Besiedlungs- und Herrschaftsgeschichte des Waldviertels

von Karl Lechner (Auszüge)

Originalseiten (eingescannt)
 

Seite 53 bis 61

Ganz anders nun die Entwicklung jenes Gebietes, das im Westen angrenzt, des Gebiet der Grafschaften Pernegg und Raabs. Man hat bisher (ich selbst tat dies in den öfter erwähnten Arbeiten aus den Jahren 1924, 1928 und 1933!) die kaiserlichen Schenkungen an die österreichischen Markgrafen aus den Jahren 1074 und 1076 in "silva Rŏgacs" auf Raabs und des südlich davon gelegene Gebiete gedeutet. Aber sprachliche Schwierigkeiten (das dort genannte "Balchenstein" kann unmöglich Walkenstein sein, das urkundlich, wie o. S. 52f ., Anm. 4 gezeigt, und mundartlich "Walgerstein", bzw "Wålkastán" heißt!) und territorial-geschichtliche Bedenken (gerade diese Gebiete liegen eben nicht in der "Mark und Grafschaft", wie die beiden Urkunden der Jahre 1074 und 1076 ausdrücklich sagen!) verbieten dies. Wir müssen uns um andere Quellen umsehen. Sie führen gleichfalls in das letzte Viertel des 11. Jahrhunderts. Bischof Altmann von Passau (1065 - 91) hat um 1070 seiner Lieblingsstiftung Göttweig auch die Zehente von Pernegg gegeben. Aber sie blieben dort nicht, denn schon 1112 hat dieselbe Zehente und solche von später noch urbar gemachtem Landes bzw. von solchem, das noch urbar gemacht werden wird, Bischof Ulrich von Passau (1092 - 1121) an seine Stiftung St. Georgen a. d. Traisen (später nach Herzogenburg verlegt!) geschenkt.  Es war Mensalgut, weder Eigengut des Bischofs noch des Bistums, wahrscheinlich also von einem Bischof Altmann nahestehenden Geschlecht gegeben. Und warum erhielt Göttweig gerade im Umkreis von Pernegg und später St. Georgen gleichfalls dort Zehente?  Doch wohl deshalb, weil diese Klöster bzw. ihre Gründe oder Vögte, irgendwelche Beziehungen zu den Herren dieses Gebiets ausweisen. Göttweig sowohl als St. Georgen haben aber Beziehungen zu den Grafen von Formbach: sie sind die Vögte von Göttweig (über die Vogtei von St. Georgen im 12. Jahrhundert ist nichts bekannt); in Herzogenburg, dessen Pfarre mit dem halben Zehent Bischof Ulrich an St. Georgen gegeben hatte und wohin später auch das von der Donau bedrohte Stift St. Georgen verlegt wurde, hat das gleichnamige Hauskloster der Grafen von Formbach in Bayern die Hälfte des Ortes im Besitz. Aber auch verwandtschaftliche Beziehungen zu Bischof Altmann, wie sie nicht unwahrscheinlich sind, wären dann naheliegend.

Nun kommt etwas anderes hinzu. Nach dem bereits für Gars erwähnten und als sehr gut unterrichtet bewerteten Fürstenbuch des Hans Enekel (von 1280/90) saß ein Bruder Marktgraf Leopolds II. auf Pernegg, so wie dieser auf Gars. Daß die Babenberger in Pernegg Hoheitsrechte ausübten, dafür sprechen auch spätere Zwettler Quellen, die unter der Nachkommenschaft ("familia" bzw. "progenies") Leopolds II. auch die Grafen von Pernegg anführen (statt Ekbertus allerdings fälschlich Ekwardus!). Tatsächlich finden wir nun um 1122 zuerst einen Ulrich "Edlen von Pernegg". Der Hausnamen im Geschlechte der Pernegger Ulrich und Ekbert deuten unzweifelhaft auf die Formbacher (wenn auch die phantastischen Ableitungen Wendrinskys abzulehnen sind; ebenso die Besitzverhältnisse zwischen Traisen und Pielach; endlich aber, daß, wie bereits betont, auch Bischof Ulrich - beachte den Namen! - dem Kloster St. Georgen gerade wieder in Pernegg die Zehente angewiesen hat. Aber die Edlen von Pernegg nennen sich auch nach Deggendorf in Bayern und das ist ein Teil der alten Donaugrafschaft der Babenberger, ein Landgericht der Grafschaft Bogen und Lehen von den Babenbergern.

