Die herrschaftliche Lokalverwaltung und die Selbstverwaltung der Untertanengemeinden

Nur bei kleinen Grundherren, deren geringfügiger Besitz durchwegs in unmittelbarer Nähe des Herrenhauses lag, konnten der Inhaber oder seine dort residierenden Beamten alle Verwaltungsaufgaben selbst lösen. Bei einer größeren Herrschaft war dies nicht möglich, insbesondere dann, wenn es sich um Streubesitz handelte. Wenn in einem Orte, der viele Wegstunden oder sogar Tagreisen vom Herrschaftssitz entfernt lag, eine Schlägerei ausbrach, dann musste sofort Frieden gestiftet und Ruhe und Ordnung wiederhergestellt werden. Man konnte unmöglich warten, bis der Herr oder einer seiner Beamten davon erfuhr und dort erschien, denn sie konnten in vielen Fällen erst am nächsten oder übernächsten Tage kommen. Ebenso musste ein Fremder, der im Jagdgebiet des Herrn wilderte, in seinen Gewässern widerrechtlich fischte, in seinem Burgfried oder dorfobrigkeitlichen Niedergerichtsbezirk strafbare Handlungen verübte oder in seinem Landgerichtsbezirk bei einem Verbrechen ertappt wurde, sofort festgenommen werden. Denn der Herr oder seine Beamten konnten in den meisten Fällen erst Stunden oder Tage später am Tatort erscheinen, wenn der Übeltäter längst entflohen war. Diese Beispiele mögen genügen, um darzulegen, dass es dem Herrn und den am Herrschaftssitz amtierenden Beamten in vielen Fällen nicht möglich war, allen Verwaltungsaufgaben gerecht zu werden. Soweit es bei großen geistlichen oder weltlichen Besitzkomplexen Verwaltungsbezirke gab, die von Berufsbeamten verwaltet wurden, waren sie meist so groß, dass ihre Ausdehnung der einer mittleren Herrschaft entsprach.

Um alle ihre Gerechtsame wirksam wahrnehmen und alle ihre Verpflichtungen zufriedenstellend erfüllen zu können, bedurften die Grundherren in jeder oder fast jeder Ortschaft, wo sie Besitzungen hatten, eines Vertrauensmannes, der ihre Interessen wahrnahm, kleinere Verwaltungsaufgaben und Angelegenheiten, die keinen Aufschub duldeten, erledigte und von den übrigen Vorfällen den Grundherrn oder seinen Verwalter rasch und zuverlässig unterrichtete. Sie konnten aber unmöglich daran denken, in jede dieser Ortschaften einen Berufsbeamten zu denn bei der geringen Einwohnerzahl vieler Dörfer und der oft großen Zersplitterung und Streuung des Besitzes hätte es hierzu eines Beamtenapparates bedurft, der bei großen Herrschaften und geistlichen Besitzkomplexen die Zahl von 30 - 50 Personen wohl erreicht, in einigen Fällen sogar noch überschritten hätte. Die Einnahmen hätten in vielen Fällen kaum ausgereicht, alle diese Männer zu besolden.

Die Grundherren haben dieses Problem in der Weise gelöst, dass sie die Selbstverwaltung der Untertanen förderten und ihren Gemeindefunktionären auch die Wahrnehmung obrigkeitlicher Rechte übertrugen. Diese Männer erhielten hierdurch eine eigenartige Doppelstellung: 

1. Sie waren Beauftragte ihrer Gemeinde und hatten die Pflicht, deren Interessen wahrzunehmen. 
2. Sie waren Amtleute ihres Grundherrn und hatten die ihnen übertragenen herrschaftlich-obrigkeitlichen Aufgaben zu erfüllen.

Diese eigenartige Doppelstellung findet sich auch auf anderen Gebieten der Verwaltungsgeschichte. So war etwa der niederösterreichische Landmarschall und die Landeshauptleute der übrigen Erblande einerseits landesfürstliche Statthalter, andererseits Spitzenorgane der landschaftlich-ständischen Selbstverwaltung.

Die Selbstverwaltung der Untertanen knüpft allenthalben an die Niedergerichtsgemeinden an. Die Mitwirkung am herrschaftlichen Gericht als Rechtsweiser und Urteilsfinder dürfte das ursprünglich wichtigste Recht der Untertanengemeinden gewesen sein. Da es nun grundherrliche, vogteiliche, dorfobrigkeitliche, bergherrliche und vereinzelt auch Forst-, Fischerei- und Wassergerichte gab, haben sich ebenso viele Gattungen von Untertanengemeinden mit Selbstverwaltungsrechten ausgebildet. Trotz der an Art und Umfang sehr verschiedenen Aufgaben ist die Organisation aller dieser Gemeinden im Prinzip gleich. An der Spitze steht jeweils ein Gemeindevorsteher, der im ausgehenden Mittelalter und noch im 16. Jahrhundert meist als Amtmann bezeichnet wird. Dieses Wort deutet darauf hin, dass es sich ursprünglich um einen herrschaftlichen Beamten handelte, der erst später zu einem Organ bäuerlicher Selbstverwaltung wurde. Seit dem Ende des Mittelalters trat an Stelle dieses Titels allmählich die Bezeichnung Richter, obwohl gerade damals die Mitwirkung der Untertanen bei der Rechtssprechung sehr eingeschränkt wurde. Der Grund für diese merkwürdige Erscheinung dürfte darin zu suchen sein, dass man die zu allgemeine Berufsbezeichnung Amtmann, die jeder führen konnte, dem vom Landesfürsten, einem geistlichen oder weltlichen Herrn oder von einer Gemeinde ein Amt übertragen wurde, vermeiden und diese Männer schärfer von den Berufsbeamten scheiden wollte. Die Bezeichnung Richter dürfte aus dem bürgerlichen Bereich übernommen worden sein, wo die Stadt- und Marktrichter - soweit es nicht zur Ausbildung eines eigenen Bürgermeisteramtes gekommen war - im 15. Jahrhundert vielfach eine ähnliche Stellung als Vertreter des Herrn und Gemeindevorsteher erlangt hatten.

Diesem Gemeindevorsteher standen einige Männer zur Seite, die ihn bei allen seinen Aufgaben unterstützen, beraten und überwachen sollten. Wenn der Amtmann bzw. Richter plötzlich starb, durch Krankheit oder wegen einer Reise an der Ausübung seines Amtes verhindert war, dann hatte ihn einer dieser Männer zu vertreten. Ihre Anzahl war verschieden und richtete sich nach der Größe der Gemeinde. Im landesfürstlichen Amt  Langenlebarn, das nur sieben Höfe umfasste, gab es stets nur einen. Im übrigen betrug ihre Zahl häufig vier oder sechs, in größeren Orten auch acht oder zwölf. Sie wurden "Geschworene" genannt, was auf ihre ursprüngliche Funktion als Schöffen hindeutet, oder nach ihrer Zahl als "Vierer", "Sechser" usf. bezeichnet.

Der Umfang des Aufgabenbereiches dieser Männer hing vor allem von Art und Größe der Gemeinde, von der Entfernung vom Herrschaftssitz und vom Fleiß und Arbeitseifer des Grundherrn und seiner Beamten ab. Der Amtmann einer Wassergerichtsgemeinde hatte natürlich weitgehend andere Aufgaben zu erledigen als der Vorsteher einer Berggemeinde. Der Dorfrichter eines Ortes mit 60 Häusern hatte natürlich mehr zu tun als der eines Weilers, der aus 8 Höfen bestand. Der Amtmann einer grundherrlichen Gemeinde, die weitab vom Herrschaftssitz lag und nur selten vom Grundherrn oder einem Beamten besucht wurde, hatte eine viel selbständigere Stellung als der Vorsteher des Hofamtes, welches die in unmittelbarer Umgebung des Schlosses oder Klosters liegenden Anwesen umfasste. Aktive, persönlich ihren Besitz verwaltende Grundherren und eifrige Beamte kümmerten sich viel um alle Vorgänge in entlegenen Ämtern, nachlässige ließen auch bei den in der Nähe wohnenden Untertanen die Gemeindevorsteher weitgehend nach Belieben schalten und walten.

