderungen erfährt. Diese Eigenständigkeit der materiellen Kultur läßt sich bis in die vorrömische Eisenzeit zurückverfolgen. Im Elbegebiet ist die Jastorfkultur klar von der keltischen Latènekultur zu unterscheiden. Da um Christi Geburt die germanischen Stämme ihre Eigenheiten voll entwickelt haben, muß ihre Entstehung in die vorrömische Eisenzeit, vielleicht sogar in die Bronzezeit datiert werden. Untermauert wird diese Annahme durch die auffällige Kontinuität von der jüngeren Bronzezeit bis in die vorrömische Eisenzeit im Bereich der Jastorfkultur.

 

Historischer Überblick

Unter dem Spottnamen Quaden (die Schlechten) werden Sueben als Bewohner des norddanubischen Niederösterreich und der Südwestslowakei im 1. Jh. n. Chr. bei Tacitus erwähnt. Vom selben römischen Schriftsteller wissen wir, daß Drusus, der Stiefsohn des Kaisers Augustus, im Jahre 9 v. Chr. weit über den Rhein vorstieß, um die Reichsgrenzen endgültig gegen germanische Überfälle zu sichern, und die Markomannen und Quaden aus dem von ihnen besiedelten Maingebiet vertrieb.

Die Markomannen fanden unter ihrem König Marbod in Böhmen neue Wohnsitze, die Quaden unter König Tudrus im oben erwähnten Gebiet. Zur schon 15. v. Chr. von den Römern bezogenen Donaugrenze hielten sie einen gehörigen Respektabstand. Trotzdem kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, daß sie die Nähe der römischen Zivilisation suchten. Ihre Kampfkraft war ungebrochen, denn der offenen Feldschlacht mit den Römern waren sie weitgehend ausgewichen. Marbod, dem König der Markomannen mit der Erziehung eines römischen Offiziers, gelang es kurzfristig, im ehemals von den keltischen Boiern besiedelten Böhmen auch über die dort ansässigen Semnonen, Langobarden und keltischen Lugier eine straffe Herrschaft nach römischem Muster zu errichten. Die Boier hatten 60 v. Chr. Böhmen aufgegeben, als sie sich vor den heranrückenden Dakern unter Burebi-

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sta zurückzogen, so daß die Markomannen eine nahezu siedlungsleere Landschaft antrafen. Wahrscheinlich wegen seiner Kenntnis Roms verfolgte Marbod den Römern gegenüber eine neutrale Politik. Trotzdem versuchten diese 6. n. Chr., Marbods "Reich" in einer großangelegten Zangenbewegung zu vernichten, um das Gebiet zwischen Donau und Elbe in ihre Gewalt zu bekommen. Die Rheinarmee stieß von Mainz her den Main entlang vor, während Tiberius bei Carnuntum die Donau überquerte. Die Gründung einer Provinz Germania schien in greifbare Nähe gerückt. Der plötzlich aufflammende pannonische Aufstand verhinderte jedoch die Vereinigung der beiden Armeen. Um sie für die Sicherung Italiens freizubekommen, schloß Tiberius ein Waffenstillstandsabkommen mit Marbod, das dieser auch während des Cheruskeraufstandes unter Arminius einhielt.