Ohne die Frage hier lösen zu wollen, sei Folgendes zur Überlegung gestellt: Die Namen Ulrich und Ekbert sind, wie erwähnt, im Hause der Grafen von Formbach heimisch. Doch ist der letztere Name selbst erst wieder von dem Geschlecht der Brunonen (Grafen von Braunschweig, später Markgrafen von Meissen) an die Formbacher gediehen (die Großmutter Ekberts I. von Formbach, gestorben 1109, war aus dem Haus der Brunonen). Dabei sind die sächsischen Geschlechter der Brunonen, Wettiner, Nordheimer, Querfurt-Supplinburger und Weimar-Orlamünder untereinander immer wieder verwandet und verschwägert. Fast in allen diesen Häuser ist ferner der weibliche Personenname Ida, Itha, daheim. Nun wissen wir, daß die Gemahlin des genannten Marktgrafen Leopold II. der Ostmark den im bayrischen Stammesgebiet sehr seltenen Namen Itha führte. Wir halten ferner dazu, daß die Babenberger selbst mit den genannten sächsischen Geschlechtern verbunden waren; erinnert sei an die obenangeführten Beziehung des Markgrafen Ernst, des Vaters Leopolds II. zu den Grafen von Weimar (=Orlamünde) und damit auch zu den Wettinern. Aber auch die Brunonen waren durch die Heirat ihres Ahnherrn Bruno von Braunschweig mit Gisela von Schwaben, die in zweiter Ehe mit Ernst von Babenberg, dem Sohn Markgraf Leopolds I., vermählt war (ihr 3. Gemahl war König Konrad II.), mit den Babenbergern verschwägert. Und endlich darf hier vorweggenommen werden, daß der Hausname der Herren (Grafen) von Raabs, an deren enger Verwandtschaft zu den Babenbergern nicht gezweifelt werden kann, Gottfried (neben Konrad) war, ein Name, der in erster Linie bei den Herzogen von Lothringen vorkommt, in deren Hause auch der Name Ida heimisch ist, der aber gleichfalls durch eine eheliche Verbindung mit einer Sächsin zugewachsen zu sein scheint. So dürfen wir also bezüglich der Herren von Pernegg zusammenfassen wohl an Formbach'schen Beziehungen festhalten, andererseit aber Babenberg'sche Herkunft annehmen. Vermutlich sind die Pernegger mütterlicherseits doch Nachkommen der Babenberger. Die Abstammung von Mannesstamm, wie ich sie in der vielgenannten Arbeit vom Jahre 1924 angenommen habe, gebe ich (nach Wegfall der Urkunden von 1074 und 1076) auf. Statt dessen ist auch an sächsischen Einflußg zu denken. In der Annahme der Abhängigkeit von den Babenbergern werden wir noch bestärkt werden bei Besprechung der Raabers

Den Titel "Grafen" führen die Pernegger zunächst nicht. Aber es ist nicht zu zweifeln, daß sie vom Reich lehenbare Hoheitsrechte ausübten. Schon für die Mitte des 12. Jahrh. (allerdings erst in der Bestätigung von 1240) ist die Bezeichnung Grafschaft "comitia" bezeugt. Sie findet sich im 13. und 14. Jahrhundert (bis 1376) und wird dann abgelöst durch den anderen, aber gleichwertigen Ausdruck "gegent" (bis 1416). Es ist auch wohl kaum zu zweifeln, daß die Grafschaft Pernegg eine zweite Grafschaft darstellt, die, wie die Grafschaft Poigen, erst im Jahre 1156 in die Mark einbezogen und mit ihr zusammen zum Herzogtum erhoben wurde. Die Herren von Pernegg nennen sich seit etwas 1180 "Grafen". Vielleicht hängt das mit dem Erwerb der Grafschaftsrechte auf Weitenegg - wir kommen bald darauf - zusammen, das von den Grafen von Peilstein, vermutlich durch eine um 1150 eingetretene eheliche Verbindung, an sie gekommen ist. Hier in diesem Gebiet machen sie reiche Schenkungen an das Freisinger Kloster Neustift. Bei Stein an der Donau haben sie Weingartenbesitz als Lehen von Passau gehabt. In ihrem eigentlichen Stammesgebiet aber haben die Pernegger die Besiedlung der Gegend intensiv durchgeführt. Zunächst nach Norden, gegen die Thaya zu, wo sie den Grenzfluß übernahmen und neben einer alten Dorfsiedlung im Tal (wahrscheinlich von einem kleineren Freien Drozzo durchgeführt!) und mit Benützung der Burg eines ihren Ministerialen in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts auf der Höhe oben eine Stadt gründeten - das nachmals so  berühmte Drosendorf.

Bei Nennung von Drosendorf sei allerdings auch auf eine andere Möglichkeit verwiesen. Es gibt in Oberfranken, im alten Radenzgau, drei Dörfer des gleichen Namens: bei Memmelsdorf bei Bamberg, bei Buttersheim und bei Königsfeld. Über den Radenzgau geboten die Marktgrafen von Schweinfurt, von denen ja, wie heute so ziemlich sicher angenommen werden kann, die österreichischen Marktgrafen abstammen. Nach ihrer Empörung 1003 wurde ihr großer Herrschaftsbereich zerstückelt und vor allem das neu gegründete Bistum Bamberg damit ausgestattet; 1116 aber werden Bambergische Ministerialen von Drosendorf (das erste der drei oben genannten!) erwähnt; es liegt auch im Bambergischen Hochgericht Memmelsdorf. Es wäre immerhin möglich, daß hier noch eine Babenberg-Deggendorfer Beziehung vorliegt; wir werden bei Besprechung der Herren von Raabs noch darauf zurückkommen. Vor allem aber gibt zu denken, daß im Radenzgau (am Weißen Main) auch eine Burg Berneck liegt, Mittelpunkt des hochfreien Geschlechtes der Walpotonen und daß anderseits im Pernegger Gebiet im Waldviertel ein Ort Wappoltenreith liegt (1488 Weypotnryt), der vielleicht von einem Wal(t)poten-reuth herstammt. Über die Ausdehnung des Pernegger Herrschaftsbereiches, der Grafschaft Pernegg, gibt das Zehentbezugsrecht des Stiftes St. Georgen-Herzogenburg wertvollen Aufschluß. Aber noch weiter hinaus stoßen Perneggische Lehensleute vor. Darauf kommen wir später noch ausführlich zurück.

