J u n g s t e i n z e i t

(N e o 1 i t h i k u m: 6000/5000 - 2300/2200 v. Chr.)

Es ist eine derzeit noch nicht zu beantwortende Frage, ob es zwischen dem Mesolithikum und der ältesten Linearbandkeramik eine keramiklose Stufe des Neolithikums gegeben hat. Gleichgültig ob die Neuerungen der bäuerlichen Grundorientierung auf eine Kolonisierung aus dem Südosten zurückzuführen oder bodenständig sind, so ging diese Entwicklung im 6. Jahrtausend parallel zum postglazialen Klimaoptimum. Der nun sesshaft gewordene Mensch griff gestaltend auf seine Umwelt ein und begann langsam eine Kulturlandschaft zu schaffen. Wälder wurden gerodet, Äcker geschaffen, dörfliche Ansiedlungen mit dauerhaften Häusern gebaut und Pflanzen und Tiere domestiziert. Der Neolithiker ging endgültig von der aneignenden zur produzierenden Wirtschaftsform über. Zum Zuschlagen und Zuschleifen der Feuersteingeräte trat nun das Schleifen, Polieren und Durchbohren von Felsgesteinen hinzu. Die mit freier Hand hergestellten gebrannten Tongefäße ermöglichen durch Material-, Form- und Verzierungsunterschiede eine Unterteilung der Jungsteinzeit in vier Hauptperioden mit charakteristischen Kulturformen (Alt-, Mittel-, Spät- und Endneolithikum).

Dem Altneolithikum entsprechen vier Entwicklungsstufen der Linearbandkeramik (älteste und ältere Stufe der Vornotenkopfkeramik, die Notenkopfkeramik, der Notenkopf-Sárka-Zseliz-Horizont und der Vorlengyelhorizont/ältere Stichbandkeramik); in dieser und der folgenden Periode des Mittelneolithikums waren das östliche Waldviertel und das Weinviertel besonders stark besiedelt. Trotz zahlreicher Fundpunkte liegen derzeit nur wenige einigermaßen gut dokumentierte siedlungskundliche Aufschlüsse vor, so Frauenhofen, Guttenbrunn, Hermbaumgarten ("Tonaltar"), Poigen, Pulkau (zwei parallel nebeneinanderliegende, N-S-orientierte Langhäuser), Thomasl und Würnitz. Durch Luftbildarchäologie konnten mit Grabensystemen umgebene linearbandkeramische Siedlungsareale entdeckt werden, so in Schletz (derzeit Grabungen des Nö. Landesmuseums) und in Weinsteig; auch in Pulkau wurde ein kleiner Abschnitt eines Sohlgrabens angeschnitten. Neben einigen Einzelaufschlüssen von zeitgleichen Gräbern (Würnitz und Schletz) wurden 1987 vom BDA die Untersuchungen des bekannten Bestattungsplatzes in KIeinhadersdorf bei Poysdorf wiederaufgenommen. Hierbei ergab sich, dass die 1931 erschlossene Gruppe nur einen Teil eines ausgedehnteren Friedhofes darstellt. Niederösterreich und Mähren ist ein reiches Fundgebiet für zoomorphe und anthropomorphe Idolkeramik; besonders groß ist die Funddichte um den Manhartsberg. Bei einem Fragment aus Maiersch könnte es sich sogar um die älteste Sitzfigur Mitteleuropas handeln (Thronende in Verbindung mit Sitzmöbel). Daneben sind auch tierische und menschliche Gesichtsdarstellungen auf Gefäßen bekannt geworden.

