Die Entwicklung von Grundherrschaft und bäuerlicher Gemeinde im Waldviertel im Überblick

Vor allem in der Wachau und im Horner Becken haben sich Kulturreste altsteinzeitlicher Jäger erhalten, deren älteste etwa 60 000 Jahre alt sein dürften. Die bekanntesten Fundplätze sind die Gudenushöhle bei Hartenstein im Kremstal, die Teufelslucken bei Roggendorf und Willendorf in der Wachau ("Venus von Willendorf" im Naturhistorischen Museum, Wien). Spuren jungsteinzeitlicher Bauernvölker, die sich erstmals in unserem Gebiet mit Ackerbau, Viehzucht, Weberei und Töpferei beschäftigten, lassen sich in den fruchtbaren Lößgebieten am Ost- und Südrand des Waldviertels bis in das 5. Jahrtausend v. Chr. zurückverfolgen. In den folgenden Jahrtausenden der Bronze- und der Eisenzeit und der Herrschaft des Römischen Reiches, dessen Nordgrenze seit dem Jahr 15 v. Chr. die Donau bildete, dürfte sich die Bevölkerung des Waldviertels nur geringfügig verdichtet haben. In der Völkerwanderungszeit entstanden vereinzelt germanische und slawische Siedlungsinseln an den Rändern der Wälder und an den Flussläufen. Seit dem 9. Jahrhundert erhielten die bayrischen Bistümer und Klöster unter anderem in der Wachau und am Kamp durch Königsschenkungen reichen Besitz, den sie durch Eigenleute (Ackerbauern und Weinhauer) bewirtschaften ließen. Im 9. Jahrhundert lag das Waldviertel im Spannungsfeld zweier staatlicher Machtzentren: des sogenannten Großmährischen Reiches und des Karolingerreiches. Das archäologisch gut erforschte Zentrum der slawischen Siedlung im Kampgebiet, die riesige Wallburg auf der "Schanze" bei Thunau, wurde um die Mitte des 11. Jahrhunderts (nach dem Bericht der Annalen des Klosters Niederaltaich, der sich höchstwahrscheinlich auf die genannte befestigte Siedlung bezieht, im Jahr 1041) vom babenbergischen Markgrafen erobert und zerstört. Die in unmittelbarer Nähe kampaufwärts, auf der gegenüberliegenden Seite des Hirschbachs, errichtete Babenbergerburg Gars wurde dann einer der Stützpunkte für die Kolonisation des Waldviertels.

Eine intensive Besiedlung des inneren Waldviertels setzte erst mit dem Landesausbau seit dem ausgehenden 11. Jahrhundert ein. Als Zentren der Kolonisation wurden von bedeutenden Adelsgeschlechtern und von landesfürstlichen Ministerialen am Rand der großen Wälder die Waldviertler Klöster gegründet: 1138 Zwettl, 1144 Altenburg, um 1150/55 Geras und Pernegg. Unter den weltlichen Mittelpunkten der Rodungsgebiete sind in erster Linie die Herrschaftszentren der klostergründenden Grafen- und Ministerialengeschlechter zu nennen, also die Burgen der Grafen von Poigen-Rebgau ("Poigreich"), der Grafen von Pernegg und die Kuenringerburgen von Zwettl und Weitra ("districtus Zwetlensis" und "districtus Witrensis"). Dazu kommen neben anderen die Grafen von Raabs und an geistlichen Herrschaften die bayrischen Hochstifte (Passau, Regensburg, Freising, Salzburg) und die Klöster im Altsiedelland (etwa Niederaltaich, Göttweig und St. Florian). Die entscheidende Erweiterung des Siedlungslandes im Waldviertel erfolgte durch die nach Norden und Westen vordringenden Rodungswellen des 12. Jahrhunderts, die von Bauern getragen wurden, die unter der Herrschaft insbesondere der genannten weltlichen und geistlichen Grundherren standen. Mit den Worten von Otto Brunner (1937):

"Zum erstenmal fällt hier im Norden der Donau ein großes Waldland durch die rodende Axt deutscher Bauern unter der Leitung adeliger und geistlicher Grundherrn, wird das Siedelland über einen Raum, den schon die Bauernvölker der jüngeren Steinzeit besetzt hatten, entscheidend erweitert. Es ist die grundlegende geschichtliche Tat, die im Mittelpunkt jeder Geschichte des Waldviertels zu stehen hat; von ihr künden keine lauten Worte der zeitgenössischen Geschichtsschreiber, nicht einmal die Urkunden sprechen allzu viel von ihr. Sie ist das stumme und harte Werk bäuerlicher Fäuste, darum aber nicht minder groß als manche Tat, die stärker ins Gedächtnis der Menschen drang. Das Waldviertel ist Rodungsland. Das hat seinen Charakter, die Eigenart seines Menschenschlages von Anfang an bestimmt."

