Verlag Traugott Bautz
 


Band VII (1994)Spalten 616-619 Autor: Franz-Reiner Erkens

PILGRIM, Bischof von Passau (971-991), wahrscheinlich Sohn des Grafen Sigihard vom Chiem- und Sundergau und damit Angehöriger eines Zweiges der bayerischen Aribonensigpe, † 20./21.5. 991. - P. wurde im Kloster Niederaltaich wohl durch den dort lehrenden Priester Oudalgis erzogen und mit Unterstützung seines Verwandten (Oheims?), des Erzbischofs Friedrich von Salzburg, nach dem Tode Bischof Adalberts († 14./15.6. 970 [971]) auf die Passauer Kathedra erhoben. Nach den verheerenden Einfällen der Ungarn und den Aufständen des bayerischen Herzogs Heinrich des Zänkers, in deren Verlauf der Bischof treu an der Seite Kaiser Ottos II. ausharrte und seine Kathedralstadt 977 schwere Verwüstungen erlitt, stand P. vor der schwierigen Aufgabe, die Diözese zu reorganisieren und das geistliche Leben wieder aufzurichten. Mit Hilfe der ottonischen Herrscher, von denen seine Kirche reich privilegiert wurde, ist ihm dies - zumindest in Ansätzen, an die seine Nachfolger anknüpfen konnten - auch gelungen: So war er an der um 990 erfolgten Reform des Klosters Niederaltaich beteiligt und hielt etwa zur gleichen Zeit drei Diözesansynoden in Lorch, Mautern und Mistelbach ab, die vor allem der materiellen Konsolidierung des Bistums dienten. Wie groß sein Anteil an der Ungarnmission war, läßt sich im einzelnen nicht feststellen. Allerdings versuchte er unter Hinweis auf die hierbei von ihm errungenen Erfolge und unter Betonung der von ihm im wesentlichen formulierten Lorcher Tradition (der Ansicht, daß das Passauer Bistum die Fortsetzung des antiken Erzbistums Lorch [an der Enns] sei und damit eigentlich einen metropolitanen Rang besitze) seine Diözese aus der Salzburger Kirchenprovinz herauszulösen und Passau zum Zentrum eines donauländischen Kirchenverbandes zu machen, dem in Ungarn (und in Mähren?) zu gründende Bistümer angehören sollten. Bei der Verfolgung dieses ehrgeizigen Planes scheute er - wie auch bei anderer Gelegenheit - nicht vor dem Einsatz von wahrscheinlich eigenhändig gefälschten Urkunden zurück. Sein Ziel vermochte er trotzdem nicht zu erreichen, aber das Passauer Geschichtsbild prägte er durch die von ihm propagierten antiken Ursprünge des Bistums bis in das 20. Jahrhundert hinein, wurde die Lorcher Tradition doch seit dem 12. Jahrhundert in zunehmendem Maße rezipiert und in der Mitte des 13. Jahrhunderts durch Albert Behaim, den Passauer Domdekan und Archidiakon von Lorch, mit fabulösen Erzählungen ausgeschmückt und in die Passauer Historiographie aufgenommen. - Ungeachtet der Tatsache, daß die wichtigsten Nachrichten über sein Wirken aus gefälschten oder verunechteten Quellen stammen, wird Pilgrim (letztlich aber wohl doch nicht zu Unrecht) unter die hervorragenden Passauer Bischöfe gezählt. Seit dem Ende des 12. Jahrhunderts wurde er vorübergehend mit kultischer Verehrung bedacht; einliterarisches Denkmal aber setzt ihm das Nibelungenlied, in dem er als Oheim der Krimhilde vorgestellt wird und dessen nur vom Dichter des Liedes erwähnte lateinische Vorlage er aufzuschreiben veranlaßt haben soll.

Quellen: MGH Scriptores 4, 1841, 530, 556; 9, 1851, 552; 11, 1854, 172 f.; 25, 1880, 621, 626, 656; Diplomata regum et imperatorum Germaniae 1, 1879-1884; 2,1, 1888; 2,2, 1893; Johann Friedrich Böhmer, Regesta Imperii II 1. Neu bearb. v. Emil von Ottenthal, 1893 [ND 1967]; II 2. Neu bearb. v. Hanns Leo Mikoletzky, 1950; II 3. Neu bearb. v. Mathilde Uhlirz, 1956/57; II 5. Bearb. v. Harald Zimmermann, 1969; Max Heuwieser (Hrsg.), Die Traditionen des Hochstifts Passau, 1930; Papsturkunden 896-1046, bearb. v. Harald Zimmermann. Erster Band: 896-996, 1984, 115-118, 150-154, 203-206, 436-440; Regesta Pontificum Romanorum. Germania Pontificia I. Congessit Albertus Brackmann, 1911, 159, 162, 164-167.

