Geschichte von Eggern (Auszug)

von Stephan Biedermann

 

- 9 -

1. Zur Siedlungsgeschichte.

In der Geschichte der Grafschaft Raabs-Litschau und ihrem Zerfall ist auch das Werden und Schicksal des Dorfes Eggern schon durch seine Lage am Reinberg (Grenzberg) mitbestimmt, wie der Höhenrücken seit jeher genannt wird, der von der Grenze her das Gebiet der Thaya hinter Kautzen-Gastern-Pfaffenschlag abschließt und die Wasserscheide zwischen Thaya-Donau und Lainsitz-Elbe bildet. Es ist begreiflich, daß dem deutschen Reiche ein solches Grenzgebiet, zu dem von Süden bei Fortsetzung der Kamptallinie die wichtige, bereits in vorgeschichtlicher Zeit als Völkerverkehrsweg bedeutenden Böhmstraße führt, strategisch und hinsichtlich Verkehr und Wirtschaft wichtig genug war, daß es, unter einem eigenen Geschlechte in unermüdlicher Rodungsarbeit erschlossen, über die erste Mark hinauswuchs und eine vom Markgrafen fast unabhängige Stellung einnahm und sie noch lange bewahrte, als durch das Privilegium minus 1156 eine Vereinigung mit der Ostmark schon vorgesehen war.

Bischof Altmann von Passau (1065 - 1091) hat um 1070 seiner Lieblingsstiftung Göttweig auch die Zehente von Pernegg gegeben und sein Nachfolger Bischof Ullrich (1092 - 1121) gab sie mit den Zehenten von Raabs und eventuellen Neurodungen auf diesem Herrschaftsgebiete an seine Stiftung St. Georgen a. d. Donau (1244 wegen Wassergefahren nach Herzogenburg verlegt). Diese Zehentstrecke geht mit Kautzen, Engelbrechts bis an den Reinberg 1).

Im Jahre 1100 hören wir von Gottfried, Burgherrn auf Raabs (Rakouz), der in den Kämpfen des böhmischen Herzogshauses und seiner mährischen Verwandten anfänglich auf Seiten der letzteren stand 2). Es wurde ihm aber übel gelohnt und er selbst von seiner Burg vertrieben. Darauf wendete sich Gottfried an den böhmischen Herzog Bretislaw (dessen Bruder hatte um die gleiche Zeit eine Schwester Markgraf Leopold des Heiligen geheiratet, eine andere Schwester war mit dem mährischen Teilfürsten und Usurpator von Raabs Luitold vermählt!), der in Wranov (Frain) sein Lager aufgeschlagen hatte, um Hilfe. Die Burg Raabs wurde wieder erobert und dem rechtmäßigen Besitzer Gottfried zurückgegeben 3). Raabs war noch ein Zwischenglied zwischen der Ostmark und Böhmen, gehörte aber in kirchlicher Hinsicht schon zu Passau, das seine bischöflichen Rechte durch Jahrhunderte bis Neuhaus in Böhmen beanspruchte 4).

_______________

1) Dr. Karl Lechner, Das Waldviertel, 1937, VII. Bd., S. 53.
2) Dr. Karl Lechner, Das Waldviertel, VII. Bd., S. 57 und Anmerkung 5.
3) Dr. Karl Lechner, Das Waldviertel, VII. Bd., S. 57 und Anmerkung 5.
4) P. Koller, Unbekanntes Passauer Urgut in der Ostmark, S. 6. Noch 1501 geschieht die Stiftung des Paulaner-Klosters bei Neubistritz mit Zustimmung des Passauer Bischofes (Propstei-Archiv Eisgarn). 1630 schreibt der Dechant Mitz von Waidhofen a. d. Thaya : Die Pfarren Altstadt, Vistritz, Landstein und Münichschlag finde er in seinem Register, gehören jedoch nach Neuhaus in Böhmen. (Geschichtliche Beilagen, X. Bd., S. 344). Die Stadt Neuhaus hat die Statue St.. Hippolyt auf der Dreifaltigkeitssäule als Stadtpatron, eine alte Verbindung mit dem St. Hippolyt-Kloster a. d. Traisen = St. Pölten.