Die von der Forschung so genannte "jüngere" Grundherrschaft, für die im Unterschied zum Villikationssystem (villicatio = der Fronhof mit seinen Ländereien; villicus = Meier) nicht mehr von unfreien Eigenleuten bewirtschaftete Herrenhöfe, sondern Abgaben leistende, selbständig wirtschaftende Bauern typisch sind, dürfte sich zuerst in den hochmittelalterlichen Rodungsgebieten durchgesetzt haben. Einer der Gründe dafür war sicherlich, daß die Grundherren, um für Rodungsunternehmen Leute zu gewinnen, diesen persönliche Freiheit und materielle Anreize bieten mußten. Die charakteristische Form des hochmittelalterlichen Rodungsdorfes ist das Angerdorf, dessen Ökonomie nur funktionieren konnte, wenn sich alle Bauern an bestimmte Regeln hielten. Der wegen der Gemengelage der Äcker- und Wiesenparzellen (Dreifelderwirtschaft!) notwendige Flurzwang regelte insbesondere den gemeinsamen Beginn der Feldarbeiten und die gemeinsame Viehweide auf dem Anger und auf dem Brachfeld. Nicht zuletzt wirtschaftliche Gründe waren es daher, die gleichzeitig mit der Entstehung der "jüngeren" Grundherrschaft die Bildung der bäuerlichen Gemeinde begünstigten. "Aus der Dorfgenossenschaft (der ursprünglichen Siedlung) wird die Dorfgemeinde." Die bäuerliche Gemeinde entwickelte sich in unserem Raum "getragen und gefördert" von der Grundherrschaft, die spätestens im 13. Jahrhundert die alten, in Eigenregie betriebenen Höfe weitgehend zerschlug, in von selbständigen Bauern bewirtschaftetes Hufenland umwandelte und gegen Entrichtung eines Grundzinses an Bauern ausgab (Stichworte: Auflösung der Fronhofsverfassung, Ausbreitung der Rentengrundherrschaft, "Verdorfung"). Vor allem der eigentliche Grundzins ("Dienst") bestand in einer Geldabgabe bzw. wurde in Geld abgelöst, die Kleindienste (für die Küche des Grundherrn) zu den Hochfesten Weihnachten, Ostern und Pfingsten sowie im Fasching wurden meist weiterhin als Naturalabgaben geleistet (Eier, Hühner, Käse, Mohn). Die bedeutendste Naturalabgabe der Bauern (nicht an den Grundherrn, sondern an den oder die jeweiligen Zehentherren) blieb aber weiterhin der Zehent, die Ablieferung eines Zehntels der Ernte aller Feldfrüchte.

Die bäuerlichen Besitzeinheiten wurden, wie es scheint, besonders im Rodungsgebiet als "Lehen" bezeichnet. Im Zuge des Bevölkerungswachstums bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts wurden sie oft weiter unterteilt (Halblehen, Viertellehen). Schon der Begriff "Lehen" weist auf eine Verbesserung der bäuerlichen Rechtsstellung hin. Ähnlich wie (zunächst in Westeuropa) seit dem 9., vor allem aber seit dem 11. Jahrhundert im Lehenswesen die Entwicklung zu einer Verdinglichung (das heißt Entpersönlichung) der Lehens- und Vasallenbindungen führte, brachte die Verbreitung der Rentengrundherrschaft eine tendenzielle Verdinglichung der Beziehungen zwischen Grundherren und bäuerlichen Holden mit sich. Es kam, im Lehenswesen wie im Bereich der Grundherrschaft, zu einer Aufsplitterung des Eigentumsrechtes. Die Rezeption des römischen Eigentumsbegriff durch die sogenannten Glossatoren im 12. und 13. Jahrhundert entpersönlichte die germanische Vorstellung von der Teilbarkeit der Gewere an Liegenschaften und ermöglichte es, daß "dominium" zu einem Begriff werden konnte, der nur dingliche Gewalt über Sachen meint. (Vor allem da Grundherrschaft so gut wie immer auch mit Gerichtsrechten verbunden war, behielt sie aber bis zu ihrem Ende im Jahr 1848 stets auch eine persönliche Komponente!) Im 13. Jahrhundert entwickelte sich - im Lehenswesen ebenso wie im grundherrschaftlichen Bereich - die Lehre vom geteilten dominium (Eigentum). Dem Lehensherrn bzw. dem Grundherrn blieb das dominium directum (Obereigentum), der Vasall bzw. der bäuerliche Holde erwarb das dominium utile (Unter- bzw. Nutzungseigentum).