Schwieriger noch fast erschein nun nach Wegfall der Urkunden von 1074 und 1076 die Erklärung des Gebietes von Raabs selbst. Zum Teil gilt auch hier dasselbe wie bei Pernegg. Denn auch der Zehent von Raabs war, als ehemals Bischof Altmann von Passau (verst. 1091) gehörig, von Bischof Ulrich an das von ihm neu gegründete Stift St. Georgen gegeben worden, und auch hier könnte man zunächst an die Formbacher denken. Aber von den Babenberger finden wir keine Spur. Wohl aber im Jahre 1100 einen Gottfried, Burgherrn Raabs (Rakouz), der in den Kämpfen des böhmischen Herzogshauses und seiner mährischen Verwandten anfänglich auf Seiten der letzteren stand. Es wurde ihm aber übel gelohnt und er selbst von seiner Burg vertrieben. Darauf wendet sich Gottfried an den böhmischen Herzog Břetislaw (sein Bruder hatte um die gleiche Zeit eine Schwester Markgraf Leopolds III. geheiratet!), der in Wranow (Frain) sein Lager aufgeschlagen hatte, um Hilfe. Die Burg wurde wieder erobert und dem rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben. Zeigt sich hier schon deutlich, daß es sich bei Raabs um ein Zwischengebiet zwischen der Ostmark und Böhmen handelt (Gottfried wendet sich nicht an die Ostmarkgrafen; sowohl der mährische Usurpator wie der böhmische Herzog rücken in das Gebiet ein!), so werden wir tatsächlich auch sonst sehen, daß das Gebiet von Raabs, ebenso wie jenes von Poigen und Pernegg, nicht zur Mark gehörte.

Bald nach dem eben erwähnten Vorfall (1105) finden wir Gottfried und Konrad von Raabs als Burggrafen von Nürnberg erwähnt, schon 1125 aber urkundlich "Konrad und Gottfried von Nürnberg", ferner 1151 und 1158 Konrad von Raabs und Gottfried von Nürnberg nebeneinander genannt, 1175 aber Konrad als "Ragossensi et burcgravius Nurenbergensis" bezeichnet. Es ist wohl kaum ein Zweifel, daß wir es von Anfang mit dem gleichen Geschlecht zu tun habe, das sowohl die "Grafschaft" Raabs als die Burggrafschaft Nürnberg inne hatte.

Wessen Herkunft aber sind Sie? Der Name Gottfried gibt zu denken. Er war, wie bereits erwähnt, in erster Linie in Lothringen daheim, dann auch bei den Grafen von Calw. Wir wissen, daß die Grafen von Formbach durch die Wels-Lambacher (Regilinde oder Regilla, die Gemahlin des karantischen Marktgrafen Arnold II. von Wels-Lambach und Mutter Mathildens von Formbach, war höchstwahrscheinlich die Tochter Graf Gottfrieds von Berdun, die Schwester der Herzoge Gottfried von Niederlothringen und Gozelo von Gesamtlothringen) Beziehung zu Lothringen hatten. Die Mutter Gottfrieds von Bouillon, die Erbtochter des lothringischen Herzogshauses, aber hieß Ida. Doch scheint der Name selbst, wie bereits oben angedeutet, diesem Hause durch eine eheliche Verbindung mit einer Sächsin zugewachsen zu sein. (Wahrscheinlich war der Vater Idas von Lothringen-Bouillon in erster Ehe mit eine Sächsin verheiratet.) Die enge Verbindung zwischen sächsischen und lothringischen Adeligen ist bekannt, ebenso jene von sächsischen Geschlechtern und der Möglichkeit, daß Itha, die Gemahlin  Marktgraf Leopolds II., zu Sachsen Beziehungen hatte, haben wir schon oben gehört. Läßt uns also der Name Gottfried tatsächlich an Lothringen denken, so seine Vermittlung in erster Linie an die Babenberger, daneben vielleicht auch an die Formbacher bzw. Lambacher (deutet etwa der Namen Konrad auf die Formbacher?). Dazu aber kommt noch etwas anderes Aufschlußreiches. Die Herren (Grafen) von Raabs werden von den Babenberger als ihre "Verwandten" "cognati", bezeichnet (zwischen 1177 und 1182). Alles in allem scheint doch auch hier die Wahrscheinlichkeit mindestens für mütterliche Abstammung von den Babenbergern zu sprechen. Wir kommen darauf noch einem im Zusammenhang mit Dobersberg zurück, wollen uns aber vorher noch kurz mit den Beziehungen des Geschlechtes zu Franken befassen. Die Raabser haben die Burggrafschaft von Nürnberg inne; Frau und ein Schwiegersohn des letzten Grafen von Raabs stammen - wie wir noch hören werden - aus bayr.-fränk. Geschlechtern. Die Herren von Riedfeld (mit einem Konrad zuerst genannt 1130) sind höchst wahrscheinlich identisch mit den Herren von Raabs. Die mit den Raabs-Riedfeldern verwandten Grafen von Höchstadt-Stahleck sind, wie wir angedeutet haben, die Gründer des Bambergischen Eigenklosters Mönchsaurach, dessen Vogtei eben jene übernahmen. Auch die Möglichkeit von Ortsnamenübertragungen aus Franken besteht; von Drosendorf haben wir gesprochen, auffällig bleibt der seltene Name Theres bei Schweinfurt, das alte Terassa, Therissa, der in Theras eine Entsprechung findet. Hier handelt es sich aber, wie bereits angedeutet, um das alte Herrschaftsgebiet der nordgauischen Markgrafen aus dem Hause Schweinfurt, die ja auch über den Radenzgau geboten haben. Ihnen entstammen die ostmärkischen Babenberger (Luitpold I. war ein Bruder Markgraf Bertholds). Dann ist es also tatsächlich möglich, daß durch gewisse Beziehungen der jüngeren Babenberger zu diesen fränkischen Gebieten auch jene der Raabser erklärt werden. Soviel ist sicher, das wir es hier mit ein hochbedeutsamen Geschlecht zu tun haben. Die Verbindung zwischen Nürnberg und Raabs bleibt bestehen, sodaß weiterhin die Linie des Namens "Gottfried" mit der Burggrafschaft Nürnberg verbunden ist, die Linie "Konrad" mit der Grafschaft Raabs.