 

- 10 -

5 Jahre nach diesem Vorfall (1105) finden wir Gottfried und Konrad von Raabs als Burggrafen von Nürnberg erwähnt, schon 1125 aber urkundlich "Konrad und Gottfried von Nürnberg", ferner 1151 und 1158 Konrad von Raabs und Gottfried von Nürnberg nebeneinander genannt, 1175 aber Konrad als "Ragossensis et Nurenbergensis" bezeichnet 1). Es ist wohl. kein Zweifel, daß wir es vom Anfang an mit dem gleichen Geschlechte zu tun haben, das sowohl die Grafschaft Raabs und die Burggrafschaft Nürnberg inne hatte! Die erste urkundliche Erwähnung eines Herren von Raabs findet sich 1144 2). Aber schon um 1130 wird der erste Abt von Garsten, der selige Berthold, ein Verwalter der Edlen von Raabs genannt. Berthold war Mönch und Prior im Benediktiner-Kloster St. Blasien im Schwarzwalde, wurde 1100 als Prior nach Göttweig berufen und 1111 von den Mönchen des Klosters Garsten bei Steyr, einer Tochterstiftung von Göttweig, als erster Abt erwählt 3). Daher verstehen wir die Schenkung eines großen Waldgebietes durch Konrad von Raabs 1150 an das Kloster Garsten vom Besitz, den seine Voreltern durch königliche Verfügung erhalten hatten 4). Um 1160 erfolgte eine weitere Waldschenkung an Garsten durch Konrad von Raabs, dem Sohn des Vorigen, und seiner Gemahlin Hildegard, worauf eine Siedlung von 30 Hufen und 1 Maierhof errichtet wurde 5). Wieder nach etwa 20 Jahren (um 1177) hören wir ausdrücklich von den zwei Dörfern zu Rakiz (= Grafschaft Raabs), deren eines Münichreith (Müncherode, bei Raabs-Karlstein) vom Vater an Garsten gegeben war, während das zweite Gastern "ad Garstensess" "zu den Garstnern" genannt wird 6). 1177 und 1182 verzichten Herzog Leopold V. und sein cognatus (Verwandter) Graf Konrad von Raabs auf das Vogtrecht in diesen beiden Orten Münichreith und Gastern 7). Hier handelt Graf Konrad in Ausübung des Vogtrechtes in seiner Grafschaft, während der Herzog als Vormund des jungen steirischen Markgrafen als Hauptvogt aber das steirische Hauskloster Garsten handelt 8). Der Graf besitzt also auch noch nach 1156, der Einverleibung in die Ostmark, den Blutbann in seiner Grafschaft 9). 1274 hat Premysl Ottokar, der inzwischen die Grafschaft Raabs eingezogen hatte, für die beiden Dörfer Münichreith und Gastern in der Provinz Raabs und Litschau Vogtfreiheit

_______________

1) Dr. Lechner, Das Waldviertel, VII. Bd., S. 57 mit den Belegen.
2) Dr. Lechner, Das Waldviertel, VII. Bd., S. 57 mit den Belegen.
3) Biedermann, Der selige Abt Berthold von Garsten, 1951, St. Pöltner Kirchenblatt Nr. 23.
4) Dr. Karl Lechner, Das Waldviertel, VII. Bd., S. 59, 98 - 99.
5) Dr. Karl Lechner, Das Waldviertel, VII. Bd., S. 59, 98 - 99.
6) Dr. Karl Lechner, Das Waldviertel, VII. Bd., S. 98 - 99.
7) Dr. Karl Lechiier, Die Grafschaft Raabs im Jahrbuch für Landeskunde von Niederösterreich 1928, XXI. Bd., S. 80 - 82.
8) Dr. Karl Lechner, Die Grafschaft Raabs im Jahrbuch für Landeskunde von Niederösterreich 1928, XXI. Bd., S. 80 - 82.
9) Dr. Karl Lechner, Die Grafschaft Raabs im Jahrbuch für Landeskunde von Niederösterreich 1928, XXI. Bd., S. 80 - 82.