Bäuerliche Gemeinde und ("jüngere") Grundherrschaft waren von Beginn an aufeinander bezogen, sie bildeten gewissermaßen zwei Seiten derselben Medaille. Idealtypisch handelte es sich, wie besonders Otto Brunner in seinem klassischen Buch "Land und Herrschaft" deutlich gemacht hat, um ein gegenseitigem Treueverhältnis: Der Herr schuldete seinen Untertanen "Schutz und Schirm" (vor allem in Gericht und Fehde), diese waren ihm zur Leistung von "Rat und Hilfe" verpflichtet (vor allem Steuer, Robot und Reise, das heißt Kriegsdienst).

Im späten 13. und in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, nach dem Ende des hochmittelalterlichen Landesausbaus, führte die bei stetigem Bevölkerungswachstum zunehmende Landverknappung zu einer tendenziellen Verschlechterung der bäuerlichen Position gegenüber den Grundherren. Es scheint zu einer allmählichen Verschärfung der bäuerlichen Abhängigkeit gekommen zu sein. Die Landverknappung führte auf dem Wege über die Teilung von Bauernstellen und die Anlage von Kleinhäuslerstellen zu einer zunehmenden sozialen Differenzierung im Dorf. Die unter anderem infolge der verstärkten Konkurrenz der Bauern um den nun (abgesehen von den Spätrodungsgebieten des 16. bis 18. Jahrhunderts) nicht mehr durch Rodung vermehrbaren Boden entstehenden neuen sozialen Unterschiede rührten nun nicht mehr von der unterschiedlichen persönlichen Rechtsstellung her, sondern von der Besitzgröße (Ganzlehner, Halblehner etc.; Hofstätter; Kleinhäusler) und der Leiheform (Freistift: jederzeit bzw. jährlich kündbar; Leibgeding: auf Lebenszeit des Bauern, seiner Frau oder seiner Kinder verliehen; Erbrecht und Kaufrecht; am günstigsten für die Bauern war das aus dem städtischen Bereich stammende Burgrecht).

In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts dürfte es infolge der Bevölkerungsverluste durch die Pest zu einer neuerlichen Verbesserung der bäuerlichen Rechtsstellung gekommen sein: In dieser Zeit erreichen in Niederösterreich die Burgrechtsnennungen die größte Verbreitung. Dieser Trend wurde durch die kriegerischen Ereignisse des 15. Jahrhunderts, die andererseits natürlich schwere Belastungen der Bauern zur Folge hatten, noch verstärkt (Hussitenkriege, Fehdewesen, Kriege zwischen den habsburgischen Brüdern Friedrich III. und Leopold VI.). Der Adel (insbesondere der Kleinadel) erlebte im Spätmittelalter eine schwere Krise. Die Kaufkraft der Feudalrente sank kontinuierlich, ein Prozess, der durch den Rückgang der Getreidepreise noch verschärft wurde. Dazu kam die durch das Aufkommen der Söldnerheere und der Artillerie ausgelöste militärische Krise des Rittertums. In der Folge setzte ein Konzentrationsprozess des adeligen Besitzes ein, den viele der verschuldeten kleinen Rentengrundherrschaften nicht überlebten. Die großen geistlichen Grundherrschaften überstanden die Krise - nicht zuletzt wegen ihrer Einkünfte aus dem Weinzehent und aus Eigenbetrieben, v. a. Meierhöfen - viel besser. Die dem Konzentrationsprozess standhaltenden Grundherren trachteten nach einer Steigerung ihrer Renten und ihrer Machtstellung durch Einführung neuer Abgaben und Herrschaftsrechte ("An- und Ableit" oder "Freigeld" - eine Abgabe bei jedem Besitzwechsel -, Mühlen- und Tavernenzwang) sowie durch eine Konzentration der herrschaftlichen Rechte (Erwerb von mit dein Dorfgericht verbundenen Ortsobrigkeiten; Landgerichtsbarkeit mit dem Blutbann; Fischerei- und Jagdrecht; Kirchenpatronat; Verleihung des Marktrechtes an untertänige Orte besonders im 15. Jahrhundert; Burgfriedensverleihungen; Streben nach Standeserhöhung).