Die urkundlich ausdrückliche Erwähnung eines Herren von Raabs findet sich zwar erst im Jahre 1144. Aber schon für die Zeit um etwa 1130 berichtet uns die Lebensbeschreibung des heiligen Abtes Berthold von Garsten (des Hausstiftes der steirischen Markgrafen), daß er seinen "Verwandten", die Edlen von Raabs, besucht habe; sie nennt dabei auch dessen Sohn Udalrich. (Zwar sonst nicht belegt, aber wir denken daran, daß Ulrich Hausname bei den Herren von Pernegg war). Übrigens hat das Kloster Garsten tatsächlich in der Mitte des 12. Jahrhunderts reiche Waldschenkungen westlich von Raabs durch die gleichnamigen Herren erhalten und dort gerodet. Es handelt sich dabei um Besitz, den die "parentes" (Eltern, Voreltern) "regia auctoritate",  also durch königliche Verfügung erhalten hatten.

Wenn wir die Bezeichnung "comites", "Grafen" von Raabs auch erst um 1170 finden, so besteht nach eindringlichen Untersuchungen kein Zweifel, daß die Grafschaft Raabs ein reichsunmittelbares Hoheitsgebiet war, das 1156 mit der Mark vereinigt wurde, aber auch nachher seine territorialrechtlich Stellung nicht verleugnete. Der Rang der Grafen, die Ausübung des Blutbannes, das Burgen- und Befestigungsrecht, eine öffentliche Grafschaftssteuer und später noch gewisse Realpartinenzen der Grafschaft kennzeichnen sie. Entstanden aber können wir sie uns denken als Wild- und Waldgrafschaft jenseits der Markgrenze im Wald gegen Böhmen zu. Vielleicht darf hier an eine grafenähnliche Stellung gedacht werden, wie sie etwas im 10. und 11. Jahrhundert das Waltpotenamt darstellt. Das konnte auch die Gerichtshoheit und Banngewalt in den königlichen Forsten sein, und dazu mag stimmen, daß, wie wir gehört haben, um 1150 Konrad von Raabs von einem großen Wald spricht, der "regia auctoritate" ("durch königliche Machtvollkommenheit") seinen Vorfahren übertragen wurde. Diese Stellung entspricht andrerseits auch den Raabser als Burggrafen von Nürnberg, so sie ja gleichfalls Hoheit über Reichsgut übten. Dazu kommt endlich, daß wir im vielgenannten Radenzgau seit Mitte des 11. Jahrhunderts Waltpoten finden, deren Amtsname zu einem Geschlechtsnamen wurde und die hochfreie Stellvertreter der Grafen waren. Neben ihrer Stammburg Zwernitz im Jura war Berneck am weißen Main ihr Haussitz. Der Name Udalrich war bei ihnen gebräuchlich (s. Pernegger!). Sie werden im 13. Jahrhundert über die Andechs-Meraner von den Burggrafen von Nürnberg beerbt. Die Zusammenhänge scheint nicht von ungefähr.

Als man im Jahre 1156 die Grafschaft Raabs mit der Mark zum Herzogtum vereinigt wurde, da blieb die reichsunmittelbare Stellung dadurch unangetastet. Der letzte Graf von Raabs war vermutlich mit einer Angehörigen des Grafengeschlechtes der Bohburger verheiratet und dadurch scheinen Gebiete erworben worden zu sein, die später eine Teil der sogenannten "Brandenburger Lehen" bildeten. Bis zum Jahr 1386 ist die Bezeichnung "Grafschaft" belegt ("als derselben graffschafft recht und gewonheit ist"); ebenso finden wir mit Ausdruck "gegent" (bis 1402).

Die Ausdehnung der Grafschaft Raabs ist gleichfalls gekennzeichnet durch den Zehentbereich des Stiftes St. Georgen-Herzogenburg. Er reicht nach Westen bis zur Wasserscheide am Reinberg und im Norden über Waldkirchen und Dobersberg hinaus.

