Die Pocken

Wie aus den Sterbebüchern zu ersehen ist, waren in früheren Zeit die Pocken eine sehr gefährliche, ansteckende Krankheit. Man findet oft spaltenweise als Todesursache hintereinander "Blattern" eingetragen. Welche Bewandtnis hat es mit den Blattern?

Die Pocken (Blattern, Variola) sind eine Infektionskrankheit und gehören zu den gefährlichsten Seuchen, die in früherer Zeit zahlreiche Opfer forderten, während sie heute aus den zivilisierten Länder durch die Impfgesetze fast ganz verschwunden sind.

Der Erreger, ein Virus, besitzt eine lange Lebensfähigkeit und wird durch den Kontakt von Mensch zu Mensch, durch Luft (Tröpfcheninfektion) und durch Gegenstände übertragen. Jedes Lebensalter ist für die Erkrankung empfänglich. übersteht sie ein Mensch, so bleibt er immun.

Die Krankheit beginnt mit Schüttelfrost, Gliederschmerzen, Erbrechen und hohem Fieber. Bald entsteht an Rumpf-, Armen und Beinen ein Ausschlag, dessen Knötchen sich in Bläschen mit eitrigem Inhalt verwandeln. Die Augen sind arg verschwollen, und oft bestehen auch Delirien. Nach 12 Tagen trocknen die linsengroßen Pusteln ein, und es bildet sich dann eine Kruste, die alsbald abgestoßen wird. Die Pockennarben bleiben dann dauernd bestehen; sie sehen so aus wie die Impfnarben. Man spricht ja auch heute noch von einem "Pockennarbigen Gesicht". Die Letalität (Sterblichkeit der Kranken) beträgt 15 - 30 %.

Das Vorbeugemittel besteht vornehmlich in der Anwendung der durch den englischen Arzt Edward Jenner 1796 in Angriff genommenen Schutzpockenimpfung. Die Folge der riesigen Ausbreitung des Pockenvirus erkrankten auch Pferde und Rinder (Kuh = lat. vacca, daher "Vaccination"), letztere an sogenannten Kuhpocken, die auf das Melkpersonal übertragen wurden und dieses gegen Erkrankung schützten. Diese Beobachtung machte man sich zunutze, übertrug die Flüssigkeit (Lymphe) aus den Bläschen der Kuhpocken auf den Menschen und erzeugte so eine leichte Erkrankungen, die sogenannten Impfpocken. Im Körper der Kuh wurde nämlich der Virus abgeschwächt. Die Impfpocken bewirken einen wirksamen Schutz gegen die echten Pocken. In Österreich wurde der Impfzwang durch ein Gesetz eingeführt.

Die Sterbebücher melden uns - leider nur von der Zeit an, in welcher die Todesursache eingetragen wurde, - manche Blatternepidemie.

Im Jahre 1795 starben in Garolden in der Zeit vom 2. Mai bis 14. Juni 15 Kinder im Alter zwischen 8 Monaten und 12 Jahren. Als Vergleich sei daneben erwähnt, dass im gleichen Jahre nur 10 Geburten verzeichnet wurden. Diese Epidemie forderte ebenso in Gastern 6, in Weißenbach 5 und in Ruders 4 Opfer unter den Kindern, die auch zwischen dem Säuglingsalter und etwa dem 12. Lebensjahre standen. Eine weitere Pockenepidemie forderte 1809 in Klein Zwettl 7 und in Weißenbach 5 Todesopfer. Die letzte Seuche war 1818 in Klein Zwettl, während der 5 Kinder starben. In einer Nachschrift bemerkt der Pfarrer, dass diese Kinder nicht hätten sterben müssen; aus Nachlässigkeit und Widerspenstigkeit der Eltern waren sie nicht geimpft. Am 1. Juli am Zwettler Friedhof abends wegen Ansteckungsgefahr begraben.

In den folgenden Jahren gab es nur mehr vereinzelte Fälle von Blattern. Der letzte Fall wird uns 1835 beim Tode eines 28-jährigen Mannes aus Klein Motten berichtet.

Betrachten wir bei der ersten Blatternepidemie in Garolden im Jahr 1795 die Zahl der 15 Todesfälle und bedenken dabei, dass die Letalität der Blatternfälle 15 - 30 % beträgt, so müssen wir annehmen, dass etwa 50 bis 100 Personen an ihnen erkrankt waren. Wie mögen die Leute damals ausgesehen haben, nachdem wohl jede zweite Person dieses Seuche überstanden hatte.

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