Geschichte Niederösterreichs von der deutschen Besiedlung bis zum Aussterben der Babenberger

Vom Landesarchivar Dr. Karl Lechner
 

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Niederösterreich. zerfällt siedlungsgeschichtlich in drei Hauptgebiete: Alpen und Alpenvorland, das Waldland des Waldviertels und der so genannte "pannonische Vorhof", die beiden Viertel unter dem Wienerwald und unter dem Manhartsberg. Das Zusammenwachsen zum "Land" als politischer Einheit gemeinsamen Rechtes und zur geschichtlichen deutschen Landschaft, als einem kulturellen, rechtsgeschichtlichen und geopolitischen Begriff aufzuzeigen, ist Aufgabe des Vortrages.

Uni 400 n. Chr. wurde die Donaugrenze, die eine provinzialrömische Mischbevölkerung von vorgelagerten, germanischen Klientelstaaten schied, überrannt und so das Gebiet zu einem Durchzugslande gemacht. Der Anstoß zu großen Völkerbewegungen war von Osten erfolgt. Zu den bereits früher auf niederösterreichischem Boden schalten Quaden und Vandalen kamen nun andere germanische Völker, die Rugier (danach "Rugiland"!), Heruler und Langobarden, so das also unser Land schon lange Glied einer germanischen Einheit war, bevor dann, am Anfang des 6. Jh., die B a i w a r e n (Bajuvaren) (sie sind vor kurzem bereits für das dritte Jahrhundert belegt gefunden worden!), aus Bojo-hämum, Böhmen, über den Nordwald stiegen und in die bairische Hochebene einwanderten, wo sie sich um 530 zwischen Lech und Enns niederließen, bald darauf aber sogar über die Enns rückten. Damit war die entscheidende Grundlage gelegt für den Volkstumscharakter unseres Landes! Erkenntnis über diese Siedlung schöpfen wir vor allem aus der N a m e n f o r s c h u n g. So werden etwa ältere vordeutsche Namen direkt in deutschen Mund übernommen, z. B. Traisen, Erlauf, Kamp etc. Ferner sprechen gewisse Endungen dafür, vor allem jene auf - ing; sie zeigt eine verwandtschaftliche oder soziale Zugehörigkeit an und wird bis in das g. Jh. gebraucht (besonders gehäuft im Viertel ober dem Wienerwald, im Pöggstaller Bezirk und um Wien). Daneben kommen Formen auf - hofen, - heim, - hausen, - kirchen vor (die Bildung aus Personennamen ist älter als solche mit Appellativa, z. B. Sieghartskirchen, gegenüber Weißenkirchen!); erst dann folgt die Endung auf -dorf, die auch noch in späterer Zeit gebräuchlich ist. Ein zweites Erkenntnis-

 

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mittel ist die S i e d 1 u u g s p 1 a n f o r s c h u n g (inklusive Flurforschung). Hier stehen die unregelmäßigen haufendorfähnlichen Formen als älteste obenan. Es handelt sich dabei meist um kleinräumige, weilerartige Orte. Auch die unregelmäßige Fluranlage (Blocklage), spricht für hohes Alter (6. und 7. Jahrhundert). Wir treffen diese Formen südlich der Donau im Westen des Landes bis zur Melk. Oestlich davon, besonders um St. Pölten und im Pielachtal, aber auch im Pöggstaller Bezirk und am unteren Kamp folgen schon regelmäßigere Formen (straßendorfähnlich) und Gewannlage der Felder. Statt des freigestellten Vierseithofes findet sich der zur Straße gekehrte Zwei- oder Dreiseithof. Im Hauptkern kann diese Siedlung noch in das 8. Jahrhundert, gesetzt werden. Die Baiern hatten sich bald über die Enns erstreckt bis zur Traisen, ja sie sind zeitweise bis zum Wienerwald gekommen und auch nördlich der Donau drangen sie vor.

