Die Entwicklung der Weberei

Die Weberei bildet seit jeher eine wichtige Erwerbsquelle für die Kleinhäusler und während des Winters einen Nebenverdienst für die Bauern, da der Ertrag aus ihren Feldern zu gering ist. Von einer Webindustrie im Waldviertel kann man eigentlich erst von Beginn des 18. Jahrhunderts an sprechen. Um 1720 führte der damalige Herr in Groß Siegharts, Graf Ferdinand von Mallenthein, die Weberei und Spinnerei in Groß Siegharts ein, um so seinen Untertanen eine Verdienstquelle zu schaffen.

Der Anfang der Hausweberei aber dürfte viel weiter zurückliegen, vielleicht schon in der Zeit der Besiedlung des Landes. Man verarbeitete Flachs und Schafwolle zu Leinwand oder Tuch für den eigenen Bedarf, was uns bisweilen die Berufsbezeichnungen texter oder linifex (=Leineweber) in den Matriken verraten. Schon 1673 finden wir einen Vitus Kornteyer als Weber im Trauungsbuche verzeichnet, 1675 Andreas Litschauer aus Klein Zwettl, Witzmann aus Gastern und 1683 Johann Edlbauer aus Klein Motten. Diese Weber waren die ersten, die wir in unserem Pfarrgebiet nachweisen können. Die Tatsache, dass wir um 1800 im Taufbuche beim Berufes des Vaters kaum einmal "Bauer" finden, will uns beweisen, in welcher hohen Blüte damals die Hausweberei stand. Man erzeugte nicht mehr für den Eigenbedarf, sondern arbeitete bereits für Faktoreien aus der Umgebung (vermutlich Dobersberg).

Im Schwarzbachtal, zwischen der Hammerschmiede und Eggmanns, steht am Waldrand ein Marterl. In den Sockel desselben sind die Jahreszahl 1694, eine Weberschütze und der Name Veit Schandl eingraviert. Wie die Überlieferung erzählt, soll im Jahre 1694 der Leineweber Veit Schandl, beheimatet in Klein Motten, auf dem Heimwege von Dimling, wo er sein Ware abgeliefert hatte, wegen des geringen Betrages von 25 Kreuzern erstochen worden sein.

Als um 1850 die Fabriken entstanden, begann auch das Elend in die Webstuben einzuziehen: Die einst so blühende Hausindustrie konnte mit der fabriksmäßigen Produktion nicht Schritt halten; in den Fabriken wurde mehr und auch schneller erzeugt, sodass die Ware billiger verkauft werden konnte.

Den Begründer der Textilindustrie in Gastern findet man im Jahre 1862: Leopold Heß, Inwohner und Weberfaktor, taufe in diesem Jahre auf Nr. 41 sein erstes Kind. 4 Jahre vorher, 1858, hatte Leopold Heß die heute Herrn Stanislaus Weis gehörende Weberei gegründet.

Der Name Heß stammt aus einem alten adeligen Geschlecht, welches seit dem 11. Jahrhundert besteht und zu Bingen am Rhein seinen ersten Stammsitz hatte, wo auch der erste dieses Namens von Kaiser Konrad II. infolge seiner tapferen Leistungen ein Wappen erhielt. Im 13. Jahrhundert wanderte dieses Geschlecht nach Böhmen ein, von wo sich im 18. Jahrhundert eine Linie in die Nähe von Dobersberg abzweigte.

Aus diesem Geschlecht haben sich übrigens im österreichischen Militärdienst einzelne Männer große Verdienste erworben. Im 17. und 18. Jahrhundert wurden viele von ihnen in den Adelsstand erhoben.

Von Leopold Heß, dem Begründer der ersten Weberei in Gastern, existiert heute noch der Militärabschiedsschein, der sich im Besitze der Familie Liebhart sen. befindet.

Abschiedsschein

Leopold Heß, geboren 1827 in Penzing, zuständig nach Waldkirchen, Weber von Profession, hat bei den 21. Feld-Jäger-Bataillon 7 Jahre, 5 Monate, 27 Tage als Jäger, Patrulführer und Unterjäger, dann durch zwei Jahre in der Reserve, im Ganzen daher 9 Jahre, 5 Monate, 27 Tage, treu und redlich gedient.

Gegeben zu Verona am 15. Dezember 1857.

Seiner k. k. apostolischen Majestät wirklicher
Oberstlieutnant unnd Commandeur des obigen
Jäger-Bataillons, Commandeur des päpstlichen
St. Sylvesterordens.