Die Zahl der grundherrlichen Untertanengemeinden richtete sich ursprünglich nach der Zahl der Niedergerichtsschrannen, später nach der Zahl der "Ämter" (im Sinne von Verwaltungsbezirken), in welche die Herrschaft eingeteilt war. Dabei dürfte es ursprünglich in jedem Verwaltungsbezirk eine Schranne gegeben haben. Bei den späteren Teilungen wurde aber nicht immer die Zahl der Schrannen in gleicher Weise vermehrt. Dem grundherrlichen Amtmann oder Grundrichter und den ihm beigeordneten Grundgeschworenen unterstanden sämtliche Grundholden seines Herrn, die in dem ihm zugewiesenen Verwaltungsbezirk als Hausinhaber, Familienangehörige oder Inwohner ihren Wohnsitz hatten. Ihnen war die Wahrnehmung der grundobrigkeitlichen Rechte in ihrem Amtsbereich anvertraut.

Die Dorfamtleute oder Dorfrichter mit den Dorfgeschworenen standen an der Spitze der Ortsgemeinde. Ihnen wurde von ihrem Herrn die Wahrnehmung der ortsobrigkeitlichen Rechte in ihrem Heimatdorf anvertraut. Ihnen unterstanden sämtliche in der betreffenden Ortschaft ansässigen Personen ohne Rücksicht auf ihre grundobrigkeitliche Zugehörigkeit. Der Stellung des Dorfrichters entsprach die des Marktrichters bei Märkten und vielfach auch die des Stadtrichters bei grundherrlichen Städten. Der Stellung der Dorfgeschworenen entsprach die des Markt- oder Stadtrates. Die Unterschiede sind nur quantitativer, nicht prinzipieller Art. So waren diese Ämter bei Märkten und Städten angesehener, weil die Einwohnerzahl meist höher, die Geldmittel der Gemeinde in der Regel größer und die Selbstverwaltungsrechte häufig umfassender waren. Dies vermehrte die Verwaltungsarbeit und führte zur Einsetzung mehrerer Unterbeamten. Trotzdem ist die gleiche Grundstruktur nicht zu verkennen).

An der Spitze der Berggemeinden standen Bergrichter und Berggeschworene. Ihnen waren alle Weingartenbesitzer des betreffenden Bereiches und die dort beschäftigten Arbeiter unterstellt und die bergobrigkeitlichen Angelegenheiten anvertraut.

Wo sich eigene Forstgemeinden ausgebildet hatten, gab es Gemeindeorgane, die als Forst- oder Waldamtleute, als Forst- oder Waldrichter bezeichnet wurden. Ihnen standen Forstgeschworene zur Seite. Auch in Fischergemeinden mit einem eigenen Fischereigericht und bei den Wassergerichten waren gleichartige Organe vorhanden. Engere Zusammenschlüsse der Vogtholden zu besonderen Gemeinden hat es hingegen kaum gegeben. Da in Niederösterreich die Landgerichte auf die bloße Blutjustiz beschränkt wurden, fehlen hier die Landgerichtsgemeinden, die in anderen Ländern eine bedeutende Rolle spielten.

Untertanen, die in Einzelhofgebieten wohnten, gehörten häufig nur einer Gemeinde an und waren nur einem Grundamtmann unterstellt. Ein Holde, der in einem Dorf wohnte, musste mindestens zwei Gemeinden, einer grundherrlichen und einer Dorfgemeinde angehören. Er war einem Grund- und einem Dorfamtmann unterstellt. Weinbauern gehörten in der Regel drei Gemeinden an: einer grundobrigkeitlichen, einer Dorf- und einer Berggemeinde. Manche Angehörige des Untertanenstandes waren auch Glieder einer Forst-, Fischerei- oder Wassergerichtsgemeinde.

Es lag in der Natur der Sache, dass die einzelnen Gemeinden in einer bestimmten Gegend weitgehend und mitunter auch zur Gänze den gleichen Personenkreis umfassten. Wenn eine Ortschaft, in der sämtliche Häuser ein- und derselben Grundobrigkeit unterstanden, ein eigenes Amt (im Sinne von Verwaltungsbezirk) bildete, dann deckte sich die grundherrliche Amtsgemeinde vollständig mit der Dorfgemeinde. Es ist verständlich, dass in einem solchen Fall nur ein Richter und nur eine Gattung von Geschworenen aufgestellt wurden, die sowohl als Grund- als auch als Dorfrichter, sowohl als Grund- als auch als Dorfgeschworene fungierten, denn unter diesen Voraussetzungen fielen ja grundherrliches Amtsgericht und Dorfgericht zusammen.

Aber auch dann, wenn nicht alle in einem Dorfe oder Markt wohnenden Untertanen Grundholden der Ortsobrigkeit waren, wurde das Amt des Ortsrichters mit dem des Grundrichters gekoppelt. So lebten in Langenlebarn Grundholden des Vizedomamtes, das auch die dorfobrigkeitlichen Rechte wahrzunehmen hatte, sowie Grunduntertanen des Bistums Passau und der Herrschaft Chorherrn. In diesem Ort lebten drei Richter: Der Dorfrichter, dem alle Angehörigen der Ortsgemeinde in dorfobrigkeitlichen und die vizedomischen Holden außerdem in grundherrlichen Angelegenheiten unterstanden, und die Grundrichter der Passauer und Chorherrner Grunduntertanen. Der Dorfrichter, der gleichzeitig als Grundrichter der vizedomischen Holden fungierte, durfte nur aus jenen gewählt werden. Ihm standen sechs Geschworene zur Seite: Vier von ihnen mußten Grundholden des Vizedomamtes sein; sie fungierten bei grundherrlichen Angelegenheiten als Grundgeschworene, bei dorfobrigkeitlichen Gerichtsfällen als Dorfgeschworene. Die beiden anderen wurden den Holden von Chorherrn und Passau entnommen und nur bei Gemeindeangelegenheiten beigezogen.

Die Dorfgemeinde deckte sich personell nicht selten weitgehend mit einer Berggemeinde, nämlich dann, wenn fast alle Bewohner eines Ortes auf einem in der Nähe liegenden Weinberg Besitz hatten. In solchen Fällen konnte das Amt des Dorfgeschworenen mit dem eines Berggeschworenen und das Dorfrichter- mit dem Bergrichteramt gekoppelt werden.

Eigene Forst-, Fischerei- und Wassernutzungsgemeinden haben sich nur dann ausgebildet, wenn der Kreis der Berechtigten sich nicht mit einer grundherrlichen Amtsgemeinde oder mit den Bewohnern eines Dorfes deckte. Trotzdem war auch hier eine Ämterkoppelung möglich.

Der Pflichtenkreis dieser Amtleute und ihrer Geschworenen war sehr vielgestaltig. Von den Aufgaben, die ihnen von herrschaftlicher Seite übertragen wurden, erscheinen folgende besonders erwähnenswert:

1. Die Grund-, Forst- und Wasserrichter hatten die Pflicht, die Interessen ihres Herrn gegen jedermann zu vertreten und nach Möglichkeit Übergriffe ihrer Gemeindegenossen und Fremder gegen seine Besitzungen und Rechte zu verhindern. So sollten sie einschreiten, wenn Untertanen der eigenen oder fremder Herrschaften unbefugt Holz schlugen, jagten, fischten, Erntediebstahl auf Dominikalgründen begingen, mit ihren Wagen über bestellte Herrschaftsäcker fuhren oder ihren Herrn auf andere Weise schädigten. In diesen Fällen sollten sie den Übeltäter festnehmen und zum Herrschaftssitz überstellen. Sie hatten zu protestieren, wenn ein benachbarter Grundherr oder Herrschaftsbeamter die Jagdgrenzen verletzte, beim Holzschlagen auf fremdes Gebiet übergreifen ließ, die Ackergrenzen nicht beachtete oder durch ihm nicht zustehende Gerichtshandlungen die Rechte seiner Herrschaft schmälerte. Wenn seinen Worten kein Gehör geschenkt wurde, dann sollte er auf schnellstem Wege seinen Herrn oder dessen Verwalter verständigen, damit von hier aus die nötigen Schritte unternommen werden konnten.