Nicht zuletzt der Bevölkerungsanstieg um 1500 ermöglichte es den Grundherren, die Bauern "wieder verstärkt unter Druck zu setzen". Gleichzeitig machten die Kriege und Adelsfehden des späten Mittelalters und die Türkenkriege des 16. und 17. Jahrhunderts offenbar, daß der Schutz der Grundherrschaft ihren Untertanen gegenüber völlig versagte. Seit dem 15. und 16. Jahrhundert ist es der entstehende moderne Staat, der von den Bauern in zunehmendem Maße Steuern und Kriegsdienst fordert. Damit in engstem Zusammenhang steht die Institutionalisierung des Landtags (um 1400) als Forum, wo der Landesfürst über seine diesbezüglichen Forderungen mit den Landständen - also v. a. den weltlichen und geistlichen Grundherren - verhandelt bzw. verhandeln lässt. Der angedeutete Legitimationsverlust der Grundherren erfolgte parallel zu einer wachsenden Kommerzialisierung der Grundherrschaft, die eine Verschärfung des feudalen Druckes zur Folge hatte. Wegen der aufgrund des neuerlichen Bevölkerungswachstums wieder steigenden Agrarpreise reaktivierten viele Grundherren ihre landwirtschaftlichen Eigenbetriebe (Meierhöfe). Darüber hinaus errichteten sie neue gewerbliche Herrschaftsbetriebe wie Brauhäuser, Mühlen, Sägen, Hammerschmieden, Glashütten, Ziegeleien und Papiermühlen. Im oberen Waldviertel wurde die planmäßige Teichwirtschaft zu einer wichtigen Einnahmequelle mancher Herrschaften. Eine große Belastung für die Untertanen wurden die herrschaftlichen Schafhöfe, da die Schafherden häufig auf die dörflichen Weideflächen aufgetrieben wurden, was zu erbitterten Konflikten führen konnte. Als Folge der Ausweitung des herrschaftlichen Eigenbetriebs erhöhten die Grundherrschaften gegen den im Bauernkrieg Ende des 16. Jahrhunderts kulminierenden Widerstand der Untertanen die Robotpflicht und führten den Waisendienst (Zwangsarbeit der Waisenkinder für die als Obervormund fungierende Grundherrschaft), den Zwangsgesindedienst der Untertanenkinder, ein Vormietrecht für Arbeitskräfte (Dienstboten und Taglöhner) sowie verschiedene herrschaftliche Monopole ein (Anfeilzwang, Mühlenbann, Tavernenbann), durch die die Grundherren unter Ausschaltung des Marktes auf Kosten ihrer Untertanen Monopolgewinne realisieren konnten.

Die im Spätmittelalter einsetzende Zusammenfassung kleiner zu größeren Herrschaften und Gütern setzte sich im 16. und 17. Jahrhundert fort. Auch die Waldviertler Klostergrundherrschaften waren seit dem späten Mittelalter bestrebt, ihre Besitzungen zu arrondieren. Die schwere Krise der Klöster im 16. Jahrhundert (Schrumpfung der Konvente!) hatte zwar auch materielle Ursachen - v. a. die exzessive Heranziehung des Kirchenguts zur Finanzierung der Türkenkriege (insbesondere die sogenannte Quart von 1529 = Steuer des vierten Teiles geistlicher Güter in Niederösterreich), war aber in erster Linie eine Folge der Reformation. Erst nach der Mitte des 17. Jahrhunderts erholten sich die Klöster ökonomisch und spirituell wieder. Der Höhepunkt der "Aufsaugung der kleinen Rittergüter durch die großen Herrschaften der Herren und auch der Klöster" fiel in das 17. Jahrhundert. Die erwähnte Kommerzialisierung (das heißt Marktorientierung) der Waldviertler Grundherrschaften erreichte allerdings - verglichen mit den großen böhmischen und mährischen Gutsherrschaften - nur recht bescheidene Ausmaße, vor allem, da sich das Waldviertel bekanntlich naturräumlich nicht für die Marktproduktion von Getreide in großem Stil eignet.