Unterschrift

Anscheinend sofort nach seiner Entlassung aus dem Militärdienst begann Heß im Hause Nr. 41 mit der Ausübung seines erlernten Berufes als Weber. Kurze Zeit darauf, 1870, arbeitete er auf Nr. 16 und 1874 auf Nr. 34, der heutigen Webwarenfabrik Weis. Ursprünglich war das Haus Nr. 34 eine Fleischhauerei des Georg Blaich. Erst im Jahre 1904 wurde dem Hause, da es den erhöhten Anforderungen nicht mehr genügte, ein Stock aufgebaut.

Diese Weberei beschäftigte anfangs nur Heimarbeiter. Die Bedingungen waren für die Heimarbeiter nicht sehr günstig. Sie verdienten in der Woche etwa 1 fl. bis 1 fl. 30 Kr. (Um für die Kaufkraft des damaligen Geldes einen Maßstab zu besitzen, seien hier einige Preise angeführt: 1 kg Fleisch - 52 Kr., 1 Laib Brot - 2 kg - 20 Kr., 7 Eier - 10 Kr., 1 Seidel Bier - 4 Kr., 1 Viertel Liter Wein - 8 bis 10 Kr., 1 kg Mehl - 24 Kr.)

Die hauptberuflich tätigen Weber arbeiteten das ganze Jahr über, während die Bauern nur während des Winters als Heimarbeiter woben, um sich, sie sie sagten, "die Steuern zu verdienen". Die Beleuchtung in den Webstuben bestand damals übrigens noch aus Kienspänen, die in einer Mauernische in einer eigenen Vorrichtung brannten, oder aus Kerzen. Erst Karl Krenn, der nach dem Tod des Gründers der Fabrik dessen Witwe heiratete, brachte aus Wien für seine Weber Petroleumlampen mit zinnernen Kesseln und einem Drahtgestell zum Aufhängen am Webstuhl. Außerdem hat Krenn nach der Jahrhundertwende in Gastern eine Ortsbeleuchtung, bestehend aus Petroleumlampen, eingeführt. Eine solche alte Lampe ist heute noch am Kaufhaus Datler zu sehen. Der Nachtwächter (Johann Ratzenberger), der mit seinem braunen Regenumhang und einer kleinen Hellebarde - ähnlich den "Hirtenfackeln" der Weingartenhüter des Weinlandes - die nächtliche Runde machte, war auch gleichzeitig Laternenanzünder.

Die Lieferung der Fertigware erfolgte entweder nach Wien, oder in die Faktorei nach Pfaffenschlag oder Groß Siegharts. Wiener Unternehmen gaben der Hausindustrie Lohnarbeiten.

Es wurden Organtin, ein leichter Futterstoff, ein Baumwollgewebe, ähnlich dem Verbandsstoff, Mull für gewachste Kunstblumen oder feine Blusen, ferner Silbertarlatane für Faschingsartikel und zur Leichenbestattung produziert.

Silbertarlatan ist ein feines Baumwollgewebe, in welches Metallfäden als Effektgarne eingewebt werden. Die Erzeugung dehnte sich auch aus auf schweizer Stickereien, rote oder grüne glatte Gewebe, die für den Export in den Orient bestimmt waren; ebenso wurden Nadel und Radelstickereien erzeugt. An Seidengeweben produzierte diese Fabrik als Futterstoff für Herrenhüte Organsin (gezwirnte Naturseide aus bestem Kokon) und Grege (aus 3 - 16 Kokonfäden gebildeter Naturseidefaden) für Seidentücher. Als "türkische Handtücher" bezeichnete man grobe Handtücher, die alle mit Fransen versehen waren; die Muster waren Crepe-, Stern- und Waffelmuster. Bis zum ersten Weltkrieg erzeugte man sogenannte Piqué-Decken (Piqué ist ein Doppelgewebe, wobei das Obergewebe grobfädig, das Untergewebe feinfädig ist). Mit Jaquard-Muster: Tisch- und Bettdecken, Kinder- und Säuglingsdecken. Während des ersten Weltkrieges musste die Fabrik über Auftrag des k. k. Kriegsministeriums für Kriegsgefangenenbekleidung Stoffe aus Hälfte Papiergarn und Hälfte Abfallgarn herstellen, ebenso Futtersäcke für Pferde. Infolge des unglücklich verlaufenen Krieges trat nach seinem Ende zwangsläufig eine zweijährige Pause in der Produktion ein. Erst 1921 konnte neuerlich mit der Erzeugung von Mollino, Hemdenstoffen und Frottierware begonnen werden.

Bis 1914 stützte sich der Betrieb vorwiegend auf Heimarbeiter; ab 1914 wurde auch maschinell gearbeitet; nach dem Weltkriege arbeitete man hier mit Handwebstühlen in der Fabrik und als Heimarbeiter. Heute arbeitet die Fabrik Stanislaus Weis mit Handwebstühlen und maschinell. Sie vergibt nur mehr an drei Heimarbeiter Arbeit.

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