2. Die Dorf-, Markt- und Stadtrichter hatten in Vertretung ihres Herrn die Polizeigewalt auszuüben und für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Sie hatten Verbrecher festzunehmen, die auf handhafter Tat ertappt wurden, und Personen, die schweren Verdacht auf sich geladen hatten. Sie mussten auch oft Leute verhaften, die vom Landrichter gesucht wurden, und für ihre Überstellung in das Gefängnis sorgen. Wenn ihre Herrschaft auch die Landgerichtshoheit besaß, mussten sie auch für die Überführung von Delinquenten sorgen. So beauftragte im Jahre 1712 das Wiener Vizedomamt den Dorfrichter zu Langenlebarn, den Klosterneuburger Grundholden Mathias Grienwalt von Atzenbrugg in das Wiener Hubhaus zu überführen. Sie hatten ferner bei Raufereien einzuschreiten, Frieden zu stiften und die Rädelsführer oder Anstifter festzunehmen. Sie hatten lärmende Betrunkene und andere Ruhestörer zur Ordnung zu weisen. Wenn Vagabunden einzeln oder in Banden in ihren Wirkungsbereich kamen, sollten sie die nötigen Schutz- und Sicherheitsvorkehrungen treffen. Wenn ein Feuer ausbrach, dann mussten die Dorfrichter und ihre Geschworenen die Löscharbeiten leiten. Im übrigen hatten sie die Schutzvorkehrungen gegen Feuersbrünste zu treffen, für die Bereitstellung von Eimern, Leitern, Hacken und Brechstangen zu sorgen und die Säuberung der Rauchfänge in jedem einzelnen Hause durch unerwartete Besichtigungen zu überprüfen. Sie hatten für Sauberkeit auf den Straßen und Plätzen des Ortes und für die Instandhaltung der Straßen, Wege und Brücken zu sorgen. Insbesondere die Stadt- und Marktrichter, aber auch die Vorsteher größerer Dorfgemeinden hatten mit Unterstützung ihrer Räte und Geschworenen die Maße und Gewichte der Gewerbetreibenden und Händler zu überprüfen und die Qualität der Waren, vornehmlich des Brotes und des Fleisches, zu überwachen. Die Grund- und Ortsrichter sollten im Zeitalter der Gegenreformation auch die Aufgaben einer Sittenpolizei erfüllen und den Lebenswandel ihrer Untergebenen im Auge behalten. Sie sollten darauf sehen, dass der Sonntagsgottesdienst von jedermann besucht wird.

3. Mit der Ausübung der Polizeigewalt stand häufig - insbesondere dann, wenn die betreffende Örtlichkeit vom Herrschaftssitz weiter entfernt war - das Recht zur Verhängung von Polizeistrafen in Verbindung. Es handelte sich hierbei meist um Geldstrafen, seltener um kurze Freiheits- oder Ehrenstrafen wie Prangerstehen und Bagsteintragen. Außerdem durfte er mitunter Streitfälle, bei denen es um Sachen von geringem Wert ging, selbsttätig schlichten. Eine Ausnahme bilden hier die Markt- und Stadtgerichte, die mitunter die gesamte Niedergerichtsbarkeit in ihre Hand gebracht hatten.

4. Den Grundrichtern und ihren Geschworenen wurde mitunter die Durchführung der Verlassenschaftsabhandlung nach dem Ableben eines Holden, die Wahrnehmung der herrschaftlichen Interessen bei Verkäufen, Tausch oder Schenkung von Höfen und die Vormundschaftsangelegenheiten übertragen, wenn das betreffende Amt weit vom Herrschaftssitz entfernt lag oder wenn es sich um kleine und ärmliche Güter handelte, bei denen die Herrschaft nicht viel an Abgaben und Taxen verlieren konnte. Trafen diese Voraussetzungen nicht zu, dann hatte der Grundrichter den Herrn oder seinen Verwalter von Todesfällen und Verkaufsabsichten zu benachrichtigen und darauf zu sehen, dass die Erben oder Beteiligten nicht eigenmächtig vorgingen.

5. Oft mußten die Grundrichter und ihre Geschworenen bei der Einhebung der herrschaftlichen Abgaben und der landesfürstlichen Steuern mithelfen. Beim Grundzins, dem Küchendienst und den Vogtpfennigen, die grundsätzlich als Bringschuld galten, wurde es bei vom Herrschaftssitz weit entfernt liegenden Ämtern vielfach so gehalten, dass der Grundamtmann dieselben für das ganze Amt einhob und ablieferte. Hierdurch wurde den übrigen Holden der Weg und die Reisekosten erspart. Bei der Zehenteinhebung mussten die Richter und ihre Geschworenen oft Hilfsdienste leisten und für den Abtransport sorgen. Bei fixierten oder Splitterzehentrechten von geringem Ertrag wurde ihnen mitunter die gesamte Einhebung übertragen. Selbst das Amt eines Mautners konnte ihnen übertragen werden, wenn damit nur wenig Ertrag und Arbeit verbunden war. Der Dorfrichter von Langenlebarn sollte im 18. Jahrhundert sogar darauf sehen, dass von dem in der Umgebung dieses Dorfes getriebenen Tabakbau die entsprechenden Steuern bezahlt wurden.

6. Den Grundrichtern wurde häufig die Aufgabe übertragen, die ihnen unterstellten Holden zur Robot einzuteilen und für die rechtzeitige Mitteilung an die Betroffenen zu sorgen. Nicht selten mussten sie auch die Durchführung der Arbeiten leiten und überwachen. Sie hatten in gleicher Weise die Jagdrobot zu organisieren. Ebenso mußten die Ortsrichter bei Truppeneinquartierungen die nötige Einteilung treffen und bei Heeresdurchmärschen für den benötigten Vorspann sorgen.

7. Auch die Überwachung der Wirtschaftsführung der einzelnen Holden wurde den Grundrichtern zur Pflicht gemacht. Sie sollten ihrem Herrn oder seinem Verwalter Meldung erstatten, wenn einer ihrer Genossen seinen Hof herunterwirtschaftete und Schulden anhäufte.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es kein Gebiet im Kreis der herrschaftlichen Rechte und Pflichten gab, auf dem nicht auch die den Untertanen entnommenen Richter und Geschworenen in irgendeiner Form tätig waren.

Die Verpflichtungen, die den Richtern aus ihrer Eigenschaft als Gemeindevorsteher erwuchsen, lassen sich nicht in allen Belangen von denen scheiden, die sie als Beauftragte ihres Herrn zu verrichten hatten, da es im bäuerlichen Bereich zu keiner klaren Scheidung zwischen der Sphäre der Selbstverwaltung der Holden und den Rechten des Herrn gekommen ist. So lag die Verhütung und Bekämpfung von Bränden sowohl im Interesse der Bauern, die hierdurch ihr gesamtes Hab und Gut verlieren konnten, als auch in dein der Grundherren, für die eine Zerstörung von ihnen untertänigen Höfen den Ausfall von Abgaben bedeutete. So haben sich sowohl die Grund- und Dorfherren als auch die Gemeinden dieser Angelegenheit angenommen. Ähnliches gilt für die Erhaltung von Wegen, Straßen, Stegen und Brücken, für die Überwachung der herumziehenden Vagabunden usf.

Zu den speziellen Aufgaben, die vor allem den Ortsrichtern und Geschworenen als Gemeindevorsteher und Gemeinderäten zukamen, gehörte die Verwaltung des Gemeindevermögens und die Obsorge für die Instandhaltung der gemeindeeigenen Anlagen. Die Gemeindekasse und die Urkunden wurden meist in einer Gemeindetruhe aufbewahrt, die der Richter in sein Haus stellen musste, wenn kein eigenes Gemeindehaus vorhanden war. Diese Truhen waren in der Regel mit mehreren Schlössern versperrt, sodass zu ihrer Öffnung verschiedene Schlüssel notwendig waren. Einer von ihnen befand sich in der Regel in den Händen des Ortsrichters, die übrigen wurden von der Gemeinde meist Männern aus dem Kreis der Geschworenen anvertraut. Wenn die Gemeindetruhe geöffnet wurde, dann mussten also stets mehrere Personen anwesend sein. Hierdurch wurde der Unterschleif erschwert, da er nur im Einverständnis aller Schlüsselinhaber erfolgen konnte. Der Richter musste über alle Einnahmen und Ausgaben genau Rechnung legen, denn er haftete mit seinem gesamten Eigentum für etwaige Verluste, welche die Gemeinde durch seine schlechte Amtsführung erleiden konnte. Da die Herrschaftsinhaber, denen die Überwachung der Finanzgebarung der untertänigen Gemeinden zustand, seit dem 16. und 17. Jahrhundert auch von kleineren Bauerngemeinden eine schriftliche Rechnungslegung verlangten, war diese Aufgabe für die Dorfrichter, die vielfach nicht oder nur unzureichend schreiben, lesen und rechnen konnten, oft sehr schwierig. Sie bedurften hierzu eines Helfers, den sie in älterer Zeit häufig in einem im Ort oder in der Nähe tätigen Geistlichen, später meist im Schullehrer fanden.

