Protokoll aus dem Jahr 1945

Bereits im Jahre 1944 waren die Ablieferungsvorschreibungen landwirtschaftlicher Produkte seitens der Bauern schwer erfüllbar, teilweise überhaupt nicht. Anfangs 1945 wurden daher die Kontrollen der Vorratslager in den Bauernhäusern verstärkt und vor allem die Getreidebestände genau überprüft.

In Weißenbach gab es anfangs 1945 eine Reihe von Flüchtlingsfamilien aus Wien und dem östlichen Niederösterreich, die vor den Bomben und der heranziehenden Front im Waldviertel Schutz suchten.

Gegen Ende April 1945 wurden die Rückzugskolonnen deutscher Soldaten immer dichter. Noch am 8. Mai 1945 war die Straße in Richtung Ruders vollgestopft mit in Auflösung befindlichen deutschen Verbänden. Gewehre, Munition und Kriegsmaterial aller Art wurden weggeworfen und lagen in den Straßengräben, ein schrecklicher Anblick.

Am 9. Mai 1945 steckte man in Weißenbach weiße Fahnen aus, auch M. M. (geb. 1922) besorgte dies am Elternhaus. Am Nachmittag kamen die sowjetischen Soldaten in den Ort, es gab keine besonderen Vorkommnisse.

Groß war die Freude, als Rupert Winkelbauer (geb. 1923) am Pfingstsonntag zu Hause ankam. Er hatte bereits drei Jahre bei der Deutschen Wehrmacht gedient, war zu Kriegsende in der Nähe von Wiener Neustadt, geriet aber nicht in Gefangenschaft und konnte sich nach Weißenbach durchschlagen, wobei ihm seine Russischkenntnisse gute Dienste leisteten.

Rupert Winkelbauer sen. gehörte seit 9. Mai 1945 der provisorischen Ortswache in Weißenbach an und mußte turnusweise mithelfen, einigermaßen Ruhe und Ordnung zu erhalten und Übergriffe der Besatzungsmacht zu verhindern.

Man glaubte schon, das Ärgste überstanden zu haben, als am 5. Juni 1945 etwas Schreckliches passierte. Gegen 14 Uhr fuhr ein Pferdegespann mit zwei Rotarmisten durch Weißenbach. Eines der Pferde lahmte, weshalb es die Rotarmisten gegen ein gesundes Pferd auswechseln wollten. Ein Bauer kam mit einer Düngerfuhre daher, wurde von den Sowjets sofort angehalten, lehnte einen Pferdetausch aber entschieden ab. Es kam zu einer lautstarken Auseinandersetzung. Durch den Lärm aufgeschreckt, eilten Ortsbewohner - darunter auch Rupert Winkelbauer sen. - herbei. Die sowjetischen Soldaten, die unbewaffnet waren, sahen sich zwar in der Minderheit, bestanden aber auf dem Pferdetausch. Im allgemeinen Tumult wurde das sowjetische Gespann beschädigt und die Deichsel des Wagens abgebrochen. Die Rotarmisten, nun erst recht verärgert, konnten nur mit Mühe vor Tätlichkeiten zurückgehalten werden. Winkelbauer sen. gelang es, die abgebrochene Deichsel zu reparieren und so das Gespann wieder flott zu machen. Die beiden Rotarmisten merkten, daß sie gegen die Übermacht der Bauern nichts ausrichten konnten und fuhren weg, nicht ohne vorher durch drohende Gebärden und unmißverständliche Worte Rache und Vergeltung anzukünden.

Um 16 Uhr trat Winkelbauer sen. seinen Dienst als Mitglied der Ortswache an und hielt sich mit seinen Kameraden in der Ortsmitte (Straßenkreuzung) auf. Gegen 19.30 Uhr trafen plötzlich einige Rotarmisten, aus Richtung Gastern kommend, in Weißenbach ein und schossen mit den Maschinenpistolen ziel- und planlos auf die sich ihnen nähernden Männer der Ortswache. Rupert Winkelbauer sen., damals 55 Jahre, wurde tödlich getroffen in ein Haus geschleppt, wo er kurz darauf starb. Rupert Winkelbauer jun. und dessen Bruder Otto (geb. 1932), durch die Schüsse alarmiert, eilten zum Tatort und wurden ebenfalls von einer Salve getroffen. Rupert blieb schwerstens verletzt liegen und wurde mit drei weiteren Männern aus Weißenbach, die Schußwunden erlitten hatten, auf einem Pferdegespann ins Krankenhaus nach Waidhofen/Thaya transportiert. In der Nähe von Thaya erlag der erst 22 Jahre alte Bursche seinen schweren Verletzungen. Die drei leichter Verwundeten konnten im Krankenhaus Waidhofen/Thaya ärztlich versorgt werden.

Otto Winkelbauer erlitt einen Wadendurchschuß, wurde aber in häuslicher Pflege belassen, da ihn ein Arzt, der als Flüchtling in Weißenbach lebte, fachgerecht versorgen konnte. Die Drohung der beiden Rotarmisten vom Nachmittag hatte tatsächlich eine furchtbare Folgewirkung ausgelöst. Sie hatten zwar nicht selbst Rache geübt, aber Helfershelfer gefunden, die ohne Rücksicht von der Waffe Gebrauch machten und ein Blutbad anrichteten, bei dem zwei unschuldige Weißenbacher ihr Leben lassen mußten.

Am 6. Juni 1945 gab es erneut große Aufregung in Weißenbach. Das Geschehen des Vortages war auch bei der sowjetischen Kommandantur in Waidhofen/Thaya bekannt geworden. Daher erschienen gegen Mittag einige sowjetische Offiziere in Weißenbach und leiteten eine Untersuchung ein. Alle Männer des Ortes mußten sich versammeln und der sowjetischen Kommission Rede und Antwort stehen. Zwei Bauern wurden ohne ersichtlichen Grund verhaftet, nach Waidhofen/Thaya mitgenommen, im Haus Haydngasse 3 eingesperrt und vielen Verhören unterzogen.

Die sowjetischen Offiziere kamen auch in das Haus der Familie Winkelbauer, wo Vater und Sohn bereits aufgebahrt waren. Sie gaben der Witwe und deren Kindern gegenüber die Erklärung ab, daß die beiden Toten unschuldig und zu Unrecht späte Opfer des Krieges geworden wären. Von einer Bestrafung der Täter sprachen die Sowjets aber kein Wort.

Damit war aber diese Tragödie noch nicht abgeschlossen. Als sich der Zustand der drei Verwundeten im Spital Waidhofen/Thaya soweit gebessert hatte, daß man sie entlassen konnte, wurden sie zusammen mit einem am 6. Juni verhafteten Bauern aus Weißenbach zur Zwangsarbeit verurteilt und in die Sowjetunion gebracht. Zwei dieser vier Männer sind nach acht Jahren (1953) wieder nach Weißenbach heimgekehrt, von den zwei anderen hat man nichts mehr gehört, sie gelten heute noch als vermißt.

Am 8. Juni 1945 wurden Vater und Sohn Winkelbauer auf dem Friedhof in Gastern beerdigt. Dr. Alois Stöger aus St. Pölten, ab 1967 Weihbischof der Diözese, hielt am offenen Grab die Gedenkrede.

aus dem Buch "Das Jahr 1945 im politischen Bezirk´ Waiddhofen an der Thaya" von Christoph Schadauer

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