Drusus und nach ihm Tiberius hatten in mehreren Vorstößen seit dem Jahre 12 v. Chr. die germanischen Stämme bis zur Weser entweder vertrieben, unterworfen oder mit ihnen Verträge geschlossen. Auch rechts des Rheins waren zahlreiche Kastelle errichtet worden. Nach Velleius Paterculus war Germanien im Jahre 4 n. Chr. fast zur tributpflichtigen Provinz geworden. Die Söhne des cheruskischen Gaukönigs Segimer, Arminius und Flavus, erhielten als Folge des Bündnisses mit Rom das römische Bürgerrecht und schlugen die militärische Laufbahn im Dienste der Großmacht ein. Sie brachten es beide bis zum Offiziersrang. Der Frieden war jedoch nur äußerlicher Natur, denn die römerfeindliche Partei, der auch Arminius angehörte, gewann im Stamm immer mehr Einfluß. Publius Quinctilius Varus hatte in Afrika, Syrien und Palästina offensichtlich nicht nur militärische Praxis erworben, sondern sich auch im Eintreiben von Steuern ausgebildet, bevor er als Oberbefehlshaber der römischen Truppen nach Germanien kam. Seine Steuerpolitik dürfte der Anstoß zum offenen Aufruhr gewesen sein. Varus versuchte die Politik des divide et impera, die den Römern im Umgang mit germanischen Stämmen noch immer Erfolg gebracht hatte, weiterzuführen, übersah jedoch, daß es Arminius gelungen war, hinter seinem Rücken einen Stammesbund aufzubauen, und der Stammeshader nur zum Schein bestand. Im Herbst des Jahres 9 n. Chr. gehörte Arminius dem Gefolge des Varus an, als dieser mit drei Legionen, ebenso vielen Alen und sechs Kohorten ins Winterlager aufbrach. Unterwegs sollten einige aufständische Stämme zur Räson gebracht werden. In einer meisterhaften Guerillataktik griffen die Cherusker und die mit ihnen verbündeten Stämme die durch ihren Troß behinderten römischen Einheiten plötzlich aus dem Hinterhalt an, wobei sie ihre Geländekenntnis geschickt ausnutzten. In einem auch heute noch nicht genauer zu lokalisierenden Sumpf- und Waldgebiet, dem Teutoburgiensis Saltus, wurden die Römer in mehrtägigen Scharmützeln fast völlig aufgerieben. Nur wenige Versprengte konnten sich in das Lager Aliso retten.

Das weltgeschichtliche Ereignis der Varusschlacht hatte auch Auswirkungen auf die Geschichte des nördlichen Niederösterreich. Der Sieg über die Römer hob das Prestige des Arminius, und als er bei dem Versuch, seine Konföderation germanischer Stämme auszuweiten, auf den Widerstand Marbods stieß, liefen Semnonen und Langobarden von den Markomannen

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zu den Cheruskern über. Im Jahre 17 n. Chr. kam es in Sachsen zur offenen Schlacht zwischen Cheruskern und Markomannen. Es fiel zwar keine Entscheidung, die Markomannen waren aber doch so angeschlagen, daß Marbod sich ins Gebirge zurückziehen mußte. Tiberius versagte ihm die erbetene Hilfe mit der Begründung, daß Marbod die Römer gleichfalls nicht gegen die Cherusker unterstützt habe. Zwei Jahre später endete Marbods Heerkönigtum endgültig, er mußte dem seinerzeit von ihm vertriebenen Stammesfürsten Katwald weichen, der die nachdrückliche Unterstützung Roms genoß. 18 Jahre später starb Marbod im Exil zu Ravenna. In raschem Wechsel folgten auf Marbod Katwald und Tudrus als Markomannenkönige. Sie konnten sich jedoch nur kurz an der Macht halten und bekamen mit ihren Gefolgschaften Siedlungsplätze an der March zugewiesen. Zu ihrem König wurde vom Kaiser der Quadenkönig Vannius ernannt. Die Quaden scheinen demnach ebenfalls unter römische Herrschaft geraten zu sein. Vannius seinerseits wurde von seinen Neffen Sido und Wangio vertrieben, die sich mit den Hermunduren unter König Vibilius verbanden; Vibilius hatte schon am Sturz Katwalds mitgewirkt. In Pannonien fand Vannius mit seiner Gefolgschaft Zuflucht. Die Römer hatten nicht zu seiner Unterstützung eingegriffen, sondern lediglich das rechte Donauufer besetzt. Erst Kaiser Claudius stellte den Flüchtenden die Donauflotte zur Verfügung. Die Ansiedlung der Quaden in der Nähe von Carnuntum, das seit den ersten Regierungsjahren des Kaisers Tiberius militärisches Zentrum an der mittleren Donau war, kann verschiedene Ursachen gehabt haben. Einerseits traute man den Quaden nicht und wollte sie daher im Auge behalten, andererseits wollte man wahrscheinlich die Ernährungsbasis für die in Carnuntum stationierte XV. Legion durch das Seßhaftmachen einer bäuerlichen Bevölkerung in diesem Raum sichern. Zwei Jahrzehnte später wiederholte sich dieser Vorgang, als der Statthalter L. Tampius Flavianus erneut Menschenmassen von nördlich der Donau nach Pannonien brachte. Die Schwäche römischer Expansionspolitik wird dadurch deutlich: Das Bevölkerungsdefizit kann nicht mehr aus den eigenen Reihen aufgefüllt werden. Es galt nun vor allem, die mit der Donau erreichte Grenze zu sichern. Jede innere Schwäche des Reiches wie etwa die Wirren, bevor Vespasian die Kaiserwürde erlangte, wurde von den nördlichen Nachbarn zur Erhebung genützt. Vespasian gelang es jedoch, die Gefahr zu bannen. Schon unter Domitian flammten die Unruhen wieder auf, und im Jahre 93 n. Chr. wurde die XXI. Legion von über die Donau vorstoßenden Markomannen, Quaden und Jazygen aufgerieben. Kaiser Nerva zwang Markornannen und Quaden erneut in ein Klientelverhältnis zu Rom, unter stammesfremden Königen, wie Tacitus berichtet. Unter Traian und Hadrian erstarrte die Grenze, und es kam nur zu lokalen Vorstößen ins Markomannen- und Quadenland, so etwa 107, 118 und 136 n. Chr. Auch unter Antoninus Pius blieb die Grenze verhältnismäßig ruhig. Wir wissen, daß er einen Quadenkönig einsetzte.