Was die Verwaltung des liegenden Gemeindevermögens und die Erhaltung der gemeindeeigenen Anlagen betrifft, so hatte der Ortsrichter in Zusammenarbeit mit den Geschworenen für die Einteilung der Gemeinderobot zu sorgen und ihre Durchführung zu überwachen. Sie hatten ferner die Gemeindebediensteten aufzunehmen, zu entlassen und ihre Entlohnung zu regeln. Sie hatten schließlich darauf zu sehen, dass kein Unbefugter gemeindeeigene Anlagen nutzt und dass das Herkommen und die Beschlüsse bezüglich der Nutzungsbeschränkungen genau eingehalten werden. Wenn es hierbei zu Streitigkeiten kam, sollten sie dieselben schlichten.

Die Dorf-, Markt- und Stadtrichter hatten für die günstige Verpachtung gemeindeeigener Wirtschaftsbetriebe zu sorgen, den Pachtzins einzuheben und die Pächter zu überwachen. Sie hatten schließlich in der Gemeindeversammlung den Antrag auf die Einhebung von Gemeindesteuern zu stellen, ihre Aufteilung vorzunehmen und die Ablieferung zu überwachen.

Die Dorfrichter und Dorfgeschworenen hatten außerdem für die Einhaltung aller jener Regelungen zu sorgen, die durch die Dreifelderwirtschaft und den Flurzwang notwendig wurden. Die Bergrichter und Berggeschworenen hatten im Auftrag der Gemeinde die Arbeit der von den einzelnen Weingartenbesitzern aufgenommenen Hauer zu überwachen, den Termin der gemeinsamen Lese festzulegen und die hierfür notwendigen organisatorischen Maßnahmen zu treffen. Forstrichter und Forstgeschworene hatten ihr Hauptaugenmerk auf die Angelegenheiten der Waldnutzung zu richten. Den Vorstehern von Fischergemeinden brachte die Überwachung der Beschränkungen im Hinblick auf Arbeitszeit und die Verwendung von Geräten, denen die einzelnen Genossen unterworfen waren, viel Arbeit. Die Leiter der Wassergerichtsgemeinden hatten hauptsächlich die Einhaltung der oft komplizierten Nutzungsregelungen zwischen den einzelnen Müllern, Sägewerken und Schmieden zu überwachen. Aber auch die oft streitsüchtigen Flößer und Schiffer machten ihnen manche Mühe.

Der Umfang der Arbeit eines Grundrichters, der nicht auch das Amt eines Dorf-, Berg-, Forst-, Fischerei- oder Wasserrichters bekleidete, im Hinblick auf seine Tätigkeit als Gemeindevorstand war sehr verschieden. Es gab grundobrigkeitliche "Ämter", die kleine Gruppen von Streubesitz umfassten und bei denen die Holden keinerlei engere wirtschaftliche Beziehungen zueinander hatten. Andererseits sind aber in Einzelhofgebieten "Ämter" anzutreffen, die eine gemeinsame Weide, Wälder oder Holznutzungsrechte besaßen. Aber auch innerhalb der Dorfgemeinden konnte es vorkommen, dass neben dem Vermögen der Dorfgemeinde, das allen Dorfgenossen zugute kam und vom Dorfrichter verwaltet wurde, anderer Gemeinschaftsbesitz bestand, der nur den Holden eines bestimmten Grundherrn gehörte, während die anderen Ortsansässigen von der Nutzung ausgeschlossen waren. Dieses Vermögen wurde vom Grundrichter verwaltet.

Die Kompetenzabgrenzung zwischen diesen Untertanenrichtern und den herrschaftlichen Berufsbeamten war vielfach nicht klar geregelt. Dieser Umstand führte nicht selten zu Zwistigkeiten, die fast regelmäßig damit endeten, dass der Richter bestraft wurde oder einen Verweis erhielt. Die verächtliche und oft auch ungerechte Behandlung, welche die Grundherren und vor allem ihre Berufsbeamten diesen untertänigen Funktionären widerfahren ließen, drückte zweifellos sehr auf das Ansehen dieser Ämter.

Das Verhältnis zwischen dem Richter und den Geschworenen bzw. dem Rat war ein zweiseitiges. Einerseits galt der Richter als ihr Vorgesetzter, dem die Geschworenen wie alle Gemeindegenossen Gehorsam schuldeten. Andererseits aber hatte er die Pflicht, vor allen wichtigen Amtshandlungen den Rat und die Zustimmung dieser Männer einzuholen.

Wichtigere Entscheidungen über das Gemeindevermögen - insbesondere über Ankäufe und Verkäufe von Liegenschaften, Gewährung oder Ausschluss von Nutzungsrechten, Gemeindesteuern u. ä. - durfte nur die Gesamtgemeinde treffen.

Der tatsächliche Umfang der Arbeit der Untertanenrichter war weitgehend verschieden. Grundrichtern, denen nur 5 bis 10 Holden unterstellt waren, standen Dorf- und Marktrichter gegenüber, deren Gewalt und Obsorge Ortschaften mit mehr als 100 Häusern unterstanden und die ein bedeutendes Gemeindevermögen zu verwalten hatten. Solche Männer mussten ihre eigene Wirtschaft vernachlässigen, wenn sie allen ihren Amtspflichten ordnungsgemäß nachkommen wollten. Die Bürokratisierung der herrschaftlichen Verwaltung schränkte wohl ihre Machtbefugnisse ein, vermehrte aber gleichzeitig ihre Arbeit, da das Abfassen von Berichten und Anfragen mehr Zeit erforderte, als das Treffen einer eigenen Entscheidung. Hierzu kam, dass die Richter in allen jenen Fällen, wo kein eigenes Gemeindehaus oder Rathaus vorhanden war, ihre Wohnung für Gemeindeversammlungen, Ausschuss-Sitzungen und Gerichtsverhandlungen zur Verfügung stellen sollten.

Die Funktionen eines Richters und eines Geschworenen galten als Ehrenämter. Diese Männer erhielten daher weder von Seiten der Herrschaft noch von Seiten der Gemeinde eine Besoldung. Wohl aber war es üblich, ihnen die Auslagen, welche diese Ämter mit sich brachten, zu ersetzen und sie für den Verlust an Arbeitszeit für ihre eigene Wirtschaft zu entschädigen.

So setzte etwa der Dorfrichter von Langenlebarn im Jahre 1678 den Betrag von 3 fl in seine Abrechnung ein, da er im Interesse der Gemeinde eine Reise nach Wien unternehmen musste. Außer derartigen Spesenvergütungen gewährten manche Gemeinden ihrem Vorsteher gewisse Vorrechte bei der Allmendenutzung.

Die Grundherren gewährten diesen Amtleuten im Spätmittelalter und am Beginn der Neuzeit häufig für die Dauer ihrer Amtszeit einen vollständigen oder teilweisen Nachlass von den Abgaben und Dienstleistungen. Sie überließen ihnen außerdem einen Anteil an den Gerichtsgebühren und Strafgeldern in allen jenen Fällen, wo diese untertänigen Amtleute tatsächlich als Richter fungierten. Die Herrschaftsinhaber überließen ihnen schließlich - wie ihren Berufsbeamten - auch einen Anteil an den Taxen, wenn sie an einer gebührenpflichtigen Amtshandlung beteiligt waren.

Die Geschworenen erhielten von der Gemeinde nur eine reine Spesenvergütung, von der Herrschaft einen Anteil an den Taxen, Gerichtsgebühren und Strafgeldern nur dann, wenn sie den Richter bei einer Amtshandlung vertraten.

Im Verlaufe des 16., 17. und 18. Jahrhunderts zeigt sich allgemein die Tendenz, diese Entschädigung zu senken. So fielen häufig die Abgabenbefreiungen und -nachlässe den Bestrebungen zur Erhöhung der herrschaftlichen Einkünfte zum Opfer. Was aber die Taxen, Gerichtsgebühren und Strafgelder betraf, so waren die Berufsbeamten bestrebt, die Anteile in ihre Tasche fließen zu lassen. Sie bemühten sich daher, alle irgendwie ertragreichen Angelegenheiten in die Herrschaftskanzlei zu ziehen und den Richtern und Geschworenen nur die nichts einbringenden Fälle und schlecht entlohnte Hilfsdienste zu überlassen.