Wolf Helmhard von Hohberg, der 1612 auf Schloß Lengenfeld geborene, 1688 im Exil in Regensburg gestorbene protestantische Landadelige, der von 1641 bis 1660 als kleiner Grundherr auf seinen Waldviertler Gütern Süßenbach und Oberthumeritz lebte, verherrlichte noch 1682 in seinen berühmten "Georgiea curiosa" das Ideal des patriarchalischen adeligen Hausvaters. Für den standhaften Protestanten, der zwar 1659 in den österreichischen Freiherrnstand erhoben und kurz darauf in den Herrenstand des niederösterreichischen Landtags aufgenommen wurde, der aber - als Protestant - zeitlebens kein Hof- oder Staatsamt bekleiden konnte, überlebte das Ideal die Realität (sofern sie überhaupt je so existiert hat, wie es Hohberg in seiner adelig-bäuerlichen Utopie schildert). Die Angehörigen der nach der Schlacht am Weißen Berg (1620) personell stark veränderten Hocharistokratie hingegen zogen etwa seit der Mitte des 17. Jahrhunderts in ihre Wiener Stadtpalais, um am Kaiserhof nicht nur an rauschenden Festen, Opern- und Theateraufführungen teilzunehmen, sondern vor allem, um persönlich miteinander um alle wichtigen Posten am Hof selbst sowie in Kirche, Verwaltung, Diplomatie und Heer konkurrieren zu können. Ihre Herrschaften und Untertanen überließen sie mit ausführlichen Instruktionen versehenen und zu regelmäßigem Bericht nach Wien verpflichteten Verwaltern und Amtleuten. Nur zur Jagd im Herbst verlegten sie die Repräsentationstätigkeit auf ihre Landschlösser.

Zum Verständnis der inneren Aushöhlung und des Niedergangs der Grundherrschaft, die besonders seit der Einrichtung der Kreisämter (1753, für das Waldviertel mit Sitz in Krems) immer mehr zu einem ausführenden Organ des Staates wurde, ist es notwendig, auf die Entwicklung des Verhältnisses zwischen den Ständen (insbesondere dem Adel) und dem Landesfürsten (das heißt dem absolutistischen Staat der Habsburger) einzugehen.

Für unseren Zusammenhang ist von großer Bedeutung, daß die "militärische Revolution" des 16. und 17. Jahrhunderts mit dem Aufkommen der Söldnerheere, der wachsenden Bedeutung der kostspieligen Artillerie etc., höhere Massensteuern notwendig machte und in der Folge zu einem sich allmählich verschärfenden Kampf des Staates und der Grundherren um das Mehrprodukt der Untertanen führte. Nicht nur das staatliche Steuermonopol, sondern auch das Gewaltmonopol läßt sich letzten Endes aus dieser Entwicklung erklären. Zur Erhaltung der "Kontributionsfähigkeit" der Hintersassen des Adels, der Kirchen und Klöster griff der Staat regelnd in das Verhältnis zwischen Grundherren und Untertanen ein. Das führte tendenziell zu einer "Verrechtlichung der sozialen Konflikte". Andererseits beendeten die Söldnerheere den exklusiven Kriegerstatus der Adeligen, die somit ihrerseits bei Auseinandersetzungen mit ihren Untertanen die landesfürstlichen Behörden und Machtinstrumente zu Hilfe rufen und ihre Entscheidungen anerkennen mußten. Die Monopolisierung legitimer Gewaltanwendung durch den frühneuzeitlichen Staat hatte zur Folge, daß der Adel als intermediäre Gewalt (Stichwort "Schutz und Schirm" der Untertanen!) zunehmend in Frage gestellt wurde bzw. daß die Schutzfunktion der Grundherrschaft allenfalls auf den Rechtsbeistand bei Rechtsstreiten der eigenen Untertanen mit anderen Grundherren oder auch mit den staatlichen Steuerbehörden reduziert wurde. Seit dem 16. Jahrhundert erlitten die Grundherrschaften daher, wie bereits erwähnt, einen wachsenden Legitimationsverlust.

Dennoch war der habsburgische Absolutismus nicht nur im Königreich Ungarn, sondern auch in den böhmischen und österreichischen Ländern lange Zeit etwas sehr Relatives (verglichen etwa mit der Machtfülle des Königs von Frankreich). Die politische Macht des Adels wurde zwar gebrochen bzw. eingeschränkt, die Stände und Landtage wurden aber nicht abgeschafft. Die "Untertanen" waren weiterhin Untertanen ihrer Grundherren und nicht des Staates. Zumindest bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts war für sie die Belastung durch die "Herrschaften" weit drückender als jene durch den Staat.