Aber inzwischen war vom Osten her eine andere Macht erstanden. Die Awaren stießen vom Ural nach Westen. vor; wenngleich sie auch erst im 8. Jh, auf dem Boden Niederösterreichs Dauersiedlungen errichteten (kleine Befestigungen, nicht die sagenhaften riesigen "Ringe"!), so waren in ihrem Gefolge, und teils von ihnen getrieben, die Slaven bereits in der zweiten Hälfte und am Ende des 6. Jh. in die Alpentäler eingedrungen, bis zur Donau vorgestoßen und sie erstreckten sich nun bis zur Melk hin (der Flussname bedeutet "Grenzbach"), später zeitweise aber auch über die Ybbs. Im 7. Jh. sind sie auch nördlich der Donau in den Seitentälern aufwärts in das Waldland eingedrungen. Erst später, im 8. und 9. Jh., sind ihnen vom Norden, von Böhmen her die Nordslaven entgegen gekommen, so dass sich gerade im Waldviertel eine Mischung ergab. Die slavischen Siedlungen sind schütter fast über das ganze Land hin verbreitet, vorwiegend in kleinen offenen Landschaften angelegt, Rodung wird gewöhnlich gemieden. Sie sind klein und unregelmäßig und besonders entlang der Flüsse zu verfolgen. Neben ihnen aber haben sich von Anfang an ältere germanische Reste erhalten, und waren vor allem immer wieder Baiern nachgeströmt, so dass es zu einem friedlichen Nebeneinandersitzen beider Völkerschaften kam. Die Baiern sind jedenfalls an der Wende des 7. und 8. Jh. bis zum Wienerwald und in das Waldviertel vorgestoßen. Wieder zeigen uns Ortsnamen, wie Kamp, Krems, Thaya, Loiben etc., dass sie schon vor 750, bzw. 800 in deutschen Mund übernommen wurden. So kann also gar keine Rede sein, dass erst "karolingische Kolonisation" die Grundlage für den deutschen Volkstumscharakter unseres Landes geschaffen habe. Freilich reicht die Kraft nicht aus, auch den "pannonischen Vorhof", also das Land jenseits des Wienerwaldes und gar das nordöstliche Viertel des Landes stärker zu beeinflussen. Dorthin erstreckt sich vielmehr im 7. Jh. das slawische Reich des Samo.

Wohl aber setzte in dem durch die deutsche Besiedlung aufgeschlossenen Land die kirchliche Mission mit Erfolg

 

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ein. Bayrische Kirche (Mittelpunkt Salzburg) und bayrisches Herzogshaus hatten ihr Verdienst daran. Besonders genannt seien hier die bayrischen Klöster Kremsmünster, das bereits im Jahre 777 nördlich St. Pölten reichen Besitz gewonnen hatte, und Tegernsee, auf das wohl doch die Gründung einer klösterlichen Zelle in St. Pölten in der zweiten Hälfte des 8. Jh. zurückgeht. Die durch Bonifazius geschaffene bayrische Kirchenorganisation hatte auch für unser Gebiet (vom Bischofssitz Salzburg her!) Bedeutung.

Im Jahre 778 erfolgte der Sturz des bayrischen Herzogs Tassilo, Bayern wurde dem fränkischen Reiche einverleibt, jedoch als eigenes Rechtsgebiet erhalten. Der fränkische König übernahm nun die Aufgabe des bayrischen Herzogs. Die Awaren wurden besiegt und über die Fischa zurückgetrieben (791-797). Es war zugleich die erste gemeinsame Unternehmung aller deutschen Stämme! Nun folgte die Organisierung dieses Ostlandes. Es zerfiel in drei Verwaltungsbezirke, die "provincia Avarorum" (von der Enns bis zum Wienerwald), Oberpannonien (bis zur Raab), Unterpaonnien und Karantanien (bis zur Drau und hinüber bis zum "Frankengebirge", der Fruska gora). Auch die kirchliche Organisation in diesem Lande folgte nach, Salzburg wurde 798 zum Erzbistum erhoben, Passau war sein Suffraganbistum. Jetzt erfolgten in steigendem Maße neue und große Schenkungen an geistliche und weltliche Grundherren, die in Hinkunft immer wieder bestätigt wurden. So finden wir die bayrischen Hochstifter Salzburg, Passau, Regensburg, Freising, (besonders nördlich der Donau!), Eichstätt und die Klöster Niederaltaich, Tegernsee, St. Emmeram, Metten, Sankt Peter, Mondsee, Kremsmünster, Herrieden. Daneben weltliche Grundberren, besonders bayrische Grafengeschlechter, voran die Gau- und Grenzgrafen in diesem Gebiet. Der Siedlungsausbau schreitet rasch fort. Schon finden sich frühe Straßendörfer, vor allem aber ist es die Kirchensiedlung (Kirche als Wehrbau in Höhenlage!), die von etwa 800 bis 1000 das Landschaftsbild beherrscht. Weit hinein in das Burgenland und bis zum Plattensee wird diese deutsche Siedlung vorgetragen. Dort entsteht auch ein slavisches tributäres Fürstentum. Ja selbst das großmährische Reich der Moimiriden wird zeitweise in eine gewisse Abhängigkeit gebracht.