Die Grund-, Dorf-, Berg-, Forst-, Fischerei- und Wasserrichter wurden in fast allen Gemeinden Niederösterreichs von den Untertanen gewählt. Das aktive Wahlrecht besaßen alle vollberechtigten Mitglieder der betreffenden Gemeinde männlichen Geschlechtes. Frauen, Kinder und Inleute waren stets ausgeschlossen, mitunter auch die Inhaber von Hofstätten oder Keuschen, die als Taglöhner ihr Brot verdienten und keine Allmendenutzungsrechte besaßen.

Das passive Wahlrecht besaßen bei der Wahl der Grundrichter theoretisch alle jene, die auch das aktive Wahlrecht hatten. Bei einer Dorfrichterwahl in einem Ort, in dem Grundholden verschiedener Herrschaften wohnten, musste der Gewählte in der Regel Grunduntertan der Dorfobrigkeit sein. Ähnliches galt öfters auch für Berg-, Forst-, Fischerei- und Wasserrichter.

Praktisch kamen als Kandidaten allerdings nur die wohlhabenderen Bauern und Gewerbetreibenden eines Ortes in Frage, nie aber die Inhaber von Hofstätten oder Viertellehen ohne radizierte Gewerbeberechtigung, die als Taglöhner oder Arbeiter in gewerblichen Betrieben ihr Brot verdienen mussten. Ein Lohnarbeiter hätte unmöglich die nötige Autorität besessen, um sich gegen wohlhabende Bauern durchzusetzen. Ein Landwirt, der einen großen Hof besaß, hätte nie Respekt vor einem Kleinhäusler gezeigt, der zur Erntezeit bei ihm als Taglöhner aushalf.

Vor der Wahl wurden durch einen Gemeindeausschuss mehrere - häufig drei - Kandidaten aufgestellt. Die Betroffenen wurden nicht gefragt, ob sie hiermit einverstanden und bereit seien, das Richteramt zu übernehmen. Tatsächlich hatten die Gewählten meist keine Freude über den Vertrauensbeweis ihrer Nachbarn, denn die Ämter erforderten vielfach einen großen Zeitaufwand und brachten meist viel Mühe und Ärger, aber wenig Dank und Anerkennung vonseiten der Gemeinde, des Grundherrn und seiner Beamten mit sich. Die Ablehnung der Wahl war allerdings nur unter Angabe von stichhaltigen Gründen möglich, denn jeder Gemeindegenosse hatte grundsätzlich die Pflicht, Ehrenämter zu übernehmen. Als solche Gründe galten hohes Alter, Kränklichkeit, Todes- oder Krankheitsfälle in der Familie des Gewählten, große Schwierigkeiten im eigenen Wirtschaftsbetrieb und die Tatsache, dass der Betreffende schon oft und lange Zeit hindurch derartige Ehrenämter bekleidet hatte.

Die Abneigung gegen die Annahme dieser Ämter führte an einigen Orten zu dem Brauch, dass die Gemeinde praktisch auf ihr Wahlrecht verzichtete und die Ämter in einem regelmäßigen Turnus von einem Vollgenossen auf den anderen übertrug, damit diese Last gleichmäßig verteilt sei. Die Herrschaftsinhaber und die landesfürstlichen Regierungsbehörden waren aber mit dieser Lösung nicht einverstanden, denn sie wollten diese Ämter nur in den Händen wirklich fähiger Männer sehen, die imstande waren, ihre Interessen wirksam zu vertreten und Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten.

Die Richterwahlen erfolgten meist während der Taidingsversammlung in Gegenwart des Herrschaftsinhabers oder eines ihn vertretenden Beamten. Der Vorgang war folgender:

Der bisherige Richter legte sein Amt nieder, indem er den Richterstab seinem Herrn oder dessen Vertreter übergab. Anschließend legte er der Gemeinde und der Herrschaft seine Abrechnung zur Überprüfung vor. Wurde sie von beiden Seiten für gut befunden, so wurde er von der Haftung für das Gemeindevermögen freigesprochen und konnte die Schlüssel zur Gemeindetruhe übergeben. Die Gemeinde brachte auf Befragen des Herrn oder seines Vertreters ihre Beschwerden gegen die Amtsführung des scheidenden Richters vor. Nach Erledigung derselben folgte die Wahl des neuen Richters. Die Stimmabgabe erfolgte nach der innerhalb der Gemeinde bestehenden Rangordnung. Als erster gab meist der scheidende Richter seine Stimme ab, auf ihn folgten die übrigen Gemeindefunktionäre, dann erst die anderen Wahlberechtigten. Die Stimmenzählung nahm meist ein herrschaftlicher Beamter, seit dem 16. Jahrhundert in der Regel der vom Herrschaftsinhaber bestellte Protokollführer vor.

Wer die meisten Stimmen auf sich vereinigen konnte, galt als gewählt, auch dann, wenn er nicht die absolute Mehrheit erreichte. Wenn er die Annahme der Wahl verweigerte und seine Begründung von Seiten der Herrschaft und der Gemeinde anerkannt wurde, galt der als gewählt, der die zweitgrößte Stimmenwahl erhalten hatte. Eine Neuwahl wurde in diesem Falle nicht vorgenommen.

Wenn kein herrschaftlicher Beamter zum Taiding kommen konnte oder wollte, musste die Gemeinde unter der Leitung des alten Richters die Wahl vornehmen, alle Vorgänge in einem Protokoll verzeichnen und eine Delegation zum Herrschaftssitz zur Berichterstattung entsenden. In keinem Fall aber durfte der Gewählte sein Amt antreten, bevor er von Seiten der Herrschaft die Genehmigung hierzu erhalten hatte.

Vor Erteilung derselben hatte der Herr oder sein Vertreter das Recht und die Pflicht, den Gewählten auf seine Tauglichkeit zu prüfen. Wurde er als ungeeignet befunden, dann war die Wahl hinfällig. Mehrere Markt- und vielleicht auch einige Dorfgemeinden hatten im Spätmittelalter so weitgehende Selbstverwaltungsrechte erlangt, dass in diesem Fall eine Neuwahl stattfinden musste, bei der andere Kandidaten aufgestellt wurden. Im Laufe des 16. Jahrhunderts aber wurde es allgemein üblich, dass der Herr oder sein Vertreter in einem solchen Fall einen anderen Wahlkandidaten zum Richter ernannte oder ohne jede Rücksicht auf die Abstimmung einen Gemeindegenossen als Richter bestimmte. Praktisch kam dies allerdings nur selten vor, da die Herrschaftsinhaber und ihre Beamten meist die einzelnen Holden viel zu wenig kannten, um ein wirkliches Urteil über ihre Tauglichkeit abgeben zu können. Manche ließen sich bereits vor der Wahl die Kandidatenliste vorlegen, um die Namen ihnen missliebiger Personen sofort hieraus entfernen zu können. An einigen Orten war es üblich, dass der Herrschaft von der Gemeinde mehrere Personen vorgeschlagen wurden, aus denen die Obrigkeit dann einen aussuchen und bestellen konnte.

Hierauf erfolgte meist die Bestellung der Geschworenen, die auf dreierlei Weise erfolgen konnte:

  1. durch Ernennung von Seiten der Herrschaft; 
  2. durch Bestellung von Seiten des Richters; 
  3. durch Wahl der Gemeinde. 

Nicht selten wurde es so gehalten, dass bei ein- und derselben Gemeinde alle drei oder zwei dieser Arten angewendet wurden. So gab es in Langenlebarn zwei "Herrschaftsgeschworene", die vom Vertreter der Herrschaft ernannt wurden, zwei "Richtergeschworene", die der neuerwählte Dorfrichter bestimmte, und zwei "Gemeindegeschworene", die von der Gemeinde erwählt wurden. Im Dorf Baumgarten auf dem Tullnerfeld wurden zwei Geschworene vom Richter ernannt, zwei von der Gemeinde gewählt.

In mehreren Orten war es Sitte, dass der scheidende Richter das Amt eines Geschworenen erhielt. Vielfach wurden nicht bei jedem Wahltermin alle Geschworenen ausgewechselt, sondern nur ein Teil. Diese Rechtsgewohnheiten sollten die Kontinuität der Geschäftsführung sichern, die gefährdet war, wenn an einem Tage sämtliche Männer, die an der Spitze der Untertanengemeinde standen, aus dem Amt schieden. Hierdurch ist die Erscheinung zu erklären, dass in vielen Dörfern eine kleine Gruppe von wohlhabenden Bauern ständig das Richter- oder Geschworenenamt innehatte, während die anderen nie zum Zuge kamen.