Gerade die Nennung dieses letzteren Namens führt uns noch auf eine andere Vermutung. Wir wissen, daß die Grafen von Raabs-Burggrafen von Nürnberg auch in Kärnten sowie in der Steiermark Besitz hatten. Er geht zweifellos auf das alte Herzogsgeschlecht der Eppensteiner zurück. Dabei wurde angenommen, daß diese Güter erst der letzte Graf von Raabs von seinem Schwiegersohn Friedrich von Zollern (wir kommen auf diese Beziehungen noch später zurück!) erworben hätte, um sie gleich darauf (vor 1166) an Bamberg zu verkaufen. Friedrich selbst aber hätte sie geerbt von seiner Mutter, gebürtig aus dem Hause Schalla, die eine Tochter der dritten Frau des letzten Eppensteiner-Herzogs Heinrich (gestorben 1122) war. Ist der kurze Besitz in der Hand des Grafen von Raabs schon nicht sehr wahrscheinlich, so ist eine so frühe Heirat (um 1160) der Tochter des letzten Grafen von Raabs, Sophie, mit Friedrich von Zollern ganz ausgeschlossen; noch im Jahre 1175 scheint sie unvermählt gewesen zu sein. (Ihr Vater selbst tritt erst um 1150 zum erstenmal auf, dessen Vater ist um 1155 gestorben).  Wir müssen vielmehr annehmen, daß die Raabser in Kärnten und Steiermark schon früher Besitz hatten und daß wahrscheinlich sogar der spätere Besitz von Zollern dort nicht nur die Heirat mit einer Gräfin Schalla, sondern auch von den Raabsern her erklärt werden muß. Dann aber kann es nicht zweifelhaft sein, daß dieser von den Eppensteiner herrührt. Die oben erwähnte dritte Frau des letzten Eppensteiners war eine Tochter des Markgrafen Leopolds II. von der Ostmark. Von hier aus ist, wir wir gehört haben, aber auch die Abzweigung der Raabs-Nürnberger irgendwie anzusetzen. So scheinen hier alte Beziehungen vorzuliegen. Aber wir werden darauf noch von einer anderen geführt. Einer der bedeutendsten Punkte der Grafschaft Raabs, stets mit dem Hauptort selbst zusammengenannt, ist Dobersberg. Die Kirche von Dobersberg aber trägt das alte, hier ganz unerklärliche Patrozinium St. Lambrecht. Diese Patrozinium ist, wir wir wissen, bei allen Häusern, die mit dem salischen Königshaus verschwägert sind, üblich. Ganz besonders trifft dies für die Eppensteiner zu, die ja bekanntlich in der Mitte des 11. Jahrhunderts in St. Lambrecht eine Eigenkirche hatten und dort am Ende des Jahrhunderts ein Kloster gründeten. St. Lambrecht liegt in der Nähe des Flüßchen Thaya. In der Gründungsurkunde und späteren Bestätigungen  heißt es: "ultra" oder "juxta Theodosiam". Es wird aber auch als in der Grafschaft Friesach liegend bezeichnet und bei Friesach selbst gab es einen Berg Dobersberg (Dobranberg); hier war wohl altes Blut der Grafen von Zeltschach. Endlich hat der Bruder des Herzoges Heinrich, der Patriarch Ulrich von Aquileja, ein Vermächtnis des mit ihm doch wohl irgendwie verwandten Grafen Cazelin von Mosach ausgeführt, das eine Canonie und Kirchengründung in Dobrendorf im Jauntal (heute Eberndorf) bei Friesach betraf. So dürfen wir also vielleicht auch von dieser Seite hier eine gewisse Beziehung von Dobersberg im Raabser Gebiet und seinem St. Lambrecht-Patrozinium mit ähnlich lautenden Orten im Eppensteiner Gebiet in Kärtnen annehmen.

Von dem weiteren Vortragen der Siedlung in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhundert und vom Ausgang des Grafengeschlechtes der Raabser und seiner Verbindung mit anderen Geschlechtern werden wir noch später hören.

Wir sind bei der Behandlung der einzelnen Hoheits- und Herrschaftsgebiete weit in der Zeit der erschließbaren Besitznahmen und Besiedlung vorausgeeilt. Rückblickend dürfen wir sagen, daß der Ostrand des Waldviertels (Horner Becken, Gars-Eggenburger Gebiet) sicher seit der Wende des 10. und 11. Jahrhunderts zusammenhängend und dicht besiedelt war, daß fortschreitend gegen Norden und Nordwesten das Waldland aufgeschlossen wurde und daß noch im letzten Viertel des 11. Jahrhunderts die Thayagrenze bis zur Vereinigung der deutschen und mährischen Thaya erreicht und überschritten wurde. Die hier mächtigen Geschlechter sind vor allem die bayrischen Grafen von Ebersberg und ihre Sippe, dann ergibt sich deutlich oberfränkischer, aber auch sächsischer, ja vielleicht sogar lothringischer Einfluß. Die Babenberger aber sind hier erst als sekundäre Herrenschicht erweisbar, durch Verschwägerung und Erbschaft. Der größte Teil dieses Gebietes war auch nicht in die babenbergische Ostmark einbezogen.