Unter Marc Aurel schleppten 166 n. Ohr. aus den Partherkriegen zurückgekehrte Legionäre die Pest nach Rom ein. Die Seuche erfaßte in Windeseile auch die Garnisonen an Donau und Rhein und schwächte die Verteidigungskraft am Limes. Dies nützten die angrenzenden Stämme zum Aufruhr,

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unterstützt von aus dem Norden und Osten einbrechenden Populationen. Trotzdem gelang den Römern noch 167 n. Chr. die Vertreibung der in den Raum von Brigetio eingedrungenen Langobarden und Ubier. Marc Aurel selbst kam 168 n. Chr. an der Spitze einer Expeditionsarmee nach Aquileia. Zur Sicherung der Grenze festigte er das quadische Klientelverhältnis und bestätigte den Quadenkönig Furtius in seinem Amte. Die Pest hatte die kaiserlichen Truppen jedoch bis nach Aquileia begleitet und zwang den Kaiser 169 n. Chr. zur Rückkehr nach Rom. Markomannen und Quaden stießen 170/71 n. Chr. gemeinsam mit Naristen und Jazygen über die Donau bis Italien nach, wo sie Aquileia belagerten, Oderzo zerstörten und Verona bedrohten. Noch 171 n. Chr. wurden die überrannten Provinzen von den Eindringlingen gesäubert; der Kaiser persönlich leitete von Carnuntum aus die Offensive gegen Markomannen, Quaden und Jazygen, die 175 n. Chr. zum Abschluß kam. Die von den Römern diktierten Friedensbedingungen enthielten neben der Auflage der Auslieferung von Kriegsgefangenen und der Stellung von Hilfstruppen ein Siedlungsverbot innerhalb eines 7,5 km breiten Streifens nördlich und eines 15 km breiten östlich der Donau sowie die Reduzierung des Handels auf bestimmte Marktplätze und -tage. Eine neuerliche Erhebung der Germanen 177 bis 179 n. Chr. änderte die Situation kaum. Um weiteren Aufständen vorzubeugen, ließ Marc Aurel einen Kordon von Militärstationen im Feindesland errichten, die er allerdings nach den Friedensverträgen mit den Markomannen wieder zurücknehmen mußte. Diese Stationen lassen sich allerdings nicht so einfach identifizieren, wie man bisher annahm.