An manchen Orten war es üblich, dass die bei der Richterwahl unterlegenen Kandidaten das Amt eines Geschworenen erhielten. In grundherrlichgemischten Gemeinden war es vielfach Sitte, dass beim Geschworenenamt auch die Holden jener Herrschaften zum Zuge kamen, die nicht den Dorf-, Berg-, Forst-, Fischerei- oder Wasserrichter stellen durften. So wurden in Langenlebarn, wo der Dorfrichter nur aus den Grundholden des Wiener Vizedomamtes gewählt werden konnte, die beiden "Gemeindegeschworenen" stets den Grunduntertanen der Herrschaft Chorherrn und des Bistums Passau entnommen. Wenn das Amt eines Dorfrichters mit dem eines Grundrichters gekoppelt war, dann bildete sich in diesem Falle meist ein engeres und ein weiteres Geschworenenkollegium. Das engere bestand nur aus Grundholden der Dorfobrigkeit und fungierte bei grund- und dorfobrigkeitlichen Angelegenheiten. Die Mitglieder des erweiterten Kollegs hingegen wurden nur bei dorfobrigkeitlichen und Dorfgemeindeangelegenheiten hinzugezogen. So wurden in Langenlebarn alle Angelegenheiten, die nur die Grundholden des Vizedomamtes betrafen, vom Richter gemeinsam mit den zwei Herrschafts- und den beiden Richtergeschworenen erledigt, die sämtlich Untertanen des Wiener Vizedomamtes sein mussten. Bei Angelegenheiten der Dorfgemeinde hingegen wurden auch die beiden Gemeindegeschworenen beigezogen.

Nachdem der neue Richter und die Geschworenen erwählt, ernannt und von der Herrschaft bestätigt waren, wurden sie in Anwesenheit der gesamten Gemeinde vor der Taidingsversammlung vereidigt. Anschließend gelobte ihnen die Gemeinde Treue und Gehorsam.

Die Amtszeit der Richter währte ursprünglich meist von einer Taidingsversammlung zur anderen, dauerte also in der Regel ein Jahr. Nachdem die regelmäßige Abhaltung der Taidinge außer Übung gekommen war, war sie meist unbestimmt. In vielen Fällen entschlossen sich nämlich die Herrschaftsinhaber erst dann zur Abhaltung dieser Versammlung, wenn es in einer Gemeinde zu ernsten Streitigkeiten kam oder wenn ein Richter, der schon lange im Amt war, dringlich um seine Enthebung bat.

Eine Wiederwahl des Richters und eine Wiedereinsetzung der Geschworenen war allgemein statthaft und kam häufig vor.

Eine vorzeitige Amtsenthebung des Richters oder eines Geschworenen konnte aus drei Gründen erfolgen:

  1. auf Befehl der Herrschaft; 
  2. auf Wunsch des Richters oder des Geschworenen, wenn er stichhaltige Gründe anführen konnte; als solche galten Krankheit, Unfall, wirtschaftliche Schwierigkeiten infolge von Feuer, Hochwasser u. ä.;
  3. auf Verlangen der Gemeinde, wenn sie nachweisen konnte, dass die Amtsführung schlecht war und der Allgemeinheit zum Nachteil gereichte.

In allen diesen Fällen wurde meist die Gemeindeversammlung einberufen und eine Neuwahl vorgenommen.

Die Grundherren und ihre Beamten haben im 16., 17. und 18. Jahrhundert oft Maßnahmen ergriffen, um das selbständige und mitunter auch recht selbstherrliche Schalten und Walten der Richter und Geschworenen einzudämmen. An eine Abschaffung dieser Ämter oder an eine Beseitigung des Wahlrechtes der Untertanengemeinden haben sie jedoch nicht gedacht. Im Gegenteil, in Gegenden, wo es keine solche Selbstverwaltungsorgane gab, wurden sie vielfach noch im 18. Jahrhundert eingeführt. Die Grundherren und ihre Beamten sahen allerdings in diesen Organen ein notwendiges Übel, das wegen der erforderlichen Beschränkung der Zahl der Berufsbeamten nicht zu umgehen war. Sie haben die Gemeindefunktionäre im allgemeinen nicht geschätzt und ihnen ihre Abneigung nicht selten offen gezeigt.

Die Ursachen dieser Erscheinung sind darin zu suchen, dass diese Untertanen, denen nur zeitweise ein Amt übertragen war, sich nur ungern als Büttel gegen ihre Standesgenossen gebrauchen ließen und bei Konflikten zwischen den Herren und ihren Holden fast regelmäßig auf Seiten der Untertanen standen.

So bestand für die Grund- und Dorfholden der Herrschaft Schlosshof ein Gebot, nur grund- bzw. dorfherrlichen Wein zu kaufen. Die Grund- und Dorfrichter sollten die Einhaltung dieser Vorschrift überwachen. Sie zeigten sich hier innen aber so nachlässig, dass bei einer Visitation in den Kellern der Wirte und der übrigen Untertanen im Jahre 1655 viele Fässer gefunden wurden, deren Inhalt von herrschaftsfremden Weingütern stammte. Die schuldigen Untertanen mussten pro Eimer 12 Reichstaler Strafe bezahlen. Der Pfleger verurteilte aber auch den Dorfrichter zu 12 Reichstalern Geldstrafe, da er seine Aufsichtspflicht vernachlässigte.

Der Name so mancher Richter erscheint mehrmals in den Strafregistern und Gerichtsprotokollen, weil ihnen die Interessen der Herrschaft nur wenig am Herzen lagen und sie zu oft beide Augen zudrückten.

Aber nicht nur bei derartigen Alltäglichkeiten, sondern auch dann, wenn es zu schwerwiegenden Konflikten zwischen der Herrschaft und den Holden kam, standen die Richter und die Geschworenen in der Regel auf Seiten ihrer Gemeinde. So finden wir diese Männer in den Bauernkriegen häufig an der Spitze der Rebellen.

Ein wesentlicher Teil der Herrschaftsinhaber war sich aber trotz dieser Vorkommnisse dessen bewusst, dass eine Verbesserung des Polizeiwesens und eine Steigerung der Produktivität der Landwirtschaft nur unter Mitwirkung dieser untertänigen Gemeindeorgane zu erreichen war. So befahl Graf Franz von Abensberg und Traun im Jahre 1771 dem Pfleger seiner Herrschaft Petronell, zu den Wirtschaftskonferenzen, die er von Zeit zu Zeit abhalten sollte, auch die Dorf- und Grundrichter beizuziehen.

Wenn die Herren und ihre Berufsbeamten mit diesen von den Untertanen erwählten Funktionären oft unzufrieden waren, so gibt es hierfür plausible Erklärungen. Merkwürdig ist allerdings die Erscheinung, dass auch häufig die Holden erbitterte Klagen gegen jene Männer erhoben, die sie selbst erwählt hatten. Soweit es sich hierbei um Beschwerden einzelner Untertanen handelte, kann man das Querulieren der betroffenen Holden oder ungeschicktes Verhalten des Richters und der Geschworenen in einem Einzelfalle als Ursache erkennen. Vielfach spielten auch persönliche Feindschaften eine Rolle, die es in jeder Ortschaft gab und gibt. Mitunter aber kam es auch zu Klagen der Gesamtgemeinde gegen ihre selbstgewählten Funktionäre, denen zufolge man meinen müsste, die Untertanen hätten gänzlich ungeeignete und moralisch verwerfliche Personen gewählt.