Lit.: Ernst Dümmler, Piligrim von Passau und das Erzbisthum Lorch, 1854; - ders., Über die Entstehung der Lorcher Fälschungen, in: SB d. kgl. preuß. Akad. d. Wiss. zu Berlin 1898, 758-775; - R. Mittermüller, War Bischof Piligrim von Passau (971-991) ein Urkundenfälscher?, in: Der Katholik I 47, 1867, 337-362; - Adalbert Dungel/Friedrich Blumberger, Die Lorcher Fälschungen. Ein neuer Versuch, das Entstehen der Lorcher Fabel zu erklären, in: Archiv für österreichische Geschichte 46, 1871, 235-295; - Georg Ratzinger, Lorch und Passau. Neue Forschungen, in: Der Katholik 52, 1872, 570-603; - ders., Lorch und Passau, in: ders., Forschungen zur Bayerischen Geschichte, 1898, 325-381; - Rudolf Köpke/Ernst Dümmler, Kaiser Otto der Große, 1876; - Karl Uhlirz, Die Urkundenfälschung zu Passau im zehnten Jahrhundert, in: MIÖG 3, 1882, 177-228; - ders., Excurse zu ottonischen Diplomen, in: MIÖG Erg.-bd. 2, 1888, 548 ff.; - ders., Jahrbücher des Deutschen Reiches unter Otto II. und Otto III., Bd. 1: Otto II., 1902; - Willibald Hauthaler, Die Ueberlieferung der gefälschten Passauer Bullen und Briefe, in: MIÖG 8, 1887, 604-609; - Edward Richter, Untersuchungen zur historischen Geographie des ehemaligen Hochstifts Salzburg und seiner Nachbargebiete, in: MIÖG Erg.-bd. 1, 1888, 590-738, bes. 634; - Th. von Sickel, Erläuterungen zu den Diplomen Ottos III., in : MIÖG 12, 1891, 209-245 und 369-431; - J. Widemann, Zur Lorcher Frage, in: Verhandlungen d. Hist. Ver. f. Niederbayern 32, 1896, 159-213; - Heinrich Witte, Genealogische Untersuchungen zur Reichsgeschichte unter den salischen Kaisern, in: MIÖG Erg.-bd. 5, 1903, 309-474, bes. 343; - Max Heuwieser, Die stadtrechtliche Entwicklung Passaus bis zur Stadtherrschaft der Bischöfe, (Diss. München) Landshut 1909, 47 f.; - ders., Sind die Bischöfe von Passau Nachfolger der Bischöfe von Lorch?, in: Theol.-praktische Monatsschrift 21, 1911, 13-23 und 85-90; - ders., Passau und das Nibelungenlied, in: ZBLG 14, 1943, 5-62; - Waldemar Lehr, Piligrim, Bischof von Passau, und die Lorcher Fälschungen, (Diss. Berlin) 1909; - Gerd Tellenbach, Die bischöflich passauischen Eigenklöster und ihre Vogteien, 1928, 7-24; - Ignaz Zibermayr, Noricum, Baiern und Österreich. Lorch als Hauptstadt und die Einführung des Christentums, 1944, 19562 [ND 1973]; - Mathilde Uhlirz, Jahrbücher des Deutschen Reiches unter Otto II. und Otto III., Bd. 2: Otto III., 1954; - Dusan Ludvik, Pilgrim von Passau und das Nibelungenlied, in: Ostbair. Grenzmarken 4, 1960, 139-144; - Franz Tyroller, Genealogie des altbayerischen Adels im Hochmittelalter, 1962-1969, 131 Tafel 8 Nr. 4; - Alphons Lhotsky, Quellenkunde zur mittelalterlichen Geschichte Österreichs, 1963, 167 ff.; - Erich Zöllner, Die Lorcher Tradition im Wandel der Jahrhunderte, in: MIÖG 71, 1963, 221- 236 [ND in: Rudolf Zinnhobler (Hrsg.), Lorch in der Geschichte, 1981, 147-173]; - Heinrich Fichtenau, Zu den Urkundenfälschungen Pilgrims von Passau, in: Mitt. d. oberösterr. Landesarchivs 8, 1964, 81-100 [ND in: ders., Beiträge zur Mediävistik 2, 1972, 157-179]; - ders., Das Urkundenwesen in Österreich vom 8. bis zum frühen 13. 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Grenzmarken 28, 1986, 195-206; - ders., Die Ursprünge der Lorcher Tradition im Lichte archäologischer, historiographischer und urkundlicher Zeugnisse, in: Gerhart Marckhgott, Bischof Pilgrim (971-991); - Realpolitik und »Lorcher Legende«, in: Kirche in Oberösterreich. 200 Jahre Bistum Linz, 1985, 51-62; - Albrecht Graf Finck von Finckenstein, Bischof und Reich. Untersuchungen zum Integrationsprozeß des ottonisch-frühsalischen Reiches (919-1056), 1989; - Hauck III, 163-181; - ADB 26, 131-134; - RGG V, 384; - LThK VIII, 509.

Franz-Reiner Erkens

Letzte Änderung: 09.02.1999