Ein drittes Mal flammten die Markomannenkriege unter Commodus, dem Nachfolger Marc Aurels, auf. Er setzte die Politik seines Vaters fort und nahm verstärkt Germanen in die Armee auf, um die von der Pest gerissenen Lücken zu füllen, siedelte sie aber auch in den von der Seuche entvölkerten Landstrichen an. Das Klientelverhältnis der Quaden und die römische Einmischung in deren innere Angelegenheiten blieben bestehen. Möglicherweise ist der Grabstein des "rex Germanorum Septimius Aistomodius", der von Septimius Severus das römische Bürgerrecht erhielt und in Carnuntum starb, damit in Verbindung zu bringen. Aistomodius könnte allerdings genausogut ein Anführer germanischer Hilfstruppen in römischem Dienst und kein Quadenkönig gewesen sein. Caracalla übernahm sogar nachträglich die Verantwortung für die Hinrichtung des Quadenkönigs Gaviomarus, der einer Sippenfehde zum Opfer gefallen war.

In der Zeit der Soldatenkaiser suchten die Quaden gemeinsam mit Vandalen oder Jazygen mehrmals Pannonien heim, ohne aber eilte Gebietserweiterung anzustreben (260, 270 und 282 n. Chr.). Gegen Ende des Jahrhunderts machten sich 295 n. Chr. noch einmal die Quaden und 299 n. Chr. die Markomannen bemerkbar. Unter Diocletian erfolgte die Teilung des Reiches in eine östliche und eine westliche Hälfte. Die dieser gutgemeinten Entscheidung des Kaisers folgenden Machtkämpfe waren den Geschichtsschreibern wichtiger als Unruhen an der Donaugrenze. Erst für das Jahr 358 n. Chr. erfahren wir wieder von einem Feldzug Constantius' II. gegen die Quaden und Sarmaten, die trotz der Anwesenheit des Kaisers in Sirmium

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Pannonien geplündert hatten. Unter Valentinian wurden die römischen Lager an der Donau zum letzten Male ausgebaut, die Beobachtungsposten im Quadenland erneuert und wahrscheinlich auch vermehrt. Als der Quadenkönig Gabinius beim Dux der Provinz Valeria, Marcellianus, darüber Beschwerde führte, wurde er mitsamt seinem Gefolge umgebracht. Als Reaktion auf diese Untat überfielen Quaden und Jazygen die Provinzen Pannonia secunda und Valeria und rieben zwei römische Legionen auf. Bei der anschließenden Plünderung der Provinz Pannonia prima wurden sie wahrscheinlich von den Markomannen unterstützt. Der Strafexpedition Valentinians wichen sie ins Gebirge aus. Ein weiteres Nachstoßen der Römer wurde durch den Tod des Kaisers 375 n. Chr. im Winterquartier in Brigetio verhindert. Valentinian soll sich über eine quadische Gesandtschaft, die sich über die römischen Posten in ihrem Land beschwerte, so erregt haben, daß ihn der Schlag traf.

Es war das endgültige Ende römischer Expansionspolitik an der Donau. Ende des 4. Jh.s wurden die Quaden sogar über die Grenze ins Reich geholt und als Föderaten unter ihrer katholischen Fürstin Fritigil im Wiener Becken angesiedelt. Ihnen folgten nur zu rasch andere Stämme, die nun aber nicht mehr - wie im früheren Klientelverhältnis - als abhängige, sondern als gleichberechtigte, sehr selbständige Bundesgenossen auftraten. Die hohen Soldzahlungen, die das Reich ihren Fürsten zu leisten hatten, waren einem Tribut gleichzusetzen. Der Donaulimes hatte als Grenze zu bestehen aufgehört.

Die Donau - Grenze der Zivilisation?

