Protokoll aus dem Jahr 1945

Bis April 1945 diente R. W. (geb. 1912) bei der Deutschen Wehrmacht, wurde dann entlassen und wieder als Gendarm in Gastern eingesetzt.

Ein Deserteur der Deutschen Wehrmacht hielt sich in den letzten Tagen vor Kriegsende in Gastern versteckt und fand Unterschlupf bei seiner Familie, die hierher geflüchtet war.
Die sich zurückziehenden deutschen Soldaten warfen ihre Ausrüstungsgegenstände weg, häufig in die Teiche der Umgebung.

Am 10. Mai 1945, um 14.30 Uhr, kamen die Sowjets nach Gastern. R. W. hatte vom amtierenden Bürgermeister die Order, die Sowjets zu empfangen. Er erwartete sie daher ganz allein am Ortseingang. Die Sowjets kamen zu Fuß, nur die Offiziere saßen auf Wagen.

R. W. wurde sofort von den Sowjets entwaffnet und mußte sich auf einen der Pferdewagen setzen. Mit der Pistole im Nacken und ohne sich von seiner Familie verabschieden zu können, wurde er weggebracht.

In Wittingau (bei Budweis) verbrachte man die Nacht; R. W. schlief zwischen den sowjetischen Soldaten und nicht in einem versperrten Raum. Am nächsten Tag setzte sich eine Tschechin, der R. W. sein Schicksal erzählt hatte, bei den Sowjets für ihn ein. R. W. erkannte, daß man ihn wegen der drei Sterne auf seiner Gendarmerieuniform für einen deutschen General hielt und daher besonders sorgfältig bewachte. Auf Grund der Fürsprache durch die Tschechin und Klärung des wahren Sachverhaltes über seine Person schickte der sowjetische Kommandant R. W. unter Bewachung von jungen tschechischen Partisanen zur österreichischen Grenze zurück. Die Partisanen, etwa l5jährige Burschen, plünderten R. W. komplett aus und machten sogar Anstalten, ihn zu erschießen. Ein sowjetischer Kapitän, der zufällig vorbeikam, konnte aber noch rechtzeitig eingreifen und R. W. wahrscheinlich das Leben retten. Der Kapitän nahm R. W. mit dem Auto bis nach Wittingau mit. Dort bekam R. W. von einem tschechischen Polizisten, der ihn als Berufskollegen betrachtete, Zivilkleidung. Außerdem besorgte ihm der Tscheche einen Ausweis des Narodni vybor, mit welchem er ungehindert zu Fuß bis Gmünd kam.

Am 13. Mai 1945 kam R. W. nach Wiesmaden (bei Gastern), wohin seine Familie während seiner Abwesenheit übersiedelt war.

Das leerstehende Kaufhaus der Schwiegereltern von R. W. in Gastern wurde komplett ausgeplündert.

Die Frauen und Mädchen von Gastern flüchteten des Nachts häufig in die Pfarrkirche und versteckten sich im Presbyterium und auf dem Chor.

R. W. wurde wieder als Gendarm in Gastern aktiviert und in dieser Funktion von den Sowjets immer respektiert und human behandelt. Gekennzeichnet war R. W. als Sicherheitsbeamter zuerst nur mit einer rot-weiß-roten Armbinde, später erhielt er eine alte Uniform. Die Bewaffnung bestand lediglich aus einem Karabiner.

Im Juni 1945 umstellte eine Abteilung sowjetischer Kavallerie Gastern und suchte nach entlassenen deutschen Soldaten. Daneben wollten sie sicherlich auch in den Häusern requirieren. Als R. W. jedoch mit der Verständigung der sowjetischen Kommandantur in Waidhofen/Thaya drohte, verschwanden die Soldaten eilends.

Der örtliche Schuldirektor wurde von den Sowjets wegen seiner früheren Tätigkeit als NSV-Leiter in Gastern verhaftet. Nach drei Tagen intensiver Kreuzverhöre, bei denen er auch geschlagen wurde, kehrte er völlig gebrochen nach Gastern zurück.

Eine Wiener Textilfabrik hatte im Schloß Peigarten ein großes Warenlager angelegt. Dieses Lager wurde nun von vielen Einheimischen und den sowjetischen Soldaten geplündert. Der Inhaber dieser Firma beschwerte sich deshalb bei den amerikanischen Besatzungsbehörden in Wien, womit in dieser Angelegenheit eine internationale Komponente mit ins Spiel gebracht wurde. R. W. verfaßte daher eine Warnung vor weiteren Plünderungen und affichierte diese Kundmachung in den umliegenden Ortschaften. Deshalb stellten sowjetische Offiziere R. W. auf dem Gendarmerieposten zur Rede, denn sie fühlten sich durch eine Formulierung ("sowjetische Elemente") beleidigt. R. W. bekam arge Schwierigkeiten, konnte sich schließlich aber doch noch herausreden.

Im Sommer 1945 kam eine sowjetische Einheit nach Gastern und kaufte Heu von den Bauern. Diese Sowjets blieben zwei Monate im Ort stationiert, waren durchwegs nette Leute und verursachten keine Probleme. R. W. erinnert sich, daß sie ihm sogar gratis Brennholz in sein Haus führten.

Im Juni 1945 wurde wieder der reguläre Gendarmerieposten in Gastern errichtet. Es war dies der erste funktionstüchtige Posten im Bezirk Waidhofen/Thaya nach den Umbruchswirren. Von Karl Mann, dem damaligen Kommandanten des Österreichischen Sicherheitsdienstes in Waidhofen/Thaya, erhielt R. W. jedoch keine direkten Weisungen.

R. W. gab an, daß der beginnende Schleichhandel von den Gendarmeriebeamten zum Großteil toleriert wurde.

aus dem Buch "Das Jahr 1945 im politischen Bezirk´ Waiddhofen an der Thaya" von Christoph Schadauer

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