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Im Westen schloß die Grafschaft Raabs an, von der wir gleichfalls gehört haben. Auch die Grafen von Raabs kolonisierten nach Westen und Norden zu. So erfahren wir etwa 1150, daß Konrad d. Ä. von Raabs an das oberösterreichische Kloster Garsten einen großen Wald geschenkt habe, von jenen Besitzungen, die einst "durch königliche Machtvollkommenheit seinen Voreltern" übertragen worden waren. (Wir haben davon bereits gesprochen; s. o. S 59.) Und um 1160 erfolgte eine weitere Waldschenkung seines Sohnes an das Kloster, worauf eine Siedlung von 30 Hufen und einem Meierhof errichtet worden war. Und wieder etwa 20 Jahr später hören wir ausdrücklich von den zwei Dörfern "in Rakiz", deren eines - Münichreiht ("Muncherode")  - vom Vater an Garsten gegeben worden war, während das zweite Gastern ("ad Garstenses") genannt war. So sehen wir als, wie rasch ein solches den Mönchen übergebenes Waldgebiet ausgeschlossen wird (zwischen 1150 und 1160). Der allgemeine Name "Münichreith" und der besondere "Gastern" deuten auf das beschenkte Stift. Eine ähnliche Schenkung Graf Konrads d. J. war an Kloster Zwettl erfolgt; auch hier wir der ältere allgemeine Name Münichreith später abgelöst durch den besonderen Namen Klein-Zwettl. Der Ort Thaya wird um 1175 als ein Hauptort der Grafschaft genannt. Ein weiterer solcher ist Dobersberg, der stets mit Raabs zusammen genannt wird. Einen Maßstab für die Ausdehnung des Raabser Bereiches erhalten wir auch hier wieder durch den Zehentbezugsbereich von St. Georg-Herzogenburg; Siegharts (Landgericht und Pfarre sind Filialen von Landgericht und Pfarre Raabs), Waldkirchen und Gilgenberg (St. Gilg d. i. St. Ägyd! Beachte die häufigen Vorkommen dieses Heiligenpatroziniums in diesem Gebiet, z. B. Eibenstein, Ludweis!), werden noch als Ämter genannt. Das Zehentbezugsgebiet endet im Westen vor dem Reinberg, unmittelbar hinter dem oben genannten Gastern. Sehr bezeichnet für die Trennung der beiden Grafschaftsprengel Raabs und Pernegg ist der urkundlich belegbare Verlauf der Grenze mitten durch bestimmte Orte, z. B. Alt-Waidhofen, Grossau (bei Drosendorf); bei diesem letzteren gehört noch zirka 1380 ein Teil zur "grafschaft Drosendorf", der andere zur "grafschaft Ragz".

Hier sei noch auch eine siedlungsgeschichtliche Eigenheit für dieses und das westlich anschließende Gebiet hingewiesen. Bei der Gründung des Ortes Gastern war die Rede von der Anlage eines Meierhofes und von 30 Hufen. Diese Verteilung war eine übliche auch in der ganzen Grafschaft Litschau. Fast durchgehends finden wir dort noch im Urbar des 14. Jahrhunderts neben den bäuerlichen Lehen das "Ammanslehen". Es war auch gewöhnlich gesondert aufgezählt und erhielt meist direkt bestimmte Einkünfte angewiesen. Es handelt sich hier zweifellos um eine einheitlich Dorfanlage, die unter der Leitung eines Maiers, bzw. eines Amtmanns steht. Hier finden wir keine ritterlichen Grundherren im Dorf. Daß sich diese Siedlungsweise nicht, wie geglaubt wurden, erst im eigentlichen Litschau-Heidenreichsteiner Raum jenseits des Reinberges und sohin erst im 13. Jahrhundert findet, ist damit erwiesen. Auch die gleichartigen Siedlungsformen und Dorfanlagen sprechen dafür.

Endscheidender aber ist etwas anderes. Wir kennen seit ein paar Jahrzehnten eine Urkunden Graf Konrads von Raabs vom Jahre 1175, womit er den Johannitern in Mailberg "von seinem Besitz an ungerodetem Waldland bis zu 30 Hufen und einem Meierhof" (de predio meo nemoris inculti ad 30 hobas et ad villicationem) gibt, "an dem reißendem Strom (amnem rapidissimum), der Bistritz heißt". Die Urkunde bezieht sich nicht, wie vermutet wurde, auf das Grenzgebiet von Niederösterreich und Steiermark, sondern auf jenes von Waldviertel und Böhmen. Denn im Jahr 1129 hat Heinrich von Zöbing auf sein Vogtrecht über den Johanniterbesitz (in "Munusloh" verzichtet, der "bei seinem Dorfe Bistrice" liegt ("iuxta villam meam Vistriche"). Es ist Münichschlag bei Bistritz, bereits in Böhmen gelegen, ein alter Johanniterbesitz. Bistritz, von bystrica, aber bedeutet das Gleiche, wie die Urkunde von 1175 ausdrücklich sagt: Wildbach. Die Zöbing-Weikertschlager üben also von ihrem Besitz Bistritz aus das Vogtrecht über Münichschlag. Für sie haben wir in diesem Gebiet, das sie als Lehensleute der Grafen von Raabs durchsetzen, weitere Belege. 1188 erhalten sie vom Bischof von Passau das Petitionsrecht (Vorschlag für Besetzung) für die Kirche von Waldkirchen. Beim Aussterben des Geschlechtes, 1232, aber fällt dem Hochstift der von jenem zu Lehen getragene Zehnet heim in Waldkirchen und Gilgenberg (ebenso wie in Zöbing und Weikertschlag). Nun finden wir 1188 sowohl sie 1232 auch das Patronats- bzw. Zehentrecht des Zöbing-Weikertschlagers in "Fistrize" (bzw. "Bitstritz"), 1232, auch in "Lantsteine". So ist kein Zweifel, daß dieses Geschlecht im Anschluß an die Raabser weiter über die heutige Grenze nach Norden vorstieß und die Orte (Neu-)Bistritz und Landstein (nordwestl. von Altstadt) anlegte. Im Jahre 1249 war Landstein ausdrücklich als "in Austria" gelegen bezeichnet, und zwar in der Hand einer Nachkommin der Raabser Grafen. Noch in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts stehen sowohl Landstein als Bistritz im Verzeichnis der Passauer Pfarren und Kirchen.