Erst der nach den Kriegen um Schlesien und nach dem "Österreichischen Erbfolgekrieg" im Jahr 1749 gefaßte Beschluß, den Friedensstand der Armee auf 108.000 Mann zu erhöhen, machte die Abzweigung eines größeren Teiles der Wertschöpfung des Landes durch den Staat unumgänglich. Die von Graf Haugwitz, dem von Maria Theresia weitgehend freie Hand gelassen wurde, nach dem Vorbild Preußens geschaffenen staatlichen Mittel- und Unterbehörden führten zur Vollendung des absolutistischen Staates in der "Monarchia Austriaca". Insbesondere die neugeschaffenen Kreisämter verlängerten den Arm der Staatsgewalt bis zu den Untertanen, die erst nun jederzeit erreicht werden konnten, "ohne die Vermittlung der Stände in Anspruch nehmen zu müssen". In den Jahren und Jahrzehnten nach der Staatsreform von 1749 schoben sich die staatlichen Behörden so energisch zwischen Untertanen und Grundherren, daß uns die Mitte des 18. Jahrhunderts geradezu als Epochengrenze erscheint. Diese Behauptung wird durch einen Blick auf die Entwicklung der Steuern bestätigt (siehe Tabelle): Von 1748 auf 1749 haben sich die von den niederösterreichischen Ständen bewilligten und großteils auf die Untertanen überwälzten Steuern mehr als verdoppelt, während sie in den 200 Jahren davor, was die Kaufkraft betrifft, nur relativ wenig dramatischen Schwankungen unterlegen waren.

Tabelle: Von den niederösterreichischen Ständen jährlich bewilligte und zum Großteil auf die Untertanen überwälzte direkte Steuern, von der Mitte des 16. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts
in Gulden umgerechnet in Ochsen (zu Wiener Preisen)
um 1550 ca 161.000 fl ca. 17.100 Ochsen
1650 - 1660 ca. 332.500 fl ca. 13.500 Ochsen
1691 - 1700 ca. 804.000 fl ca. 16.400 Ochsen
1714 - 1724 ca. 600.000 fl ca. 14.400 Ochsen
1739 - 1748 ca. 900.000 fl ca. 22.500 Ochsen
1749 - 1750 ca. 2.000.000 fl ca. 60.000 Ochsen

(Bei der Höhe von rund 2 Millionen Gulden blieb es bis zum sogenannten Grundsteuer- Provisorium von 1820, weiches die Steuerlast neuerlich beträchtlich erhöhte.)

Die langfristige und seit der Mitte des 18. Jahrhunderts rasche Verschiebung im Verhältnis von Staatssteuern und Leistungen an die Grundherren zugunsten der Steuern sei, soweit es die Quellenlage erlaubt, am Beispiel der Pfarrherrschaft Altpölla und der Herrschaft Gföhl demonstriert (Abb. 1 bis 3).

Zu Abb. 1 ist zu bemerken, daß in der Berechnung einerseits der Zehent, die Naturalrobot und die unregelmäßigen Zahlungen (das heißt vor allem die Besitzwechselabgaben) an die Grund- bzw. Zehentherrschaft, andererseits die außerordentlichen und die indirekten Steuern nicht berücksichtigt sind. Alles in allem dürften aber die Zahlungen der Untertanen der Pfarre Altpölla an den Staat nicht nur relativ gewachsen sein, sondern im 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Leistungen an die Grundherrschaft auch absolut überstiegen haben.

Abb.1
Abb. 1: Die Untertanen der Pfarrherrschaft Altpölla zwischen Staat und Grundherrschaft. Das Verhältnis von direkten ordentlichen Steuern einerseits, Gelddiensten und Robotgeld andererseits am Beispiel eines Ganzlehners (1633 bis 1833)

 

Abb.2
Abb. 2: Die Holzhacker bzw. Waldbauern im Gföhleramt zwischen Staat und Grundherrschaft. Das Verhältnis der regelmäßigen Zahlungen an den Staat ("Kontribution") und an die Grundherrschaft ("Herrenforderung") im 18 Jahrhundert (nicht berücksichtigt: Naturalrobot, Zehent und unregelmäßige Zahlungen - also Besitzwechselgebühren und ähnliches - an die Grundherrschaft)