Nach landläufiger Meinung prallten an der Donau zwei Kulturen aufeinander, die von sehr verschiedenen Organisationskriterien bestimmt waren: das römische Weltreich mit seiner hochentwickelten staatlichen Verwaltung und straffen militärischen Organisation einerseits und die Stammesgebiete schriftloser Ackerbauern, die Germanen, andererseits - eine Situation, prädestiniert für Akkulturationsprozesse. Der Vergleich mit der Situation von Entwicklungsländern im 19. und 20. Jh. bietet sich an, hinkt jedoch. Ethnische und rassische Diskriminierung wie in der europäischen Zivilisation unserer Zeit war den Römern so gut wie unbekannt. Der gebildete und vielmehr noch der ungebildete Römer verachtete nicht den Germanen, sondern den Barbaren in ihm, wobei er den Unterschied zwischen Zivilisation und Barbarei definierte. Tacitus, ein römischer Rousseau, glaubte bei den naturverbundenen Germanen hohe sittliche Werte zu erkennen, die er den überzivilisierten Römern als Beispiel vorhielt. Diese bewundernswerte Moral hat mehrere, leicht durchschaubare Ursachen. Der niedrige Lebensstandard, die geringe soziale Differenzierung und die mangelnde Bildung ließen Dekadenzerscheinungen gar nicht zu. In der gesellschaftlichen Kleingruppe erwies sich das vom Volk exekutierbare germanische Recht als äußerst wirkungsvoll. Wurde ein Sippenangehöriger geächtet, also für vogelfrei oder

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friedlos erklärt, so kam dies einem Todesurteil gleich. Eigentumsdelikte waren selten, gab es doch die Möglichkeit, im Kampf fremdes Eigentum rechtmäßig zu erwerben. Gewaltverbrechen wurden meist im Affekt begangen. Bemerkenswert ist, daß die humanistisch-römisch gebildete germanische Führungsschicht sich durchaus zur germanischen Rechtsauffassung bekannte. Lediglich ihre Versuche zur Schaffung von Staatsgebilden über den Stammesverband hinaus könnten Produkte römischer Bildung sein. Ein andersgearteter Herrschaftsbegriff und mangelnde soziale Differenzierung erlaubten nicht die Übernahme politischer, administrativer und wirtschaftlicher Organisationsformen von den Römern. In diesem Sinne mußte der Limes Grenze der Zivilisation bleiben. Äußerlich rnanifestiert sich diese Grenze in einer Kette von Befestigungsanlagen, die anfangs ihren Eindruck auf die Barbaren bestimmt nicht verfehlten. Schon zu Ende des 1. Jh.s war, wie die Ereignisse beweisen, diese abschreckende Wirkung weitgehend verpufft.

Daß der Limes nach beiden Seiten in Friedenszeiten häufig überschritten wurde, beweisen die zahlreichen Funde römischen Handelsgutes im freien Germanien. Freilich ist es nicht immer leicht zu entscheiden, ob Objekte römischer Provenienz als Handelsware oder als Kriegsbeute in die Gräber germanischer Edler gelangten. Bei den Funden römischer Waffen, die wir vor allem aus Norddeutschland und Skandinavien (hier auch als Mooropfer) kennen, muß man auf jeden Fall an Kriegsbeute denken, weil Kriegsgerät in der Kaiserzeit bei den Römern Staatseigentum war und nicht exportiert werden durfte. Vorn feinen Tafel- und Trinkgeschirr, aber auch Schmuck ist jedoch nicht anzunehmen, daß die römische Armee sie stets in ausreichender Menge mit sich führte, um damit die Gräber germanischer Sippenoberhäupter auszustatten. Ein ausgedehnter Handel scheint damit belegt. Darüber hinaus wird der Handel auch in schriftlichen Quellen erwähnt. Daß die Römer ihre Überschußgüter mit Gewinn loswerden wollten, ist verständlich. Was hatten die Barbaren jedoch an Gegenleistung zu bieten? An erster Stelle ist hier der Bernstein zu nennen, der einem die March aufwärts führenden Handelsweg sogar seinen Namen gegeben hat. Als weitere Waren werden Pelze, blondes Frauenhaar für Perücken römischer Damen und nicht zuletzt Seife genannt. Wenn wir die Maßstäbe unserer Zivilisation anlegen, in der die Quantität des Seifenverbrauches bisweilen als Gradmesser für die Kulturhöhe herangezogen wird, müßten die Germanen den Römern kulturell überlegen gewesen sein. In Grenznähe hat sicher auch der Lebensmittelhandel eine Rolle gespielt. So ist am ehesten die germanische Keramik in römischen Lagern zu erklären, wenn man nicht annehmen will, daß Römer und Provinzialen exotische Tonwaren sammelten. Der grenznahe Handel war immerhin so bedeutungsvoll, daß er zum Instrument römischer Politik wurde. Als Repressalie nach Erhebungen der Markomannen wurden nur bestimmte Handelsstationen zugelassen und die Markttage eingeschränkt. Aus den Münzfunden im freien Germanien kann man schließen, daß die römische Währung auch bei den Barbaren Geltung hatte und nicht Tauschhandel betrieben wurde. Mit dem Verfall des Währungssystems und dem Qualitätsverlust des Hartgeldes nahm der Naturalhandel im 4. Jh.