So wie als die Grafen von Raabs und ihre Ministerialen weit hineindrangen in heute böhmisches Land, so haben sie auch noch vor 1200 über den Reinberg hinübergegriffen; freilich waren erst ihre Nachfolger, die hier in größerem Maße rodeten und siedelten. Nun verstehen wir auch die Grenzangaben in der kaiserliche Schiedsurkunde vom Jahre 1179, der wir uns nochmals zuwenden müssen (s. o. S. 85f.). Die Grenze ging, wie erinnerlich, von Furt "Segor" "in schätzungsweiser gerader Linie", bis zum Ursprung der "Gestice". Es ist der Kasteinitz genannt Fluß, der am Markstein südlich Königseck entspringt - schon diese beiden Namen, die ja deutlich den Eckpunkt seiner durch königliche Ausmarkung festgelegten Grenzlinie bezeichnen, hätten Beachtung finden müssen! -, durch das Stankauer Teichrevier fließt und südwestliche Chlumetz in die Lainsitz mündet. Das erscheint jetzt umso sicherer, weil, wie wir eben gehört haben, der durch Bistritz (und Litschau) fließende Bach um die gleiche Zeit (1175) Fistritz genannt wurde. So war also dem Vordringen des österreichischen Grafengeschlechtes bereits Rechnung getragen. Aber es waren nicht mehr die Raabser, die hier das Vortragen nach dem Westen besorgten, denn sie waren um 1191/92 ausgestorben. Von den zwei Erbtöchtern war die ältere, Sophie, mit dem Grafen Friedrich von Zollern verheiratet, dem sie auch das Burggrafenamt Nürnberg mitbrachte, und so die Stammutter der brandenburgischen Markgrafen und preußischen Könige wurde. Die andere Tochter Agnes heiratete den fränkischen Grafen Gebhart von Hirschberg.

Auf beide Töchter ging nun das väterliche Erbe über, ohne daß von einer direkten Teilung gesprochen werden kann. Schon im Herbst des Jahres 1200 verkaufte Sophie den Markt Raabs, großen Besitz in der Umgebung (auch Markt Dobersberg) und die Grafschaftsrechte an den österreichischen Herzog Leopold. Der westlich gelegene Besitz, ebenso wie solcher im Viertel unter dem Manhartsberg (um Hollabrunn und Göllersdorf) kam an die Hirschberger. Die Hirschberger üben gleichfalls Grafenrechte aus, sie kolonisieren weiter nach Westen. Bereits um 1200 wird Heidenreichstein genannt, angelegt von dem Burggrafen von Gars-Eggenburg, als Lehensleuten der Hirschberger. Litschau - der Hauptort der späteren Grafschaft - ist zweifelsfrei erst um 1260 belegt (der Ausstellungsort zweier Urkunden vom Anfang des 13. Jahrhunderts ist erst später nachgetragen worden). Um die Mitte des 13. Jahrhunderts kommt auch das Herrschaftsgebiet der Hirschberger, sowie der Raabser Teil vorübergehend an den Landesfürsten, der Zerfall in zwei Grafschaften wird deutlich. Erst gegen Ende des 13. Jahrhunderts sind sowohl die Grafschaft Raabs als die Grafschaft Litschau in Personalunion zum Herzogtum gekommen, sie lassen aber deutlich bis ins 15. Jahrhundert ihren Sondercharakter erkennen. Wir kommen auf diese Verhältnisse später noch zurück.

Von besonderem Interesse ist dabei noch der Ort Eisgarn. Er wird 1294 zum erstenmal genannt, als Lehensgut der Kuenringer von den Hirschbergern. Nach 1330 wird dort eine Propstei gegründet; die Kirche trägt das Patrozinium Mariä Himmelfahrt. Eine uralte Kultstätte des hl. Koloman aber und die Feier des Kirchweihfestes auf Kolomani (13. Oktober) bestätigt uns die Herkunft von den genannten Grafen von Hirschberg. Denn deren Vorfahren, die Grafen von Chregling im bayrischen Nordgau, haben St. Koloman als Patrozinium der Kapelle ihrer Stammburg Grögling und scheinen auch sonst für seine Verehrung  tätig gewesen zu sein.

So haben also die Grafen von Raabs und ihre Nachfolger, die Grafen von Hirschberg, vor allem aber ihre Ministerialen, darunter besonders die Weikertschlager, die deutsche Besiedlung in Südböhmen durchgeführt. Die zahlreichen deutschen Orte bis nach Tremles und Neuhaus bestätigen dies. Es sind vorwiegende solche auf -schlag auslautende (besonders im Bezirk Neuhaus) und mit einem Genetiv gebildete (im Bezirk Bistritz). Dabei wurde schon früher mit Recht hingewiesen auf die Gleichheit der Ortsnamen diesseits (grade im Raabs-Hirschberger Gebiet) und jenseits der Grenze (Gebharz, Gottschallings, Reichers, Artholz, Berharz usw.). Auch die Siedlungsformen sind dieselben, ebenso die Mundart. Doch finden sich begreiflicherweise auch andere Einschläge (bes. südlicher Böhmerwald und Oberösterreich). Selbstverständlich finden wir auch tschechische Personennamen als Grundworte, zu denen dann ein deutsches Bestimmungswort hinzutritt.