So brachte die Gemeinde Wieselsfeld im Jahre 1721 folgende Beschwerden gegen ihren Dorfrichter Georg Weigensamber vor:
 
  1. Der Dorfrichter und die Gemeinde hätten einhellig beschlossen, den Gemeindehirten zu entlassen und einen neuen aufzunehmen. Als derselbe aber Weigensamber einen Trunk bezahlte, habe er ihm seine Anstellung erneut verlängert.
  2. Der Dorfrichter wurde beauftragt, darauf zu achten, dass in Hinkunft der Jäger der Herren von Schönborn nicht mehr in der Wieselsfelder "Freiheit" (im Sinne von Niedergerichtsbezirk) jage. Da sich aber hierauf der Jäger zu Weigensamber begab und ihm versprach, das dort erlegte Wild gemeinsam mit ihm bei einem Trunk zu verzehren, ließe er ihn weiterhin auf den verbotenen Gründen das Weidwerk treiben.
  3. Der Dorfrichter befreite einen Ortsbewohner von der Bezahlung der Gemeindeabgaben, weil er ihm einen guten Trunk Wein zukommen ließ.
  4. Weigensamber bezeichnete den Güterinspektor als Schelm, weil er verlangte, dass alle Besitzveränderungen ordnungsgemäß in das Grundbuch einzutragen sind.
  5. Der Dorfrichter hole sich ohne obrigkeitliche Genehmigung Holz aus dem herrschaftlichen Wald.
  6. Weigensamber und die Geschworenen stürzten die Gemeinde in unnötige Unkosten und vertränken das Gemeindevermögen im Wirtshause. Zuletzt hätten sie, da nichts besseres mehr vorhanden sei, einen gemeindeeigenen Kirschbaum für zwei Maß Wein verkauft.
  7. Der Dorfrichter halte sich nicht an die Fastengebote.
  8. Er führe ein schlechtes Familienleben und habe unlängst sein Eheweib mit einem Holzscheit so geschlagen, dass die Nachbarn die Funken zum Fenster hinausfahren sahen.

Wenn die Herrschaft einer Gemeinde einen Richter und Geschworenen oktroyierte, dann waren die Beschwerden oft noch heftiger und ernsterer Natur. So brachte die Gemeinde Inzersdorf im Jahre 1718 folgende Klagen gegen den ihr aufgezwungenen Dorfrichter vor: Er sähe stets nur auf den Vorteil der Herrschaft, nie aber auf den der Gemeinde. Er unternehme im Interesse der Herrschaft Reisen nach Wien und verrechne die Kosten der Gemeinde. Herrschaft und Dorfrichter begännen Prozesse, an denen die Gemeinde keinerlei Interesse habe; dennoch müsse die Gemeinde die Kosten tragen, wodurch sie bereits tief in Schulden geraten sei. Der Dorfrichter dulde, dass die Herrschaft die Entlohnung des Schulmeisters auf die Gemeinde überwälze. Wegen seiner Misswirtschaft hätten sie unfähige und ungeeignete Männer als Pfarrer und Schulmeister erhalten. Der Dorfrichter habe die Gemeindelade erbrochen und Dokumente entwendet. Gemeinsam mit den Geschworenen vertrinke er die Gemeindeeinkünfte; und was sie bei derartigen Gelagen beschließen, das sei nach ihrer Behauptung das "uralt Recht und Herkommen".

Das nicht selten gespannte Verhältnis zwischen der Gemeinde und den von ihnen meist gewählten, jedenfalls aber ihrer Mitte entnommenen Funktionären zeigt sich nicht nur in solchen Beschwerden. Sehr häufig mussten die Amtleute darüber klagen, dass ihre Untergebenen "auf einen Richter nichts geben", dass sie keine Autorität besitzen und viele Gemeindeangehörige ihren Anordnungen und Geboten nicht Folge leisten. Immer wieder mussten sie den Grundherrn oder seinen Verwalter zu Hilfe rufen, um ihren Aufgaben als Vertreter der Herrschaft oder als Gemeindevorsteher gerecht werden zu können.

So berief der Dorfrichter zu Langenlebarn im Jahre 1700 die Gemeinde zusammen, um ihr von einer neuen Steuer zu berichten, die er auf Befehl der Herrschaft einheben müsse. Hierbei kam es zu erregten Debatten. Einige Untertanen schrieen, schlugen mit der Faust auf den Tisch und beschimpften den Dortrichter, als ob diese Abgabe auf seine Privatinitiative zurückzuführen wäre.

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Im Jahre 1679 ging ein Betrunkener grölend durch den Ort Sonnberg. Da alle gütlichen Ermahnungen des Dorfrichters nichts nützten, wurden ihm einige Stockschläge verabreicht. Der Betrunkene aber zeigte sich auch hiervon wenig beeindruckt, sondern begann, den Dorfrichter zu verspotten. So musste der Fall vor den Pfleger gebracht werden, der den Ungehorsamen zu einer Geldstrafe von 6 Reichstalern und öffentlicher Abbitteleistung verurteilte.

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Der Dorfrichter des Ortes Raschala wurde im Jahre 1679 von der Frau eines Untergebenen im Wirtshause als "Manderl" beschimpft. Auch in diesem Falle konnte der Dorfrichter erst vor dem Herrschaftsgericht durch den Pfleger Genugtuung erhalten; die streitsüchtige Frau musste 6 Reichstaler Strafe bezahlen.

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Wegen einer derartigen Beschimpfung kam es im Jahre 1678 in Suttenbrunn zu einem Zwist zwischen der Gemeinde und ihrem Dorfrichter. Obwohl ein Einwohner den Richter vor Zeugen als Schelm bezeichnete, überhörte der Betroffene aus Gutmütigkeit diese Beleidigung, da er einer Gerichtsverhandlung oder einem Streit aus dem Wege gehen wollte. Seine Gemeindegenossen hatten aber für eine derartige Verhaltensweise kein Verständnis. Sie mieden von diesem Tag an das Haus ihres Dorfrichters und gingen ihm auch sonst aus dem Wege. Auch diese Angelegenheit konnte nur durch Eingreifen des Pflegers beigelegt werden. Der Beamte berief die Gemeinde zusammen und forderte sie auf, alle Beschwerden gegen den Richter vorzubringen und den Beweis für seine Schelmhaftigkeit anzutreten. Da vor offener Versammlung alle nur Gutes über ihn zu vermelden wussten, wurde der Streit beigelegt. Der Richter blieb im Amt, und der Verleumder wurde zu Gefängnis, 20 Reichstalern Geldstrafe und öffentlicher Abbitte verurteilt.

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So gutmütige Männer waren allerdings im 16., 17. und 18. Jahrhundert selten. Viel häufiger kennen wir Klagen über den Jähzorn und die Unbeherrschtheit der Richter und ihrer Geschworenen. So misshandelte etwa der Dorfrichter zu Langenlebarn im Jahre 1747 eine Frau, über die er sich geärgert hatte, derartig, dass sie tagelang in Lebensgefahr schwebte. Er musste deshalb an das Landgericht ausgeliefert werden.

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Aber auch zwischen dem Richter und seinen Geschworenen gab es mitunter Streit. So forderte der Dorfrichter von Pframa im Jahre 1660 einen seiner Geschworenen auf, ins Gerichtshaus zu kommen, um ihm bei der Einhebung der herrschaftlichen Abgaben behilflich zu sein. Der Betroffene erschien nicht, sondern begab sich mit seiner Schwester nach Kopfstetten ins Wirtshaus, um unauffindbar zu sein. Als der Richter ihn dann einige Tage später im Ortsgasthaus von Pframa traf, setzte er sich zu ihm. Der Geschworene forderte ihn zum Trinken auf, der Richter aber erklärte, er könne jetzt nicht viel Wein zu sich nehmen, da er nichts gegessen habe. Hierauf begann ihn der Geschworene zu schmähen und zu beschimpfen. Er sagte unter anderem, dass er ein feiner Richter sei, wo sich doch niemand um seine Anordnungen kümmere. Der Beleidigte versetzte hierauf dem Geschworenen "von Amtswegen" einen Stoß. Dies war der Beginn einer Wirtshausrauferei, bei der sich die Hüter von Ruhe und Ordnung am Boden balgten. Der Dorfrichter hätte schwere Prügel einstecken müssen, wenn ihm nicht seine Knechte zu Hilfe gekommen wären. Beim Nachspiel in der Kanzlei des Pflegers wurde der Geschworene zu öffentlicher Abbitte und zu 3 Reichstalern Geldstrafe verurteilte. Ein solches Verhalten war natürlich nicht geeignet, die Achtung der Gemeinde und die Autorität der Richter und der Geschworenen zu fördern.

Die Schuld an den zahlreichen Zwistigkeiten lag also teils bei der Gemeinde und teils bei den Organen. Sie alle konnten nur durch Eingreifen der Herrschaft bereinigt werden und standen zweifellos einem Ausbau des Selbstverwaltungsbereiches hinderlich entgegen. Es wäre aber falsch, diese Erscheinungen zu verallgemeinern. Oftmals wurde dem scheidenden Richter und seinen Geschworenen von der Herrschaft und der Gemeinde mit ehrlichem Empfinden gedankt, und nicht selten kam es zu einer fast einstimmigen Wiederwahl.