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wieder zu. Zahlreiche Funde von Feinwaagen beweisen, daß man den Münzgewichten nicht mehr traute. Gerade in dieser letzten Phase des Handels erlangten zwei Märkte an der Donau besondere Bedeutung. Es sind dies die Stationen von Wien-Aspern und Wien-Leopoldau. Beide sind leider nur durch Aufsammlungen und Notgrabungen untersucht worden, so daß wir aus ihnen hauptsächlich reiches Keramikmaterial, aber kaum Befunde kennen. Wir müssen hier aufgrund des Formengutes mit einheimischer Töpferei, die die römische Technologie übernommen hatte, rechnen. Beide Siedlungen bestanden bis in das 5. Jh. weiter. Sie könnten damit die Legionslager, die vorher auch Marktfunktion besaßen, als Handelsplätze teilweise abgelöst haben. Offensichtlich hatten gegen Ende des 4. Jh.s die römischen Zollbestimmungen viel von ihrer Strenge verloren, so daß die militärische Kontrolle des Marktbetriebes nicht mehr so notwendig war.

Welche Auswirkungen hatte nun der Handel, der die römische Außenhandelsbilanz immerhin so stark belastete, daß der Goldexport untersagt werden mußte, auf die Kultur der Germanen? Zuerst brachte er ihnen neben Luxusgütern auch einen beachtlichen römischen Münzumlauf, was wiederum ein Hinweis auf die aktive Handelsbilanz der Germanen ist. Den Hauptgewinn schöpften dabei zweifellos die grenznahen Stämme ab. Weiters bildeten die römischen Angebote einen Anreiz zur Produktion von Überschußgütern, der anfallende Reichtum führte zu einer stärkeren sozialen Differenzierung. Alle wirtschaftlichen Bereiche wurden von dieser Veränderung erfaßt. In der Landwirtschaft kam es unter römischem Einfluß zu Ertragssteigerungen, so daß nicht nur der Eigenbedarf gedeckt werden konnte. In diesem Zusammenhang müssen auch die Gallier berücksichtigt werden, die in der landwirtschaftlichen Technologie selbst den Römern überlegen waren. Sie hatten bereits den Räderpflug mit Streichbrett und sogar eine Dreschmaschine entwickelt. Auch ihre Pferdezucht war vorbildlich. Der Einfluß war im grenznahen Bereich wiederum am deutlichsten. Trotzdem bleiben die Unterschiede auch hier unübersehbar. Am deutlichsten treten sie in den unterschiedlichen Körpergrößen römischer und germanischer Haustiere zu Tage. An Geräten wurde nur der Pflug mit eiserner Schar und Messer mit Sicherheit im 3. Jh. von den Römern übernommen. Sensen zum Rohr- und Grasschnitt und Sicheln für die Getreideernte waren schon vorher bekannt. Die Jagd, ursprünglich nur zur zusätzlichen Fleischversorgung betrieben, nahm wegen der römischen Nachfrage nach Pelzen einen deutlichen Aufschwung. Das Handwerk entwickelte sich sichtlich, doch ist hier der römische Einfluß nicht immer klar abzugrenzen. In der Bronzeschmuckerzeugung ist die Auswirkung des Importes gut zu erkennen. Die germanischen Imitationen römischer und norisch-pannonischer Fibeln gelangen so gut, daß sie oft nicht ohneweiters von ihren Vorbildern zu unterscheiden sind. Zur Massenproduktion von Bernsteinschmuck für den Export wurde von den Römern die Drehbank übernommen. Die Frage, ob die germanische Drehscheibenkeramik des 3. und 4. Jh.s durch die Übernahme römischer Technologie möglich wurde, ist noch umstritten. Man neigt heute eher zu der Auffassung, daß die keltischen Töpfer Pannoniens gegen Ende des 2. Jh.s der Konkurrenz römischer Hafner nach Norden auswichen. Tatsäch-

