Pest

Im Jahr 1713 starben in der Pfarre Gastern einige Personen an der Pest: Ein junger Mann aus Immenschlag sowie ein Mann und drei Frauen aus Ruders.

Zunächst einiges über die "Pestilenz". Man weiß im allgemeinen nur, dass die Pest eine gefährliche Infektionskrankheit des Mittelalters war, dass man nach ihrem Erlöschen aus Dankbarkeit ein Marterl oder eine Pestsäule gestiftet hat, weiß aber sonst nichts mit ihr anzufangen.

Die Pest ist eine äußerst gefährliche, epidemisch bzw. endemisch (räumlich begrenzt) auftretenden Seuche, die heute noch vielfach in Indien, in der Mongolei, in Südchina, Ägypten, Brasilien, u. s. w. auftritt. Durch den Überseeschiffsverkehr erklärt sich das allerdings seltene Vorkommen der Pest in europäischen Hafenstädten.

Die Ansteckungsquellen sind der pestkranke Mensch und die pestinfizierte Ratte (Schiffsratte). Bei der Übertragung der Pest auf die Menschen spielt der Rattenfloh eine große Rolle. Die Infektion erfolgt durch eine Hautwunde, bisweilen aber auch durch die unverletzte Haut.

Die Drüsen-, Bubonen- oder Beulenpest zeigt sich durch Fieber, Schüttelfrost, gänseeiergroße schmerzhafte Schwellung der Lymphdrüsen und Benommenheit. Manchmal gehen auch mit diesen Erscheinungen Hand in Hand Delirien (Verwirrtheit, Halluzinationen). Der Ausgang ist sehr oft tödlich. Drüsenpest bildet etwa 90 % aller Pestfälle.

Bei der Lungenpest entwickelt sich unter den Allgemeinerscheinungen einige Tage später das Bild einer schweren doppelseitigen Lungenentzündung. Sie ist fast stets tödlich, ist aber die seltenste Pestform.

Nun aber zurück zu unseren Kirchenbüchern. Sie geben uns über die Pestfälle in unserer Heimat ziemlich ausführlich Auskunft.

22. Juli 1713: Adam Tadler, Jüngling und Maurer aus Immenschlag, kehrte nach 3 Wochen in sein Haus zurück. Gott weiß, ob er aus angesteckten Orten gekommen ist. Er starb plötzlich, ohne alle Sakramente und wurde auf Geheiß des hochwürdigsten Herrn Dechant in seinem Garten am 23. Juli begraben, ungefähr 20 Jahre alt.

21. August: Halter in Ruders, der den oben erwähnten Adam Tadler begrub, starb in Ruders und wurde ohne mein Wissen von der Schwester Halterin im Walde begraben. Die Halterin, ein Mädchen, soll gestorben und von der Mutter im eigenen Haus begraben worden sein. Die Mutter aber wurde durch 7 Wochen im verschlossenen Haus gehalten; sie wurde wieder gesund entlassen.

10. September: Es starb in Ruders Ursula Sabina Tanglin aus Gastern, im Dienste zu Ruders. Auf Weisung des Leopold Hartmann wurde sie außerhalb des Ortes begraben.

13. September: Es starb im gleichen Hause zu Ruders Eva, des Jakob Jonas und seiner Gattin Maria, die eheliche Tochter aus Ruders, an der Pest, Gott weiß es. Sie wurde auf Geheiß des Leopold Hartmann außerhalb des Ortes begraben.

Diese Sterbedaten zusammenfassend, lässt sich nun genau der Verlauf der Pest in der Pfarre verfolgen.

Ein Maurer aus Immenschlag war im Sommer des Jahres 1713 nach 3-wöchiger Abwesenheit nach Hause zurückgekehrt. Er war auf Arbeit gewesen und hatte die Pest mitgebracht. Sein plötzlicher Tod veranlasste den Dechant zu der Anordnung, dass die Leiche am nächsten Tag sofort im Garten vergraben werde. Wahrscheinlich hatte man rechtzeitig die Todesursache erkannt. Die Bestattung musste - wer sonst - der Halter von Ruders vornehmen, wurde aber selbst mit der Pest angesteckt und starb. Seine Schwester verscharrte ihm im Wald, wurde aber auch von der Seuche befallen, starb und wurde von ihrer Mutter gleich im eigenen Haus begraben. Aus hygienischen Gründen, um einer Seuchenausbreitung vorzubeugen, musste die Mutter der Halterschwester in Quarantäne gehen, 7 Wochen lang. Zwei weitere Pestleichen wurden auf Befehl des Leopold Hartmann außerhalb des Ortes beerdigt.

Eine unglaubwürdige Sage erzählt aus der Pestzeit, dass nach einer Epidemie ein altes Weib übrig blieb, das sich im Walde in einem hohlen Baume während der kritischen Zeit verborgen gehalten hatte und so der Ansteckung entging. Die Unwahrscheinlichkeit dieser Sage lässt sich unschwer bei einem Vergleich mit einer Legende aus Klein Zwettl feststellen. Während eines Krieges soll nämlich das gesamte Dorf Klein Zwettl mit Ausnahme einer Scheune niedergebrannt worden sein. Außer einem alten Weiblein, das sich unter einer Brücke verborgen hatte, sollen alle Einwohner getötet worden sein.

Die Einwohner des Ortes Ruders betrachteten es anscheinend als Fügung Gottes, dass die furchtbare Pest nicht mehr Unheil angerichtet hatte und stifteten aus Dankbarkeit ein Marterl, das heute noch als Pestmarterl bekannt ist. Es steht dort, wo der am Nordwestrand des Dorfes entlang laufende Feldweg bei der Straßengabelung Eggern - Heidenreichstein in die Straße einmündet. Es ist nicht prunkvoll wie eine Pestsäule in den Städten, sondern einfach und schlicht; so wie es die bescheidenen Mittel armer Bauern und Weber eben erlaubte.

Das Halterhaus in Ruders war übrigens Haus Nr. 13, das früher der Gemeinde gehörte und sich jetzt im Privatbesitz befindet.

Pestmarterl in Ruders - um 1950
Pestmarterl in Ruders - um 1950

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