Die Holzhacker im Gföhlerwald zahlten bis zur großen Steuerreform Mitte des 18. Jahrhunderts abgesehen von Kopfsteuern, die in unregelmäßigen Abständen ausgeschrieben wurden, überhaupt keine landesfürstlichen Steuern; der Gföhlerwald mit seinen Bewohnern war gewissermaßen steuerimmun. Erst 1749/50 gelang es einer Deputation der niederösterreichischen Stände im Zuge der allgemeinen Steuerrektifikation, die 414 Holzhackerhütten mit einer landesfürstlichen Kontribution zu belegen: Die Deputierten zogen kurzerhand einen großen Teil der bisher an die Grundherrschaft gezahlten Abgaben in das ständische Obereinnehmeramt ein. Während die rund 60 Waldhüttler im Gföhleramt (dem größten der Waldämter der Herrschaft Gföhl) 1749 noch ihre gesamten Geldabgaben an die Grundherrschaft entrichteten, waren es 40 Jahre später nur noch 30,7 Prozent; mehr als zwei Drittel gingen nun an den Staat. Rechnet man allerdings auch den Zehent und die veränderlichen, nicht jährlich wiederkehrenden Abgaben an die Herrschaft

Abb.3
Abb. 3: Die Holzhacker bzw. Waldbauern im Gföhleramt zwischen Staat und Grundherrschaft. Das Verhältnis von direkten Steuern ("Kontribution") einerseits, Geld- und Naturalienleistungen an den Grundherrn ("Herrenforderung", Zehent aliquoter Teil der unregelmäßigen Zahlungen) andererseits im l8. Jahrhundert (nicht berücksichtigt ist die Naturalrobot)

hinzu, so zeigt sich, daß noch Ende des 18. Jahrhunderts die Grundherrschaft für die Waldbauern die größere Belastung darstellte: 1789 gingen die Abgaben der Untertanen zu rund 61 % an den Grundherrn und nur zu etwa 39 % an den Staat - und das, obwohl die Naturalrobot, deren Wert sehr schwer in Geld umzurechnen ist, in unseren Berechnungen nicht berücksichtigt ist (Abb. 3). (Die Werte für das Jahr 1773 in den Abbildungen 2 und 3 sind insofern irreführend, als die Waldhüttler damals Naturalrobot leisten mußten und daher kein Robotgeld zahlten. In Wirklichkeit waren gerade damals für sie die Leistungen an den Staat angesichts der exzessiven Holzfuhrrobot, zu der sie Franz Wenzel Graf von Sinzendorf zu zwingen versuchte, nur von untergeordneter Bedeutung.)
Ergänzend sei darauf hingewiesen, daß das Steigen der indirekten Steuern (also der Getränke-, Salz-, Tabak- und anderen Verbrauchssteuern) die "säkulare" Bewegung in der Struktur der bäuerlichen Abgaben - weg vom Grundherrn, hin zum Staat - noch zusätzlich verstärkte. Während die indirekten Steuern und Abgaben 1754 erst 41 % der Staatseinnahmen der Habsburgermonarchie ausmachten, waren es 1792 bereits mehr als 56 %.

Die Grundherrschaften (bzw. die Herrschaftsbeamten) vereinigten noch im Vormärz eine Fülle von Machtmitteln in ihren Händen, doch wurde nun von der herrschenden juristischen Lehre die Auffassung vertreten, daß alle obrigkeitlichen Rechte "Majestätsrechte" seien, die den Grundherrschaften "nur übertragen" seien. Carl Beidtel, ein liberaler Kritiker des vormärzlichen Systems, faßte die "arbiträre Gewalt der herrschaftlichen Beamten über ihre Dorfschaften" kurz vor der Revolution von 1848 folgendermaßen zusammen: "Der herrschaftliche Beamte bestimmt, wer Soldat sein soll; er bestimmt den Zeitpunct, den Ort und die Gattung der Frohnarbeit, fordert nach Willkür zu seinen Amtstagen, verweigert die Darleihung von Waisen- und Stiftungsgeldern und giebt sie zu; er bestimmt, was der Grundbesitzer bedarf, um seinen Verpflichtungen an Staat, Herrschaft und Gemeinde gewachsen zu sein, vertheilt Vorspann und Einquartirung, verleiht Gewerbs- und Krämerbefugnisse, verhaftet und setzt in Freiheit; er schreibt endlich Sitten- und Verrnögenszeugnisse. Er schätzt die Gründe, ist Obervormund, Curator der Dorfgemeinden, Richter, Grundbuchsführer, spricht zuletzt auch über die Erbfolge u.sw. u.s.w." Die Grundherrschaft war aber seit der Mitte des 18. Jahrhunderts und endgültig unter dem bürokratisch-autoritären Regime von Kaiser Franz II. und des Fürsten Metternich immer mehr zu einem Befehlsempfänger und ausführenden Organ des Staates geworden. Die Herrschaftsbeamten wurden mit staatlichen Aufträgen und Anordnungen (vor allein in Form von Kreisamtszirkularen) förmlich bombardiert. Somit läßt sich, mit den Worten Otto Brunners, konstatieren, daß die Grundherrschaft im Vormärz bereits "innerlich abgestorben" war. Trotz immer noch beträchtlicher außerökonomischer Machtpositionen der Grundherren beseitigte die Grundentlastung von 1848 "nur noch eine ihres ursprünglichen Sinnes entleerte (... ) Einrichtung". In der Folge wurden Verwaltung und Justiz auch auf der untersten Ebene endgültig verstaatlicht.