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lich erinnern sowohl die in die Erde versenkten germanischen Brennöfen als auch das Formengut ihrer Keramik des 3. Jh.s mehr an keltische als an römische Vorbilder.

Am schwierigsten zu beantworten ist die Frage der Übernahme von Elementen der geistigen Kultur durch die Germanen. Aus der materiellen Kultur läßt sich wenigstens, wie wir beim Kunsthandwerk schon gesehen haben, römische Auswirkung auf germanische Geschmacksbildung erkennen. Daß diese Anregungen frei weiterverarbeitet wurden, kann man am Beispiel des Mäandermotives sehen, das die Germanen an römischen Stoffen kennenlernten und im 1. Jh. häufig zur Dekoration ihrer Keramik verwendeten. Von der römischen Bildung vornehmer Germanen haben wir schon gesprochen. Möglicherweise wurde dadurch auch die religiöse Vorstellungskraft beeinflußt. Für den Westen jedenfalls ist die Verehrung des Merkur recht häufig nachgewiesen, der von Tacitus Wodan gleichgesetzt wird. Aus dem norddanubischen Niederösterreich haben wir bis jetzt leider keine Funde, die mit dem Kult in Verbindung zu bringen sind. Münzbeigaben, die als Belege für die Übernahme römischen Jenseitsvorstellungen durch die Germanen herangezogen werden, fehlen im nördlichen Niederösterreich.

Die teilweise Christianisierung der Markomannen erfolgte gegen Ende des 4. Jh.s. Archäologisch ist sie nicht faßbar, jedoch im Briefwechsel des Kirchenvaters Ambrosius mit der christlichen Markomannenfürstin Fritigil belegt.

 

Die Archäologie der Germanen im nördlichen Niederösterreich

Die Vorbevölkerung

Vom südlichen Niederösterreich wissen wir, daß die hier ansässige keltische Bevölkerung durch die neuen Herren nicht vertrieben, sondern lediglich romanisiert wurde. Eigennamen der in Noricum heimischen Boier sind durch ihre Grabsteine überliefert. Die Kelten entwickelten in Noricum und Pannonien eine eigene Provinzialkultur. Bis in die Mitte des 1. Jh.s bestanden ihre bäuerlichen Siedlungen ziemlich unberührt von der römischen Okkupation weiter. Ab diesem Zeitpunkt verschwindet die Spätlatènekomponente im Fundgut südlich der Donau.

Nicht ganz so klar ist die Quellenlage für das Wald- und das Weinviertel. Im Waldviertel ließ sich in der Latènezeit noch ein starkes Weiterleben hallstättischer Kulturelemente feststellen. Hier hat möglicherweise in der jüngeren Eisenzeit gar nicht so sehr eine ethnische Umschichtung, sondern nur eine kulturelle Überlagerung stattgefunden. Ptolemaios hat uns für das Kamptal die Stammesnamen der Adrabai- und der Parmaikampoi überliefert, die ein Produkt keltisch-illyrischer Mischung gewesen sein könnten. Auch im Weinviertel gibt es eine größere Anzahl von Spätlatènesiedlungen,

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die auffälligerweise zum Teil, wie z. B. auf dem Oberleiserberg, von germanischen Siedlungsschichten überlagert sind. Inwieweit die Kelten ihre Kultur im norddanubischen Niederösterreich in nachchristlicher Zeit noch beibehielten, ist bisher weitgehend ungeklärt. Man neigt heute allgemein der Ansicht zu, daß keltische Restpopulationen von den Germanen auf friedlichem Wege assimiliert worden sind.

 

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