Aber im Innern des fränkischen Reiches entstehen Zwistigkeiten und so können die Errungenschaften nicht dauernd gegen Ost und Nord behauptet werden. Dort bilden sich eben jetzt zwei neue Großreiche. In Böhmen jenes der Premysliden, das die Einigung der tschechischen Fürstentümer durchgeführt hatte, und in Ungarn jenes der Arpaden. Die vom Osten kommenden Magyaren (881 bei Wenia - Wien zuerst genannt!) hatten, 907 den bayrischen Heerbann vernichtet und das Land bis zur Enns hin besetzt. Freilich aber hatten sie keine dauernde Vernichtung des kulturellen Lebens bewirkt, ebenso wenig wie sie die alten Grundbesitzverhältnisse erschüttert hatten. Erst recht

 

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hatte jetzt der bairische Stamm seine Hauptaufgabe im Osten zugewiesen.

Im Westen hatte sich inzwischen das deutsche Reich gestaltet, unter einem von allen Stämmen gewählten deutschen König. Das böhmische Reich wurde zu einer gewissen Abhängigkeit gebracht, wenngleich dadurch die Spannung nicht aufgehoben worden war. Ebenso wurden die Ungarn geschlagen und zur Sesshaftigkeit gezwungen, damit vor allem auch Nord- und Südslaven für immer getrennt. Jene wurden christianisiert und in ein loses Verhältnis zum deutschen Reich gesetzt. Freilich blieb die dauernde Gefahr für die Reichsgrenze bestehen. Ja zunächst kam es zur, Einbuße deutscher Siedlung im Burgenland.

Däs Gebiet im deutschen Südosten wurde nun von neuem organisiert und hier auf unserem Boden die bayrische Ostmark errichtet, die im Jahre 976 dem Geschlecht der mainfränkischen Babenberger unterstellt wurde. Sie hatten freilich zunächst keine große Machtstellung im Lande. Schon vor ihrem Eintrit war dieses zum großen Teil in der Hand zahlreicher, anderer Grund- und Gerichtsherren aufgeteilt. Die alten geistlichen Grundherren des 8. Jh. sind wieder nachgewiesen, dazu kamen einige neue, besonders das Hochstift Bamberg. Von den weltlichen Geschlechtern waren es vielfach Nachfolger und Verwandte, alter karolingischer Grafengeschlechter, allen voran die bayrischen Grafen von Ebersberg (um München-Freising!) und die Chiemgauer (Siegharde), endlich bayrisch-sächsische Geschlechter. Die Babenberger selbst waren hingegen nur mit geringeren Schenkungen bedacht, besonders im Westen der beiden östlichen Landesviertel.

Denn das war nun die entscheidende Aufgabe für die Zukunft: die Gewinnung und endgültige Sicherung dieser beiden Landesviertel r das deutsche Reich. Im Norden wurde in schweren Kämpfen des deutschen Königs und des Ostmarkgrafen gegen Boleslav Chrobry und später gegen Böhmen das Weinviertel gewonnen und für die Besiedlung erschlossen. Aber auch hier sind es durchaus andere Geschlechter, so wieder die Ebersberger, die Markgrafen von Cham, die Wels-Lambacher, die Sieghardinger u. a. An der Pulkau wird in der Mitte des 11. Jh. eine "böhmische Mark" errichtet, die bis zur Thaya reicht und die Versippten der Ebersberger übertragen wird. Aehnlich war es im Osten, wo zunächst gegen die Ungarn die Markgrenze bis 7,ur Fischa zurückverlegt, dann aber bis zur Leitha und früher schon zur March vorgeschoben wurde. Dort wird nun eine ungarische Mark ("Neumark") errichtet und den Sieghardingern unterstellt, die auch zum Rhein Beziehungen hatten. Doch wurden bald darauf auch diese Gebiete mit der alten bayrischen Ostmark vereinigt. Um 1060/70 war die heutige Grenze auf der ganzen Linie überschritten und deutsche Besiedlung drang nun weit hinein nach Mähren. Von den Geschlechtern, die hier sitzen (Naderiche, Cham - Vohburger, Burghausen - Peilsteiner, Poigener, Burggrafen von Regensburg, Plain -