Zum Schluß dieses strukturgeschichtlichen Überblicks seien noch einige Hinweise auf die Entwicklung der bäuerlichen Gemeinden in den Jahrhunderten der Neuzeit nachgetragen. Heide Wunder teilt die Geschichte der bäuerlichen Gemeinden in der Zeit des Feudalismus treffend in eine Ära der "Herrschaft mit Bauern" bis zum 16. Jahrhundert und in eine Ära der "Herrschaft über Bauern" vorn 16. bis zum 18. Jahrhundert ein. Vor allem im 17. Jahrhundert beseitigten die Grundherren jede aktive Beteiligung der Untertanen an der Rechtsprechung. Die Taidinge verloren, sofern sie überhaupt noch abgehalten wurden, ihren Charakter als Gerichtsversammlungen und wurden zu von seiten der Herrschaft dominierten Versammlungen zur Wahl der Dorfrichter und zur Anhörung von Beschwerden. Die Justizpflege wurde in die Herrschaftskanzlei verlegt und von herrschaftlichen Beamten ausgeübt. Die Landrichter urteilten seit 1656 einheitlich aufgrund der Landgerichtsordnung Ferdinands III., seit 1803 nach dem neuen Strafgesetzbuch.

Die bäuerliche Gemeinde war aber, das sei noch einmal betont, schon von Anfang an keine selbstbestimmte Form bäuerlichen Zusammenlebens. Sie ist vielmehr "ganz entscheidend von ihrem Gegenpol, von Herrschaft und deren Interessen geprägt worden" . Andererseits übten die Gemeinden auch im 17. und 18. Jahrhundert noch selbständig gewisse Herrschaftsrechte aus. In Fragen des Flurzwangs, der Nutzung des Gemeinschaftsbesitzes (Allmende, Dorfbrunnen etc.), der Ordnung und Friedenswahrung in Dorf und Flur besaß die Genossenschaft der "Nachbarn", vertreten durch die Funktionäre der Gemeinde (Richter und Geschworene), eine Ahndungs- und Zwangsgewalt. Der Dorfrichter konnte (bis zu einer bestimmten Höhe) Strafgelder einheben. Meist verfügte er gemeinsam mit den Geschworenen über das Strafinstrument des "Stockes", der üblicherweise im Haus des Richters stand. (Der "Stock" oder "Block" war eine hölzerne, scherenartige Vorrichtung mit Löchern, in weiche die Füße des sitzenden Gefangenen gesteckt wurden; die Hände konnten manchmal mit Eisenmanschetten an der Oberseite des Blocks fixiert werden.) Die Dorfrichter und Geschworenen waren aber nicht nur die ausführenden Organe der genossenschaftlichen "Selbstverwaltung" der Gemeinden, sondern zugleich Verwaltungs- und Polizeiorgane der Dorfobrigkeit. Der Dorfrichter übte die Polizeigewalt im Dorf nicht aus eigener Machtvollkommenheit, sondern im Auftrag und in Vertretung seines Herrn (bzw. des obersten Herrschaftsbeamten) aus. Die Richter waren auch für die Eintreibung der feudalen Abgaben und der landesfürstlichen Steuern zuständig, ebenso für das "Ansagen" der Robot und für die Übermittlung herrschaftlicher Befehle an die Untertanen.

Mit der bereits erwähnten Zunahme der wirtschaftlichen und sozialen Unterschiede innerhalb des Dorfes seit dem 14. Jahrhundert war die Gemeinde ein "exklusiver Verband", ja ein Herrschaftsinstrument in den Händen der eigentlichen Bauern geworden. Nach Ansätzen in josephinischer Zeit (Katastralgemeinden!) wurde mit dem Ende der Grundherrschaft 1848 "der seinem Ursprung nach spezifisch bäuerlich geprägte Personenverband ,Gemeinde' ( ... ) endgültig zur ländlichen Einwohnergemeinde". Aufgrund des Wahlrechts (Kuriensystem!) dominierten in den Gemeindevertretungen freilich bis 1918 weiterhin die Bauern.

up.gif (223 Byte)