Auch für die Südwestecke Mährens gilt noch ein gleiches. Auch den Ort Kadolz wurde bereits früher verwiesen; der Nachbarort Mayres findet seine Entsprechung in dem Ortes Meires bei Waidhofen a. d. Thaya. Übrigens sind heute noch jene beiden Orte zur böhmischen Pfarre Altstadt (bei Landstein) eingepfarrt, so daß man sie vielleicht von Anfang als zum Raabser Gebiet gehörig rechnen darf. Endlich finden sich bei Zlabings noch die Orte Motten, Stoitzen und Rudol(et)z und das abgekommene Gerungs, die eine Entsprechung im Waldviertel haben. Hier haben wir noch den letzten Teil der Grenze von 1170 nachzutragen. Sie ging vom Ursprung der Kasteinitz "bis zur Urgrub". Die verschiedensten Vermutungen wurden diesbezüglich geäußert. Ganz aufzugeben ist, wenn wir das Vordringen aus dem Raabser und Pernegger Gebiet überlegen, die Deutung auf Auern, südwestlich von Altstadt in Mähren. Der Augraben bei Drosendorf erscheint, abgesehen von der weiten Entfernung, doch als zu wenig markanter Punkt. Am wahrscheinlichsten ist doch der Grubberg östlich von Zlabings. Dann allerdings wäre auch Zlabings noch auf österreichischem Boden errichtet. Die älteste Erwähnung des Ortes rührt erst vom Jahre 1260 her. Es handelt sich dabei wohl um eine ältere slawische Siedlung, neben die dann ein deutsches Anwesen trat, das bald Marktort wurde. Wahrscheinlich waren es auch hier die Weikertschlager oder aber die obengenannten Herren von Thürnau, die über die Grenze griffen. Tatsächlich stellt das Gebiet von Zlabings mit den beiden beherrschenden Höhen Grubberg und Wachtberg und eine Reihe von Burgen eine gewisse Einheit dar. Für die obengenannte Grenzziehung zum Grubberg spricht auch, daß die Orte Zoppanz und Döschen in Mähren (nordöstlich von Weikertschlag) im 15. Jahrhundert gräflich Maidburg-Hardeggischer Lehenschaft sind. Und nach 1569 ist ein Holde in Piesling (a. d. mährischen Thaya, westl. von Zoppanz) der St. Clemens-Burgkapelle von Raabs untertänig.

Endlich haben wir uns noch als letztes mit dem Gebiet von Schrems zu befassen. Wir haben erst sehr späte Nennungen aus diesem Raum, wie er sich auch als später besiedelt darstellt. Tatsache ist, daß Schrems immer zur Grafschaft Hardegg gezählt wurde. Wann allerdings diese Verbindung eintrat, ob schon Ende des 12. oder erst um die Mitte des 13. Jahrhunderts, ist fraglich. Es erhebt sich hier vor allem die Frage: ist Schrems von dem südlich gelegenen Gebiet, von Schwarzenau-Allentsteig her oder aber vom Norden, von Litschau her erschlossen worden? Tatsächlich spricht manches für das erstere. Den die Inhaber der Grafschaft Hardegg, zu der Schrems nachweislich seit Beginn des 14. Jahrhunderts gehörte, die zugleich das Patronat über die Pfarre Vitis inne. Sie sind später auch als Zehentinhaber nicht nur im Gebiete von Schrems, sondern auch um Kirchberg und Allentsteig nachgewiesen. Nun darf nicht vergessen werden, daß Vitis zum Schwarzenau-Allentsteiger Gebiet gerechnet wurde, und daß dort die Herren von Thaya daheim sind (s.o. S 78). Deren Stammsitz aber stellt, wie wir gleichfalls gehört haben, einen Einsprengling im gräflich Hardegg'schen Gebiet an der Thaya dar. So schein auch hier Schwarzenau gräflich Plain-Hardegg'sches Lehen gewesen zu sein, ebenso wie das nördlich anschließende Schrems. Bei der Neuverleihung der Grafschaft Hardegg im 13. Jahrhundert mußte der von seiner Schwiegermutter (einer geborenen Gräfin von Plain) und seiner Gemahlin (der Witwe des letzten Grafen von Plain) her Ansprüche erhebende Graf von Görz auf die Grafschaft Hardegg verzichten und erhielt dafür die Herrschaft Schwarzenau von Reichs wegen. Aber auch die Inhaber der Grafschaft Hardegg (die Burggrafen von Maidburg) besitzen im 14. Jahrh. Lehensrecht über Schwarzenau, ebenso die Grafen von Schaunberg. Wir kommen auf diese schwierigen Verhältnisse später noch zurück, dürfen aber jetzt schon vorwegnehmend sagen, daß schon die alten Grafen von Plain-Hardegg eine Lehensherrlichkeit über Schrems und Schwarzenau ausgeübt haben.

 

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