 

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Hardegger) gehen manche auch Verbindungen mit den mährischen TeiIfürsteri ein.

Jetzt war nun auch die Möglichkeit gegeben, in großem Schwung das letzte Viertel, das Waldviertel., in das, ja bereits vom Süden her eingedrungen worden war, auch vom Osten her aufzuschließen (von der Hornerbucht, dem Eggenburger Becken und der Hochfläche von Weitersfeld-Drosendorf-Raabs). Hier erfolgte nun ausgesprochene Rodung, eine neue Siedlungstype wird gefunden, das Angerdorf, das besonders in den beiden nördlichen Landesvierteln weitest verbreitet ist. Auch die Ortsnamengebung wird nun wieder bereichert. Neben die  Endungen auf - dorf treten jene auf -bach, die bereits ein Eindringen in das Waldland anzeigen. Bei vermehrter Rodetätigkeit gegen Ende des 11. Jh. (vereinzelt auch schon früher) kommen in großem Maße nun die elliptischen Ortsnamen auf, die aus dem Genetiv eines Personennamens gebildet sind und bei denen, meist für kleinräumige Orte verwendet, im engen nachbarlichen Verkehr der allmählich Abfall des Bestimmungsworteseintritt, (z.B. Bernhards aus Bernhardsdorf, Otten aus Ottendorf, bzw. Anderen Bestimmungsworten, etc.,) Sie sind nicht nur im Waldviertel, sondern auch in den anderen drei Vierteln zu finden. Endlich kommen echte, Rodungsnamen auf, zuerst auf - brand, -gschwendt etc., dann um 1100 auf -reuth, und um 1130 auf - schlag. So wird also rasch auch das letzte Viertel aufgeschlossen, das Waldviertel; auch hier wird bald die mährische Grenze, später auch, die böhmische Grenze überrschritten und schon 1160/70 ist die deutsche Besiedlung weit hinein nach Böhmen (über Bistritz hinaus gegen Neuhaus) vorgedrungen.

Eine gründliche Siedlungsgeschichte wird erst ermöglicht durch die in immer größerer Vervollkommnung begriffene besitzgeschichtlich-genealogische Forschung, bei der aus der Besitzabfolge und Aufteilung von größeren Gutskomplexen in verschiedensten Gegenden unter bestimmte Geschlechter auf eine ehemalige Zusammengehörigkeit und einheitliche Besitzung durch ältere Geschlechter geschlossen werden kann. Dazu kommen Schlüsse aus der Übertragung gewisser Ortsnamen (so z. B. in der Umgebung von Wien aus dem Chiemgau), aus der Verwendung der gleichen Kirchenpatrozinien durch bestimmte Familien, endlich Schlüsse aus dem Siedlungsplan, nicht aber etwa aus dem sogenannten "fränkischen Haus", oder der ui-Mundart, die für eine einseitige stammesmäßige Herleitung gar nichts besagen. So gelingt es also, gewisse Muttergebiete im bayrischen Altland für die Mark herauszustellen, so etwa für das Herzstück der Mark das Gebiet zwischen Pielach und Perschling, enge Beziehungen zu Niederbayern, zur Gegend um Freising-München, zum Salzburg- und, Inngau, zum bayrischen Nordgau und zur Oberpfalz.