Neben der allgemeinen Verpflichtung, den Richter in allen Belangen zu unterstützen und zu beraten, hatte jeder Geschworene oder jedes Ratsmitglied noch einen speziellen Aufgabenbereich. Jeweils ein oder zwei von ihnen fungierten als Feuerbeschauer und hatten die Aufgabe, von Zeit zu Zeit die Feuerstellen und Rauchfänge zu besichtigen und mit Ermahnungen und Strafen einzuschreiten, wenn einzelne Hausbesitzer die Brandverhütungsvorschriften missachteten. Andere fungierten als Zimentierer (Anmerkung: Ziment - bayr. u. österr. veraltet für metallenes zylindrisches Maßgefäß)  und hatten die Maße und Gewichte der Wirte und der Händler zu überprüfen. Ebenso wurden die Ämter eines Brotbeschauers, Fleischbeschauers, Gewichtbeschauers usf. einem oder zwei Geschworenen bzw. Ratsmitgliedern übertragen.

Ein besonderes Amt war das des Gemeindevorsprechers oder Gemeinderedners. Diese Männer hatten ursprünglich in der Taidingsversammlung auf Befragen des Herrn oder seines Vertreters das Recht zu weisen. Nach Abschaffung dieses Brauches hatten sie im Taiding, bei außerordentlichen Gemeindeversammlungen und beim Vorbringen von Bitten und Beschwerden für die Gesamtgemeinde das Wort zu führen. Sie gehörten neben dem Richter, den Geschworenen bzw. Ratsmitgliedern und einigen Beisitzern dem Gemeindeausschuss an, der in manchen größeren Orten bestand und dessen Einberufung bei minderwichtigen Angelegenheiten die Vollversammlung der Gemeinde ersetzen konnte. Sie hatten schließlich auch bei der Prüfung der Gemeinderechnungen die Interessen der Gesamtgemeinde zu vertreten. Im Gegensatz zu den Richtern und Geschworenen waren sie nicht auch gleichzeitig Vertreter der Herrschaft. Ihre Bestellung erfolgte im allgemeinen ohne jede Einflussnahme von Seiten des Herrn durch freie Wahl oder Akklamation der Gemeinde. Eine bestimmte Amtsdauer gab es im allgemeinen nicht. Sie wurden meist am Beginn der Versammlung gewählt und konnten jederzeit von einem anderen abgelöst werden.

Von diesen ehrenamtlichen Gemeindefunktionären sind die besoldeten Gemeindeangestellten zu scheiden. Ihre Zahl war bei kleinen und ärmlichen Gemeinden sehr gering, da hier fast alle in Frage kommenden Arbeiten durch die Genossen im Rahmen der Gemeinderobot erledigt wurden. War aber eine Gemeinde größer und wohlhabender, dann trachteten die Bauern und Handwerker, dieser als lästig empfundenen Arbeitsverpflichtung ledig zu werden. Um das zu erreichen, wurden Lohnarbeiter aufgenommen und besoldet, die jene Arbeiten zu verrichten hatten.

Über die Aufnahme und Entlassung dieser Bediensteten entschied meist der Dorfrichter mit den Geschworenen, mitunter ein erweiterter Gemeindeausschuss. Wichtige Angelegenheiten waren der Gemeindeversammlung vorbehalten. Für die Überwachung der Arbeit und die pünktliche Auszahlung der Löhne war der Dorfrichter zuständig. Die Entlohnung bestand meist in Geld und Naturalien, wozu nicht selten auch freies Quartier in einem gemeindeeigenen Haus kam. So gab es an vielen Orten Hirten- oder Hüterhäuschen.

Bei Dorfgemeinden ist fast regelmäßig das Amt des Hirten zu finden, der das auf der Gemeindeweide und im Brachfeld weilende Vieh aller Dorfgenossen betreute. In größeren Gemeinden gab es nicht selten mehrere Hirten, von denen jeder eine bestimmte Viehgattung in seiner Obsorge hatte. So gab es in Böheimkirchen einen Hüter für das Groß- und einen für das Kleinvieh. In anderen Orten wurden eigene Schweine- und Schafhirten aufgenommen.

Bei Berggemeinden wurde jeden Spätsommer, wenn die Weintrauben heranzureifen begannen, ein oder mehrere Hüter bestellt, die den Diebstahl an Früchten verhindern sollten. Sie wurden bei ihrem Amtsantritt mitunter vereidigt. Sie schliefen in Hütten, die sie sich errichteten und die alljährlich nach der Lese wieder abgerissen wurden, damit sie nicht Vagabunden als Unterschlupf dienen können. Als Zeichen der Weingartenbehütung war es vielfach üblich, einen Hutstock aufzustellen. Wenn jemand in den Weingarten kam und vom Hüter nicht bemerkt wurde, dann bestand der Brauch, von diesem Stock ein Stück abzubrechen. Mitunter erhielten sie neben ihrem Lohn auch einen Anteil an den Strafgeldern, welche die von ihnen ertappten Traubendiebe bezahlen mussten. Diese Lohnzubuße sollte ihnen Anreiz zu besonderer Wachsamkeit sein. Ihre Aufmerksamkeit sollten sie im übrigen nicht nur auf Menschen, sondern vor allem auch auf das Wild und Nutzvieh lenken, das öfters aus den Wäldern und von den umliegenden Weiden in die Weingärten einzudringen versuchte.

Bei Städten und Märkten, aber auch bei einzelnen reichen Dorfgemeinden wurden eigene Wegmacher angestellt, denen die Straßenpflege und die Obsorge für die Erhaltung von Wegen und Stegen, sowie kleine Reparaturen an den Brücken übertragen wurden. Mitunter wurde ein Gemeindediener angestellt, dem die Sauberhaltung und Pflege der Straßen und Plätze, die Reinigung der Dorf- oder Marktbrunnen, der Viehtränken und Wasch- und Schwemmanlagen und die Instandhaltung der übrigen gemeinnützigen Einrichtungen übertragen wurde.

Wenn die Gemeindebadstube weder von den Dorfgenossen beheizt und gereinigt - wobei jede Woche ein anderer Hof an der Reihe war - noch verpachtet wurde, dann war der Bader Gemeindebediensteter. Ähnliches war bei in Gemeindebesitz befindlichen Wirtshäusern der Fall.

Wenn der Schulmeister von der Gemeinde besoldet wurde, ist er ebenfalls den Gemeindebediensteten beizuzählen.

Von diesen hauptberuflichen Gemeindeangestellten sind jene Hilfskräfte zu scheiden, die gewisse Arbeiten auf sich nahmen, um sich einen kleinen Zusatzverdienst zu verschaffen. In diese Kategorie gehörten meist die Gemeindeboten, die den Richtern und den Geschworenen die Mühe abnahmen, bei der Ansage der Robot, Mahnungen zur Abgabenleistung, Einberufung einer Gemeindeversammlung und vielen anderen Anlässen persönlich von Haus zu Haus zu gehen. Aber auch die Brunnenreinigung, Straßensäuberung und viele andere kleinere Gemeindearbeiten konnten auf diese Weise vergeben werden. Es waren vor allem Knechte, Taglöhner und eventuell auch arme Kleinhäusler, die solchen Nebenverdienst suchten.

Die Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung sowie der Schutz der Rechte des Herrn und der Untertanengemeinden wurde nicht nur als Angelegenheit der Grundherren, ihrer Berufsbeamten und der dem Untertanenstande angehörigen Gemeindefunktionäre angesehen. Wenn es galt, einen Verbrecher festzunehmen, eine Räuberbande zu bekämpfen, eine Rauferei zu beenden, Übergriffe Fremder auf das Gut des Herrn oder der Gemeinde abzuwehren, das Land gegen einfallende Feinde zu verteidigen, Feuersbrünste zu löschen, die Verwüstungen durch Hochwasser einzudämmen oder vermurte Wege und Straßen gang- und fahrbar zu machen, in allen diesen Fällen hatte die gesamte Gemeinde ihrem Herrn, seinen Beamten, den Richtern und Geschworenen beizustehen. Erst das 19. und 20. Jahrhundert beendete dieses patriarchalisch-persönliche Verhältnis zwischen Obrigkeit und Untertanen zugunsten einer unpersönlichen Bürokratie, die sich auf eine vom Staat bezahlte Exekutive stützt.

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