BAUERNWIRTSCHAFT, DORFGEMEINDE UND LANDESAUSBAU IM MITTELALTER

 

1. Das Fronhofsystem (Villikationsverfassung) des Frühmittelalters

Die extensive Landwirtschaft (Waldweide; einfache Feld-Gras-Wirtschaft) mit geringen Erträgen (das Doppelte bis Dreifache der Aussaat) ernährt nur eine geringe Bevölkerung von wenig mehr als zwei Einw./km².

Das winzige „Mehrprodukt“ wird auf den Fronhöfen (Burg und Wirtschaftszentrum unter Leitung von Meiern oder Vögten) in Fronarbeit erzeugt oder als Abgaben gesammelt.

Diese Villikationsverfassung breitete sich im ganzen Karolingerreich aus. Sie ist ein Ergebnis römisch-germanischer Synthese: spätantikes Bodeneigentum und germanische Herrschaft über Personen. 

Das Ergebnis ist die mittelalterliche Grundherrschaft: Nicht Sklaverei, nicht Freiheit.
Patriarchalische Herrschaft über alle Angehörigen der Grundherrschaft als familia.
 

2. Landesausbau

Das hohe Mittelalter (11. bis 13. Jahrhundert) bringt eine einschneidende Veränderung: parallel zur Stadtentstehung einen Quantensprung in der Landwirtschaft und eine bäuerliche Siedlungsbewegung.

Das enorme Bevölkerungswachstum auf mehr als 10 Einw./km² führt zur Erschließung neuer Kulturflächen in Gebirgen, an Küsten und Flüssen, in Randlagen. Die Technische Revolution des Mittelalters, die eher in der breiten Anwendung von Bodenwendepflug und Pferdeanschirrung besteht, schafft die Voraussetzungen.

Wachsende Siedlungsdichte führt zur Verdorfung. Straßendörfer und Waldhufendörfer zeugen von der planmäßigen Anlage geschlossener Siedlungen im Hochmittelalter (Rode-Dörfer, Hagen-Dörfer).

Die Dörfer bebauen die gemeinsame Feldflur in Dreifelderwirtschaft, um die Bodenfruchtbarkeit zu erhalten: Sommergetreide (Hafer, Gerste) wechselt mit Wintergetreide (Roggen, Dinkel) und Brache. Die steigende Getreideerzeugung ernährt so die dichtere Bevölkerung einschließlich der Stadtbewohner (Vergetreidung).

Das Fronhofsystem löst sich auf unter dem Andrang der neuen Freiheiten in Städte und Rodungsgebieten. Die Frondienste werden in Zinsverpflichtungen umgewandelt, die Besitzrechte werden tendenziell erblich, die persönliche Herrschaft verengt sich auf die Gerichtsherrschaft.

Die Dorfgemeinde entsteht aus der Nachbarschaftsgemeinde; unter dem Zwang gemeinsamer Wirtschaftsordnung (Feldordnung); mit Teilen niederer Gerichtsbarkeit. Landgemeinden lehnen sich an das Vorbild der bürgerlichen Stadtgemeinde an, verbleiben aber unter der Grundherrschaft und erreichen im allgemeinen keine Landstandschaft.
 

3. Die Agrarkrise des späten Mittelalters

Der lange Aufschwung bricht Mitte des 14. Jahrhunderts zusammen. Die Seuchenzüge des Schwarzen Todes (Beulenpest) führen zu einem starken Bevölkerungsrückgang.
Die Bevölkerungsverluste führen aber auch zu einer Konzentration der Vermögen durch Erbschaft, zur Vergrößerung der Bauernstellen und zur Verfeinerung der Produktion in Spezialkulturen (Wein, Obst, Farbpflanzen).

Zahlreiche Orte und noch mehr Flurstücke, die während des Landesausbaus unter den Pflug genommen wurden, fallen wieder wüst. Die Wüstungen können auch als Konzentrationsprozesse im Zuge der Verdorfung oder als Korrektur von Fehlsiedlungen gedeutet werden. Der Rückzug des Menschen (von den Höhen der Gebirge, von ungünstigeren Boeden) und der Vormarsch der Natur (Wald) sind jedoch unübersehbar.

Die Wüstungen werden als Zeichen der Agrarkrise gesehen. Die Nachfrage nach Getreide sinkt, Viehzucht und Fleischverzehr nehmen wieder zu, die Agrarpreise im allgemeinen und die Getreidepreise im besonderen fallen langfristig.

Die Preisschere zwischen Agrarprodukten und Gewerbeerzeugnisse entwertet die Einkünfte, die die Herren aus den Abgaben und Frondiensten der Bauern haben. Sie drängen stärker auf Geldabgaben. Das Verhältnis zwischen Bauern und Herren wird angespannter. Bauernaufstände sind die langfristige Folge. 

5. Zusammenfassung

Der Landesausbau des hohen Mittelalters bringt eine gewaltige Ausweitung und Intensivierung der mitteleuropäischen Kulturlandschaft. Er liefert die Grundlage für Bevölkerungsverdichtung und Stadtentwicklung.