Von hier aus ergibt sich auch die Beziehung zu den Gemeinschaftsverbänden, zu den rechtlichen und territorialen Einheiten, in denen sich die Besiedlung vollzieht. Es sind be-

 

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stimmte Hoheitsbezirke, die sich herausheben lassen, Grafschaften und grafschaftsähnliche Bezirke, mit Hoheitsrechten ausgestattete (besonders Gerichtshoheit bzw. Befestigungsrecht und Wildbann im neu ewonnenen Waldland), die. vielfach unabhängig vom Markgrafen sind und sich als exterritoriale Bereiche erhalten. Die Mark ist nicht ein einheitliches  Hoheitsgebiet, wenngleich sich auch ein gemeinsames Landesrecht durchsetzte. Als Inhaber dieser Bezirke finden wir verschiedene Grafengeschlechter ans Bayern, die aber meist ebenso auch in Franken,. in Sachsen und Westfalen und am Rhein gebieten (so sind z. B. die Grafen von Raabs zugleich Grafen von Nürnberg und dadurch übrigens auch Ahnherren der Hohenzollern). Freilich die Holden, die sie ins Neuland berufen, sind gewöhnlich aus den nächstgelegenen Gütern genommen.

Die babenbergischen Markgrafen selbst erstarken erst allmählich durch Familienverbindung mit diesen Geschlechtern, so sind sie mit bayrischen und sächsischen Prinzessinnen verbunden. Durch Heirat, bzw. Erbschaft, besonders beim Aussterben solcher Geschlechter, fällt ihnen viel Gut im Lande zu. Andererseits nützen sie auch die politische Situation. So lehnten sie sich begreiflicherweise ursprünglich eng an die Reichsgewalt an, besonders Ernst, der "Markgraf der Bayern", wie er genannt wird, an Heinrich IV., für den er kämpfend auch in Sachsen fiel († 1075). Das Erstarken und Werden der Mark ist überhaupt nur aus der Ostpolitik der deutschen Kaiser zu verstehen. Im Vortragen des Reichsbodens gegen Osten, zum Teil noch gegen die Heiden, wuchs auch der Markboden. Diese Ostpolitik der deutschen Kaiser aber erfährt andererseits ihre tiefste Begründung aus der sakralen Würde des Kaisertums, in der Verbindung mit Rom; der deutsche König ist dabei zugleich der Herrscher der oberitalienischen Tiefebene und Friauls. Der Sohn Ernsts aber, Leopold II., stellt sich in dem nun beginnenden Kampf zwischen Kaiser und Papsttum (es war zu tiefst ein schicksalhafter Ideengegensatz!), im Investiturstreit, auf die Seite der päpstlichen Partei. Diese war gerade in der Ostmark durch Bischof Altmann von Passau, dem Begründer des Stiftes Göttweig, der auch reichen Eigenbesitz hier hatte, hervorragend vertreten. Aber derhmenherzog fiel in die Mark ein, wo es ja bereits früher Grenzkämpfe gegeben hatte, Leopold wurde geschlagen; vermutlich erlitt er doch auch einen Gebietsverlust an der Thaya.

Sein Sohn nun, Leopold III., nahm eine kluge, überparteiliche Haltung ein zwischen Kaiser und Papst. Er ist von größter Bedeutung für sein Land geworden. Durch seine Heirat mit Agnes, der Schwester des deutschen Kaisers Heinrich V., der Witwe nach dem Staufer Friedrich, war er und seine Familie den Saliern und Staufern verwandt geworden. Er förderte die Kirche in seinem Land, und gewann immer engeren Anschluss an die kirchliche Reformbewegung der südwestdeutschen und rheinischen Klöster. Das Eigenkirchenwesen wurde zurückge-

 