Im Mittelneolithikum ist im nördlichen Niederösterreich die mährisch-ostösterreichische Gruppe der Bemaltkeramik bzw. der Lengyel-Kultur verbreitet (sie kann in drei Hauptentwicklungsphasen aufgeteilt werden: die 1. Stufe = MOG I mt polychrom bemalten Gefäßen; die 2. Stufe = MOG Ila mit meist bichromen Bemalungen und die 3. Stufe = MOG IIb unbemalt - Typus Wolfsbach, entspricht schon dem Anfang des Jungneolithikums). Parallel zur Bemaltkeramik geht die jüngere Stichbandkeramik. Für die Stufe MOG I wären die Materialien von Friebritz, Hagenberg, Falkenstein-Schanzboden, Langenzersdorf und einige Grubeninhalte von Wetzleinsdorf zu nennen, für die Stufe II jene von Etzmannsdorf bei Straning und Poigen, weiters für die Stufe IIb die Hundeopferstelle von Bernhardsthal. In Wetzleinsdorf kam innerhalb einer Sohlengrabanlage ein rechteckiges Langhaus zutage; am Schanzboden zu Falkenstein wurde bei Grabungen des BDA eine zweiphasige Wallburg in Höhenlage entdeckt (möglicherweise die älteste in Mitteleuropa). Neben den Anlagen mit eher Befestigungs- bzw. Repräsentativcharakter konnten durch die Luftbildarchäologie besonders in Nordniederösterreich zahlreiche Erdwerke mit kreisförmigem Grundriss, 1 - 3 Gräben, Palisaden und Erdbrücken entdeckt werden, denen eher kultische Bedeutung zugebilligt wird. Untersucht wurden bisher ein Rondell von Frauenhofen-Neue Breiten, das noch der älteren Stichbandkeramik angehört; weiters die lengyel-zeitlichen Kreisgräben von Kamegg, Straß im Straßertal und Friebritz. Im Zentrum des Friebritzer Rondells kam bei den Grabungen des BDA auch eine Gräbergruppe aus der Anfangsstufe der Lengyel-Kultur zum Vorschein. Ansonsten traten Gräber nur vereinzelt auf, wobei Körper- und Brandbestattungen nachgewiesen sind: z. B. Eggenburg, Langenzersdorf, Wetzleinsdorf und Kleinhadersdorf. Weiters kamen auch Skelette und Skelettteile, besonders Schädel, in Siedlungsobjekten zutage, so etwa das bekannte Schädelnest von Poigen oder die Deponierung von Langenlois. Zahlreich sind auch die Belege der Idolplastiken, vornehmlich weibliche Statuetten. Ein komplettes mehrfarbig bemaltes Idol stammt vom Schanzboden zu Falkenstein, ein weiteres von Langenzersdorf; Sitzidoltorsi wurden sowohl am Schanzboden wie in Wetzleinsdorf gefunden. Im Manhambergbereich und im Kamptal (Kamegg) sind die Nachweise ebenfalls überdurchschnittlich zahlreich.

Dem Jungneolithikum ist der sogen. Epi-Lengyel-Komplex zuzurechnen, der sowohl aus der vorhergehenden einheimischen Lengyel-Formung wie auch aus neuen südöstlichen Impulsen entstanden ist. Eine Leitform ist der zweihenkelige Becher. Ein Gehöft dieses Zeitabschnittes wurde neulich in der Ziegelei Schleinbach aufgedeckt. Als ältester Beleg einheimischer Kupferindustrie wurden am Bisamberg Gußlöffelfragmente aufgefunden. Kupferobjekte, insbesondere Flachbeile und Hammeräxte, stammen aus dem Verband der folgenden Trichterbecherkultur/Furchenstichkeramik (Typus Retz). Man kann daher von nun an bis zum Beginn der frühen Bronzezeit auch von einer Kupferzeit sprechen. - Den Abschluss des Jungneolithikums bildete die sogen. Badener Kultur, die ihren Namen nach der Königshöhle bei Baden bei Wien erhalten hat; sie zerfällt in eine ältere Boleráz- und eine jüngere Ossarner Phase. Während jedoch der Schwerpunkt der Besiedlung im südlichen Niederösterreich liegt, so sind aus der nördlichen Hälfte nur geringe Belege bekannt geworden (Pleissing, Baierdorf, evtl. auch Obersulz und Hohenau an der March).

Dem Endneolithikum gehört die Laibach-Vučedol-Kultur in Form der Mödling-Zöbing-Gruppe an; besonders am Waldviertelrand finden sich die sonst eher seltenen Höhensiedlungen. Am Rand des Steilabfalles zum Kamptal liegt die namengebende Siedlung am Koglberg bei Zöbing; weiters wäre noch das Schanzriedel im Senftenbergeramt zu nennen. Während die Schnurkeramik in der Ausprägung der späten Herzogenburger Lokalgruppe bislang nur im Unteren Traisental nachgewiesen ist, so sind nördlich der Donau Einzel-, Siedlungs- und Grabfunde der Glockenbecherkultur bekannt geworden. Typisch für die ältere Stufe ist der rottonige, zonal verzierte, glockenförmig geschwungene Becher in der Art der in einem Brandgrab bei Laa an der Thaya geborgenen Exemplare. Im Raum Laa sind sowohl jüngst weitere Grabfunde (Zwingendorf) wie auch Siedlungsfunde (Ruhof) erschlossen worden. Neuere Streufunde wurden auch aus dem westlichen Weinviertel und dem östlichen Waldviertel bekannt gemacht. - Die jüngere Formung, die Ragelsdorf- Oggau-Gruppe, mit der kugeligen Tasse mit zylindrischem Hals und Bandhenkel, stellt bereits die Grundlage für die frühbronzezeitlichen Kulturen dar. Aus dem nördlichen Niederösterreich ist hier eine Reihe von Grabfunden zum Vorschein gekommen, so jene vom namengebenden Fundort Ragelsdorf.