 

- 11 -

erklärt: Wen der Abt als Schützer bestimme, der soll nichts fordern, sondern was der Abt ihm gebe, dankend annehmen 1). Noch 100 .Jahre später (1375) verliehen der Abt und Konvent von Garsten frei die Vogtei, für deren Ausübung vom Kloster nur eine gewisse Ehrung gegeben wird 2). Wir sahen oben, wie rasch ein solches den Mönchen übergebenes Waldgebiet aufgeschlossen wurde. (ca. 1150 - 1160). Eine ähnliche Schenkung Graf Konrads des Jüngeren war an das Kloster Zwettl erfolgt, das hier Kolonisten ansiedelte, wonach dieses Münichreith (Arbeit der Mönche durch Rodung mit der Reithaue) den Namen Zwettlaren oder Klein-Zwettl erhielt 4). Der Ort Thaya wird 1175 als ein Hauptort der Graftschaft Raabs genannt; hier gibt Graf Konrad den Johannitern von Mailberg von seinem Besitz an ungerodetem Waldland bis zu 30 Hufen und 1 Maierhof an dem reißenden Strom, der Vistriz heißt 5). Es handelt sich um Münichschlag bei Neu-Bistritz. 1229 hat Heinrich von Zöbing auf sein Vogtrecht aber den Johaniterbesitz in Münichschlag bei seinem Dorfe Vistriz verzichtet!, 6) "Vistriz" bedeutet das gleiche, was die Urkunde von Thaya aus 1175 sagt: Wildbach, wie ja dieses Wasser auf deutschem Boden der Reißbach heißt! Dobersberg am Thaya-Übergange wird stets mit Raabs genannt 7). Über die Ausdehnung und Siedlungsdichte des Raabser Gebietes gibt uns das Zehentregister von St. Georgen- Herzogenburg einen Maßstab, wenn wir auch beachten müssen, daß von 1112 an noch nicht alle später genannten Orte schon bestanden haben! Siegharts, Waldkirchen und Gilgenberg z. B. werden als Zehentämter genannt; Gastern und Zwetlarn, dieses mit Immenschlag, Göttfritz, Arnolz, Eberharts, Pfaffenschlag, Mülwach und Eisenreichs werden in der Folge auch Zehentämter, St. Gilg = St. Ägyd weist auf das häufige Vorkommen dieses Heiligen im Raabser Gebiet hin: Eibenstein, Ludweis, Gilgenberg und hier zu Eggern und Reinberge 8). Wohl wissen wir, daß z. B. Allentsteig schon 1132 von der Mutterpfarre Altpölla losgetrennt wird und eigene Pfarrechte erhält 9), daß bei der Gründung des Stiftes Geras schon die bestehenden Pfarren Drosendorf, Pernegg, die Filialkirchen Ulrichschlag (St. Ulrich. bei Siegharts), Japons, Blumau, Kirchberg, Nondorf, Eibenstein und die Kapelle Ludweis dem Kloster einverleibt wurden. Aber es gab noch viel Waldbesitz, der erst durch Neurodung erschlossen wurde, wie wir bei Gastern sehen und wo gleichzeitig auch Heidenreichstein erst
_______________

1) Dr. Karl Lechner, Jahrbuch für Landeskunde, 1928, 8. 81 - 82.
2) Dr. Karl Lechner, Jahrbuch für Landeskunde, 1928, S. 81 - 82.
3) Dr. Karl Lechner, Das Waldviertel, VII. Bd., S. 99.
4) Dr. Karl Lechner, Das Waldviertel, VII. Bd., S. 99.
5) Dr. Karl Lechner, Das Waldviertel, VII. Bd., S. 99.
6) Mailberger Kopialbuch, Stifts-Archiv Melk, S. 127; Dr. Lechner, Das Waldviertel VII. Bd., S. 99.
7) Dr. Karl Lechner, Das Waldviertel, VII. Bd., S. 99.
8) Dr. Karl Lechner, Das Waldviertel, VII. Bd., S. 99.
9) Biedermann, Altpölla, 1132 - 1932, S. 17.

 

- 12 -

durch die Burggrafen von Gars-Eggenburg, die es als Lehen von den Hirschberg auf Schloß Litschau haben, gegründet wurde und nach Heidenreich, einem Sohne Wolfkers, den Namen hat und die benachbarten Dörfer Altmanns und Pertolds wohl die Namen des Bischofes Altmann und des Abtes Berthold von Garsten verewigen, also in der oberen Gegend erst die Kolonisation im Gange war 1).

_______________

1) Isfried Franz, Geras - Pernegg, 1947, S. 12; Dr. Lechner, Heimatbuch des Bezirkes Horn, S. 279; Biedermann, Der selige Abt Berthold von Garsten, 1951, St. Pöltner Kirchenblatt Nr. 23.

 

Seitenbeginn