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drängt und eine Pfarrorganisation erstreckte sich über das ganze Land. Eine Reihe von Klostergründungen erfolgte durch ihn oder erstand zu seiner Zeit (Klosterneuburg, Heiligenkreuz, Mariazell im Wienerwald Herzogenburg, Seitenstetten; vorher, im 11. Jh., waren schon Melk, Ardagger, Erla und Göttweig entstanden). Die aufflammende Kreuzzugsbewegung fand auch in seinem Land größten Widerhall. Unter ihm wurde das Land immer besser erschlossen; besonders in den beiden nördlichen Vierteln wurde die Besiedlung immer dichter. Auch ihm fielen reiche Erbgüter zu besonders vermutlich durch eine erste Ehe, aus der sein ältester Sohn Adalbert stammte. Schwestern und Kinder hatte er mit böhmischen und ungarischen Fürsten, bzw. Fürstentöchtern verheiratet und hat so der Umklammerung durch fremdes Volkstum vorgebeugt und deutschen Boden vorgetragen. Im Jahre 1108 hatte zum letzten Mal der deutsche König selbst in diesen Ländern den Kampf gegen die Reichsfeinde gegen Osten aufgenommen, hinfort übernimmt der Markgraf selbständig den Reichsschutz an der Grenze. Bei dieser bedeutenden Stellung konnte sogar der Plan entstehen, ihn nach dem Tode des letzten Saliers zum deutschen König zu wählen. Er schlug dies in richtiger Erkenntnis seiner doch zu geringen Macht aus. Unter seiner langen Regierung (1095-1136) bildete sich allmählich das "Land" Österreich heraus. Am Ende seines Lebens ist die Rede vom "ius terrae" (Landrecht) und von "principatus terrae!" (Fürstliche Herrschaft über das Land).

So konnte unter seinem Sohn und zweiten Nachfolger Heinrich die Mark vom Herzogtum Bayern, unter das bis dahin eine gewisse Unterordnung bestanden hatte, gelöst (Heinrich selbst war vorher schon Herzog von Bayern und Pfalzgraf bei Rhein gewesen) und im Jahre 1156 zum Herzogtum erhoben werden, erblich in männlicher und weiblicher Linie (Privilegium minus). Daneben wurde eine Reihe von selbständigen reichsunmittelbaren Grafschaften und Herrschaften, besonders im Rodungsland des Waldviertels, ..im Vorfeld der Mark gelegen (vor allem die Gebiete der Kuenringer) mit der Mark vereinigt. Freilich gab es auch weiterhin innerhalb des Herzogtums eine Reihe reichsunmittelbarer Bezirke, die teilweise bis in die Neuzeit fortbestanden und die Durchsetzung der Landeshoheit des Herzogs verzögerten. Zu den bekanntesten zählen die Leben des bayrischen Herzogs, Spitz und Wolfstein, und die sogenannten Brandenburger Lehen. Es ist Hauptaufgabe landeskundlicher Forschung diese verschiedenen alten Hobeitsgebiete herauszulösen, weil sie bis heute im kulturellen Leben nachwirken.

Die Durchsetzung einer wirklichen Gerichtsoberhoheit des Herzogs über das ganze Land gelang nicht, ebenso nicht eine allgemeine Obervogtei über Klosterbesitz. Wieder entstanden neue Klöster, Zwettl, Altenburg, Schotten, St. Andrä, Geras, Pernegg, fast alle von anderen Herren und Grafengeschlechtern gegründet. Aber diese Geschlechter starben rasch hintereinander

 

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aus. An ihre Stelle treten die Ministerialen, ursprünglich vielfach Hochfreie, die dann ein "ministerium", ein Amt oder ritterlichen Dienst, beim Herzog übernahmen. Die Grundlage ihrer Macht ist ihr Grundbesitz, vielfach noch freieigener, auf denen auch Hoheitsrechte lagen; andere erwarben sie später zu Lehen. Die bedeutendsten Ministerialen im Lande waren die Kuenringer. Aus den ursprünglichen großen Hoheitsgebieten entwickeln sich dann kleinere Herrschaften. Ihr Mittelpunkt ist Kirche und Burg, meist auch ein Markt. Pfarre und Gerichtssprengel decken sich vielfach. Dazu kommen im 13. Jh. die Städte, vielfach neben älteren Märkten angelegt, ausgesprochene "Ackerbürgerstädte," Sie werden, oft zusammen mit einigen Märkten und Dörfern, Mittelpunkt einer "ökonomischen Landschaft". Das Bauerntum ist im 12. und 13. Jh. in ausgesprochen günstiger wirtschaftlicher sozialer Lage und erlebt eine niemals mehr erreichte Blüte.

Während mit Ungarn, im allgemeinen ein leidliches Verhältnis herrscht, so gibt es mit Böhmen immer wieder Kämpfe. Die Rivalität im Reich und wiederholte Grenzkämpfe führen im Jahre 1175/1176 zum Einfall der Böhmen in Niederösterreich und im Jahre 1179 zu einer kaiserlichen Festlegung der Grenze, die allerdings einen Erfolg des österreichischen Herzogs darstellte. Vorbereitet war dieser Erfolg durch die gewaltige Kolonisationstätigkeit der Kuenringer, die wirklich Schrittmacher der babenbergischen Landeshoheit waren. Mit Leopold VI. (gest. 1230) erreicht das babenbergische Herzogsgeschlecht seine größte Macht. Schon vorher war die Steiermark angefallen, später kam Krain dazu. Unter ihm wurde bereits der Versuch einer Loslösung von Passau und der Begründung eines eigenen Landesbistums gemacht, freilich vergeblich. Seine Tochter Margarethe hatte er mit dem Sohn des deutschen Kaisers Friedrich II., Heinrich, vermählt. Aber sein Nachfolger, der stets streitbare Friedrich, geriet nicht nur wieder in schweren Gegensatz zu Böhmen, sondern auch zu seinen eigenen Dienstmannen Damals waren die Kuenringer die Anführer der widerstrebenden Ministerialen. Nicht um "Raubritter" handelt es sich, sie waren rechtmäßige Inhaber von Territorial- und Hoheitsrechten (besonders in der Wachau!) und verteidigten diese gegen unberechtigte Eingriffe. Die heimische Geschichtskunde soll ihnen endlich einmal Gerechtigkeit widerfahren lassen! Vor allem aber widersetzte sich der Herzog der Reichsgewalt; von dieser wurde Wien damals reichsunmittelbar erklärt. Aber der Herzog söhnte sich mit dem Kaiser aus und jetzt war eine enge Verbindung des babenbergischen Südosten mit dem staufischen Südwesten in Aussicht genommen. Eine Nichte des kinderlosen Babenbergers sollte dem deutschen Kaiser Friedrich vermählt und Österreich dafür zum Königtum erhoben werden. (Damals entstand eine Verunechtung des Privilegium minus!) Aber der Plan zerschlug sich.

 

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Kurze Zeit darauf (1246) fiel Herzog Friedrich, der letzte seines Geschlechtes, im Kampf gegen die Ungarn an der Leitha. Das Geschlecht der Reichswächter im deutschen Südosten war erloschen, die Länder verwaist. Was wird ihre Zukunft sein? Der deutsche Kaiser selbst bemühte sich um sie. Aber das alte Reich und das staufische Kaisertum bricht gerade jetzt gleichfalls zusammen. Von Böhmen her, durch den ehrgeizigen Ottokar, wird die Verbindung dieser Länder und die Krone selbst angestrebt. Aber er zog den Kürzeren. Der neu gewählte deutsche König Rudolf von Habsburg macht die Lande hier im Südosten zur Grundlage seiner Hausmacht und seines Königtums. Nach wie vor bleiben diese Länder Glieder des deutschen Reiches, Glieder am deutschen Volks- und Kulturboden. Und nach wie vor bleibt ihre Sendung: Markland-Sein im deutschen Südosten. Die deutsche Aufgabe ist ihre primäre. Erst nach einem Vierteljahrhundert sollte daneben auch eine europäische treten.

Allgemeine Literatur. Max Vancsa, Geschichte Nieder- und Oberösterreichs, 2 Bände, 1905 und 1927. - Karl Lechner, Besiedlung und Volkstum der österr. Länder. (In J. Nadler - H. v. Srbik, Österreich, Erbe und Sendung im deutschen Raum, Salzburg 1936). - "Das Waldviertel" Bd. VII. (darin bes. die Arbeiten von K. Lechner, A. Klaar, H. Weigl und 0. Brunner) 1937. - A. Klaar, Die Siedlungsformen Niederösterreichs (im ."Jahrbuch f. Landeskunde von Niederösterreich", 1930). - Die Publikationen des Vereins für Landeskunde und Heimatschutz von Niederösterreich und Wien. ("Blätter", "Monatsblatt", "Unsere Heimat", "Jahrbuch", "Topographie", "Heimatkunde" etc)). Sekretariat: Wien, I., Herrengasse 13.